Heimsieg auf der Wundertüte
- Norbert Ockenga
- vor 17 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Wie der MSC Cloppenburg auf eigener Bahn den Auftakt der Zweiten Bundesliga gewann.
Paul Weisheit hat alle Hände voll zu tun. In seinem zweiten Training vor dem Zweitligaauftakt in Cloppenburg hat der Reservefahrer der Teterower Hechte einen neuen Hinterreifen aufgezogen. „Und damit hat er ausgangs der ersten Kurve so viel Griff gekriegt, dass er einen Aufsteiger hatte“, staunt Dennis Richter, der Stiefvater des 16-Jährigen, „und es nur so gerade eben überhaupt geschafft hat, die Maschine bis zur nächsten Kurve wieder in den Griff zu kriegen.“
Denn die 235 Meter kurze Bahn des MSC Cloppenburg, auf der am Samstagabend der Auftakt zur Zweiten Bundesliga stattfand, weist eine Eigenheit auf. „Wir haben nur eine etwa zwei Zentimeter hohe lose Schicht obendrauf“, erläutert Mario Trupkovic, der die Bahn maßgeblich gestaltet hat, „und darunter liegt dann eine feste Decke aus Zementbeton. Auf die stößt man eigentlich sofort, sobald sich irgendwo eine Rille herausgefahren hat.“
Deswegen sagt Trupkovic, der ehemalige Sport- und Rennleiter des MSC Cloppenburg, auch: „Unsere Bahn ist eine Wundertüte.“
Auch auf den Startplätzen graben sich die Hinterreifen schnell bis auf die Betonschicht durch. Das allein macht den richtigen Gas- und Kupplungseinsatz schon zu einem Vabanquespiel. Zudem legt Startmarschall Michael Pendowski großen Wert darauf, dass die Fahrer ganz vorn am Band stehen. Denn ein bewährter Trick in Cloppenburg lautet: etwas Abstand zum Band, um noch im losen Geläuf anzufahren – und dann nach wenigen Zentimetern in die tiefe Furche einzutauchen und dort wegen des extra Haftbeiwerts auf schierem Beton ordentlich Zusatzschwung zu holen wie ein Dragster nach dem ersten wilden Wheelspin vorm Christmas Tree.
Unsere Bahn ist eine Wundertüte – Mario Trupkovic
Pendowski unterbindet diesen Trick – mit Nebenwirkungen. „Er sagt immer: ‚nach vorne. Nach vorne“, staunt Teterows Junior Bruno Preibisch, „und unter mir wird’s immer heißer und heißer.“ Dann gönnt sich Schiri Matze Stucke, ein ehemaliger Kultrennfahrer aus Westfalen, auch noch oft viel Zeit, ehe er das Startband hochschnellen lässt – und schon sind die Starts endgültig eine heikle Angelegenheit, die immer wieder Rodeoeinlagen oder Bummelzuganfahrttempo provozieren.
Im ersten Durchgang haben die Heimfahrer vom MSC Cloppenburg geschlossen den roten Startplatz. Damit machen sie kurzen Prozess: Die Gastgeber gewinnen jeden Lauf. Aber nicht als Start/Ziel-Sieg: Thies Schweer muss außen hart gegen Mike Jarczewski von den Herxheim Driftens arbeiten; im ersten Juniorenlauf fällt zudem Levi Böhme vom MSC Olching aus, weil er den Benzinhahn nicht aufgedreht hat. Carl Wynant ist nach seinem Start nur Dritter, hält sich dann aber sehenswert ganz weit innen am Strich und ringt so Marlon Hegener von den Teterower Hechten und Sebastian Adorjan vom MSC Olching nieder.

Kurz sieht es so aus, als könnten auch die Teterower Hechte im Kampf um den Sieg mitmischen. Danny Knakowski startet war mit einem letzten Rang. Doch Preibisch und Frehse haben, obschon nur Dritte, dicht Anschluss an die Vertreter der beiden vorab favorisierten Teams gehalten.
Jonny Wynant hat seine Hektik vom Freitag aus den Knochen: Da ist ihm auf der Anfahrt zum Liganordrennen nach Güstrow auf der Autobahn der Transporter eingegangen, sodass man aus dem Pannenmobil kurzerhand in den Wagen von Vater und Sohn Ulli und Thies Schweer hat umladen müssen. Sonnabends sind sowohl Wynant als auch das kaputte Van wieder in Cloppenburg – und der Lokalmatador landet zum Auftakt einen Start/Ziel-Sieg über den Olchinger Patrick Hyjek. Als auch Lukas Fienhage im Gipfeltreffen der A-Fahrer Martin Smolinski keine Chance lässt, schlägt das Pendel früh in in Richtung der Gastgeber aus.
Smolinski räumt ein: „In meinem zweiten Motorrad ist der Motor, der für Cloppenburg am besten passt. Aber ich wollte zunächst den anderen testen, weil ich dort etwas Neues probiert habe. Der hat aber die Kraft zu ungleichmäßig auf den Boden gebracht. Ich hätte auf die zweite Maschine wechseln sollen. Aber mir geht daheim die Zeit aus, beide Motorräder wieder zu reinigen – weil ich so viel Arbeit mit dem Tuning habe.“

Statt des Cloppenburg Special bleibt er auf der Maschine für längere und tiefere Bahnen. Smolinski und Hyjek gewinnen ihre nächsten beiden Läufe; Carl Wynant stürzt gegen Hyjek, Böhme revanchiert sich nach besserem Start als Schweer für die Schmach des vergessenen Benzinhahns. Und als Smolinski und Langbahnmann Daniel Spiller, der für Herxheim eines seiner seltenen Speedwayrennen bestreitet, vor Carl Wynant einlaufen, rückt Olching bis auf einen Punkt an Cloppenburg ran.
Doch das bleibt eine Momentaufnahme. Schweer startet im letzten Block schneller und ist danach uneinholbar. Fienhage schlägt „Smoli“, Jonny Wynant wiederum Hyjek. Und Carl Wynant lässt Sebastian Adorjan im letzten Durchgang keine Chance. Adorjan ist von Olching für Patricia Erhart aufgeboten worden. Denn die hat sich in Italien einen Schlüsselbeinbruch zugezogen und eine Platte eingesetzt bekommen, die sie noch 14 Tage außer Gefecht setzt. Erhart ist zwar mit in Olching, kann aber auf der C-Position nicht adäquat ersetzt werden.
So robbt sich Cloppenburg an der Spitze sukzessive wieder davon.
Teterow verliert derweil den Anschluss an das Spitzenduo. Frehse ist bester Mann, Hegener stürzt und zieht sich eine schmerzhafte Abschürfung an der Außenkante der rechten Hand zu, die runter geht bis aufs Fleisch. Knakowski bleibt in seinem dritten Heat mit Kettenriss am Start stehen. Danach muss Teterow nach hinten schauen. Doch Herxheim kommt trotz vierer Einwechslungen von Tim Widera nie in Tritt und bleibt drei Punkte hinter Teterow auf Rang 4.
Im Kampf um den Sieg entscheidet die C-Position: Carl Wynant und auch Mika Frehse aus Teterow schlagen Adorjan, der drei Mal Dritter und ein Mal Letzter wird. Als Carl Wynant seinen letzten Lauf vor Knakowski und Adorjan gewinnt, sind die Niedersachsen uneinholbar vorn.
Bruder Jonny Wynant stürzt danach bei einem Angriff auf Hyjek und wird mit Unterarmbruch im Rettungswagen behandelt. Hyjek gewinnt den Wiederholungslauf, Smolinski und Spiller siegen im letzten Heat vor Fienhage. Aber Cloppenburg behält mit 44 Laufpunkten die Oberhand vor Olching mit 41, Teterow mit 19 und Herxheim mit 16.



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