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Blödorn als Black Friday-Schnäppchen

Der Wirbel in den verschiedenen Ligen hat direkte Konsequenzen auf die Entscheidung von Norick Blödorn. Welche Überlegungen jetzt dahinterstecken.


Jetzt bloß keinen Denkfehler machen. Das Hickhack um die Fusion der beiden Ligen in England heißt nicht, dass es in den anderen führenden Speedwaynationen besser wäre. Sowohl in Schweden und sogar in Polen ist es um die Finanzen der Vereine schlecht bestellt.


In Polen brauchte Landsberg sogar ein Darlehen von den Stadtvätern, um die Schulden bei Verband und Fahrern abtragen zu können – wogegen sich in der grenznahen Stadt an der Warthe reger Widerstand in Teilen der Bevölkerung regte. Landsberg flog wegen der prekären Lage sogar zugunsten von Lodsch aus dem WM-Kalender, Lodsch hat nur einen Einjahresvertrag, weil man davon ausgeht, dass Landsberg 2027 wieder zurückkehrt.


Und auch in Tschenstochau hing die Weiterführung des Ligabetriebs im Herbst lange am seidenen Faden. Genau wie in Hallstavik in der schwedischen Elitserien. Über die wiederum schmetterte Peter Jansson, der Teammanager von Vargarna Norrköping, bei einer Begegnung beim Eisspeedway in Heerenveen schon im März eine Tirade nicht druckreifer Schimpfworte entgegen, Tenor: Die Klubverantwortlichen und der Verband betonten nur zu gern, wie professionell und gut besetzt die Liga sei – doch in Wahrheit würden alle Vereine von reinen Amateuren geführt, mit allen Nachteilen bei Orga und Vermarktung, die solch' eine Freizeitkonstellation mit sich bringe. Das werde aber in Schweden verleugnet.


2027 wird sich die Lage noch verschärfen. Dann führen die Polen eine Regel wieder ein, die es bis vor ein paar Jährchen schon Mal gab: Alle Fahrer, die in der Ekstraliga unter Vertrag stehen, dürfen dann nurmehr in einem Verein in einer anderen ausländischen Liga starten. Derzeit sind noch zwei Vereine neben Polen statthaft.


Davon sind bis auf Bartosz Zmarzlik und Patryk Dudek lückenlos alle Fahrer aus der erweiterten Weltspitze betroffen. U21-Paarweltmeister Norick Blödorn etwa startet in fünf Ligen: England, Schweden, Dänemark, Polen und Deutschland. In Schweden bleibt er bei Norrköping, in Deutschland steht eine Verlängerung mit Stralsund im Raum, sein Gang zum polnischen Meister Thorn ist der spektakulärste Wechsel eines deutschen Fahrers überhaupt.


Bleibt die Mutter aller Fragen: England oder Dänemark? Das Gerangel um die britische Zukunft – eine oder doch zwei Ligen? – führt zu einem Massenexodus nach Dänemark, deren SpeedwayLigaen sich gerade anschickt, zur neuen Großmacht zu mausern. Auch Blödorn hat Angebote aus jenem nördlichen Nachbarland zu seiner Heimat, in der er als Jungspund so viel gefahren hat.


Norick Blödorn bei der Speedway Talk Night in Zeven im November. Foto: Peter Grüne
Norick Blödorn bei der Speedway Talk Night in Zeven im November. Foto: Peter Grüne

Doch er muss abwägen gegen die Offerten aus England. Nach den jüngsten Entwicklungen möchte Belle Vue den 21-Jährigen halten. Denn dessen in der Saison 2025 zusammengefahrener Green Sheet-Average macht ihn zur heißen Ware auf dem Transfermarkt. Blödorn hat seinen CMA-Punkteschnitt gegenüber der Vorsaison verschlechtert, was maßgeblich daran lag, dass er in der vergangenen Saison auf einer höheren Planstelle innerhalb des Teams eingesetzt wurde als 2024.


Was bei Licht betrachtet heißt: Der Punkteschnitt von Blödorn spiegelt nicht dessen wahres Potenzial wider. Der Blondschopf ist schlechter eingestuft als er fährt. Und das macht ihn für die Teammanager so reizvoll: Man kann ihn aufgrund des niedrigen Average in ein Team einbauen, in das er von der Nettoleistung her nicht passen wäre – da er zu gut wäre. Doch der niedrige Average macht die Integration nötig. Blödorn wird in der schwer zu durchschauenden Arithmetik – und Sprache – des team buildung in England zu einer Art Geheimtipp: Man kann mit ihm das Team in depth stärken, ohne ganz darauf zu verzichten, es top-heavy mit zwei hoch gehandelten heat leaders zu planen.


Auf gut Deutsch: Mit Fahrern, die so eingestuft sind wie Blödorn, kann man den Gesamtaverage der Mannschaft so drücken, dass man sich zwei Topstars mit hohen numerischen Durchschnittskennzahlen leisten kann. Und der unter Wert eingestufte Fahrer wird sich bei normalem Saisonverlauf steigern, also zu einer Stütze bei der Homogenität der ganzen Mannschaft werden. Fahrer wie Blödorn sind daher gefragt.


Sie sind quasi der Black Friday-Deal auf dem Transfermarkt bei der Saisonplanung.


Erik Riss war vor einem Jahr, nach seiner Genesung, in einer ähnlichen Lage.


Das gibt ihnen aber auch beim Transferpoker besonders gute Karten auf die Hand. Sowohl finanziell als auch bei verschiedenen Teams, die ihnen offenstehen.


Allein diese Begehrlichkeit spricht schon für einen Verbleib in England. Auch wenn Dänemark mit einer Logistik lockt, die entschlackt wird: Fährt man nur noch auf dem Kontinent, nicht mehr auf der Insel, kann man seine Niederlassung in Großbritannien aufgeben. Dort muss man eigene Motorräder samt Transporter, Werkstatt und -zeug sowie einen Mechaniker unterhalten. Die Europaligen könnte man dagegen mit einer Basis in der Heimat beschicken, von wo aus eine Crew mit Transporter und Maschinen über den halben Kontinent tingelt wie ein kleiner Wanderzirkus. Blödorn verhandelt gerade mit einem neuen Mechaniker aus Polen, der ihn 2026 neben Vater Guido betreuen soll – was in der Ekstraliga unabdingbar ist.


Für Riss ist dieser Teil der Überlegungen obsolet: Er wohnt ohnehin mit Lebensgefährtin Jenny in Norfolk. Für Blödorn dagegen ist dieser Aspekt relevant – und eine klassische GuV: Was bringen ihm Starts in England, was kostet die Infrastruktur?


Ein Aspekt dieser Gedankenspiele ist die Planungssicherheit. Wer in England unter Vertrag kommt, kann sich darauf verlassen, dass er regelmäßig eingesetzt wird. Außer er ist verletzt – oder seine Leistung wird plötzlich derbe schlecht, sodass er rausgeschmissen wird.


Prinzipiell besteht in Großbritannien eine Mannschaft aus einem Kernaufgebot, dessen Fahrer aus stets zum Einsatz kommen. Max Fricke etwa hat neben Polen davon leben können, dass er in Großbritannien ausschließlich für seinen Stammverein Leicester Lions gefahren ist – ohne Doppelstarts in der ersten und zweiten Liga und sogar ohne einen einzigen Gasteinsatz als Verletzungsvertretung für andere Fahrer.


Diese Struktur gibt den Teammitgliedern auch eine solide Planungssicherheit: Sie können sich auf die Einsätze verlassen – und Geld gibt's im Speedway für Profis nur, wenn sie auch wirklich fahren. Nicht wenn sie nur zum Kader gehören.


In Dänemark wird anders geplant: mit Kadern, quasi mit Fahrerpools wie bei Herstellern im GT3-Sport, aus denen sich die Teammanager bedienen. Nur weil man in Dänemark – wie Blödorn bereits bei Region Varde Outrup und Sønderjylland Vojens – bei einem Verein unter Vertrag steht, heißt das nicht, dass man auch regelmäßig zum Einsatz kommt. Es kann genauso gut sein, dass man selten bis gar nicht angerufen wird. Im Zweifel allein schon, weil die Dänen eine Art Protektionisumus ihrer heimischen Fahrer pflegen: Man setzt eher auf Dänen als auf Ausländer, wenn man in etwa vergleichbar starke Drifter im Kader hat.


Blödorn hat das schon am eigenen Leib erfahren.


Das macht die Einnahmenseite für einen Fahrer, der sich auf Dänemark statt England konzentriert und dabei nicht in der Liga der absoluten Grand Prix-Stars wie Neo-Däne Dan Bewley fährt, zu einer wackeligen Angelegenheit – mit besonders hohem Ausfallrisiko.


Diese Kostennutzenrechnung und -abwägung spricht in Tateinheit mit der geplanten Rückstufung der Gesamtpunktezahl für britische Vereine und dem ungebührlich niedrigen persönlichen Average schwer dafür, dass Blödorn auch 2026 bei den Belle Vue Aces bleibt.


Noch scheint keine Entscheidung gefallen. Denn sonst wäre sie schon auf den WhatsApp-Kanälen verkündet worden, mit denen Blödorn seine Fans mit Nachrichten füttert und zum Mitreden einlädt: Dort gibt es in der Norick-Blödorn-Community die Gruppe Norick Blödorn – News und die für alle zum Chatten offene Gruppe Norick Blödorn – Talk. Momentan wird dort über eine Ausweitung der Merchandisingkollektion philosophiert. Doch sobald es zu den Vereinen des eloquenten Nordlichts etwas Neues gibt, erfährt man das auch dort in den News – und kann es kommentieren.


Die jüngsten Informationen aus England zeigen jedenfalls klar, in welche Richtung das Pendel momentan ausschwenkt.


 
 
 

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