Im und am Inn
- Norbert Ockenga
- vor 11 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
NIcht nur beim Langbahnklassiker am Sonntag gehen Moderne und Tradition eine charmante Symbiose ein, sondern auch in der gastgebenen Stadt. Drum lohnt es sich, vor oder nach der Langbahn-DM noch eine Städtereise in Mühldorf dranzuhängen. Das zeigt auch die Bildergalerie zum Durchklicken mit Fotos von Heike Kleene.
Es ist heiß an diesen ersten Tagen im Juli. Und der Mühldorfer sucht sich seine ganz besondere Abkühlung: den Inn. Der Fluss schlängelt sich tief unterhalb der Stadt durch weites, bewaldetes Grün. Ein Teil seiner Ufer ist von schmalen Sandstränden gesäumt – gerade breit genug, um sich dort mit ausreichend Freiraum ausmehren zu können – und nach einem kurzen Sprung in die Strömung ein Sonnenbad zu nehmen.
Der Geheimtipp von Mühldorf liegt ein bisschen versteckt, außerhalb der eigentlichen Kernstadt; außerhalb der Stadtmauern; auf der anderen Seite der City wölbt sich der Stadtwall auf, doch wer an den Inn möchte, muss zunächst eine stadtauswärts führende Schnellstraße queren. Von dort führt eine kleine Straße in ein Wohngebiet mit Stadtvillen, und an deren Ende weist ein kleines Schild darauf hin, dass es hier zur Oase geht: „Innfußweg“.
Mühldorf hat seinen ganz eigenen Charme, historisch gewachsen, mit alter Bausubstanz und vielen kleinen Attraktionen und Hinguckern.
Der Inn ist daran nicht ganz unschuldig.
Er kommt hier noch als Alpenfluss an. Grün schimmernd. Schnell. Kraftvoll. Nicht gezähmt wie weiter flussabwärts. Seit Jahrhunderten bestimmt er das Leben der Stadt. Über ihn wurden Salz, Wein, Holz und Eisen transportiert. Händler machten Mühldorf reich, Fürstbischöfe aus Salzburg machten die Stadt bedeutend. Mehr als ein halbes Jahrtausend gehörte Mühldorf nicht zu Bayern, sondern zum Erzstift Salzburg – ein politischer Sonderfall mitten im heutigen Oberbayern. Erst die Säkularisation von 1802 änderte diese Ordnung.
Diese Geschichte lässt sich heute noch lesen.

Der fast einen halben Kilometer lange Stadtplatz gehört zu den eindrucksvollsten historischen Marktplätzen Süddeutschlands. Anders als in vielen bayerischen Städten wirkt hier nichts verspielt. Die Fassaden stehen dicht an dicht. Darüber die typischen Grabendächer des Inn-Salzach-Stils, deren Dachrinnen hinter den Fassaden verschwinden.
Arkaden ziehen sich beinahe durchgehend entlang der Häuser und schenken selbst an heißen Sommertagen Schatten. Mediterran wirkt das. Fast italienisch. Gleichzeitig unverkennbar altbayerisch. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1640 entstand dieses geschlossene Stadtbild neu – und blieb bis heute nahezu vollständig erhalten.
Man muss hier gar kein Ziel haben.
Es genügt, unter den Laubengängen zu schlendern. Immer wieder öffnet sich der Blick auf kleine Innenhöfe, Cafés und historische Häuser. Der Nagelschmiedturm markiert noch immer das westliche Ende des Platzes, während das Altöttinger Tor den östlichen Abschluss bildet. Dazwischen erzählt beinahe jedes Gebäude eine andere Geschichte.
Das Rathaus zeigt noch heute das achtschaufelige Mühlrad im Giebel. Im ehemaligen Haberkasten lagerten einst Getreidevorräte für schlechte Zeiten. Heute wird dort Kultur gelebt. Konzerte, Kabarett und Ausstellungen haben den Kornspeicher in einen der wichtigsten Veranstaltungsorte der Region verwandelt.
Nur wenige Schritte entfernt verändert sich die Stimmung völlig.
Der Inn liegt überraschend nah. Dort endet das städtische Leben beinahe abrupt. Uferwege führen durch Auwälder, Radfahrer verschwinden Richtung Österreich, Spaziergänger beobachten Wasservögel. Im Sommer setzt sogar noch eine kleine Fähre über den Fluss – ein Relikt aus einer Zeit, als Brücken keineswegs selbstverständlich waren. Auf der anderen Seite beginnt eine Landschaft, die zeigt, warum der Inn über Jahrtausende Handelsstraße und Lebensader zugleich war.
Doch Mühldorf besitzt auch eine zweite Geschichte.
Eine lautere.
Etwas außerhalb der Altstadt liegt eine Anlage, die zunächst wie eine gewöhnliche Pferderennbahn wirkt. Tatsächlich wurde sie genau dafür gebaut. Doch seit den zwanziger Jahren verwandelt sich das Oval regelmäßig in eine Motorsportarena. Hier trägt der Motorsportclub Mühldorf seine Langbahnrennen aus. Aus Trabrennen werden Weltmeisterschaftsläufe auf der Speedway-Langbahn. Wo sonst Pferde galoppieren, driften Motorräder mit weit über 130 km/h durch den losen Sand. Kaum irgendwo in Europa existiert diese ungewöhnliche Doppelnutzung einer Rennbahn bis heute in vergleichbarer Form.
Am diesem Sonntag, dem fünften Juli, findet auf der Piste, die direkt am Inn liegt, das Finale der Deutschen Langbahnmeisterschaft statt. 12 der besten deutschen Sand- und Grasbahnfahrer sind im Hauptfeld am Start, dazu gibt es eine Konkurrenz von Seitenwagen, ein Nachwuchsfeld der B-Lizenzsolisten und als besonderes Schmankerl Rennen mit historischen Zwei- und Vierventilern aus der Zeit, zu der die Motoren noch stehend eingebaut waren.
Quasi ein Oldtimer-Grand Prix im Rahmenprogramm des großen DM-Laufs.
Damit spiegelt das Geschehen auf der Sandbahn am kommenden Sonntag genau jenen Mix wider, der auch den Charme der gastgebenden Stadt ausmacht: Moderne verschmilz mit Tradition, ohne dabei Ewiggestrig zu wirken. Oder geschichtsvergessen gar.
Gerade dieser Kontrast macht auch den Reiz der ganzen Stadt aus.
Morgens Cappuccino unter jahrhundertealten Arkaden.
Nachmittags Sandfontänen und Methanolgeruch auf einer traditionsreichen Langbahn.
Abends die obligatorische Mass Helles mit bayerischen Schmankerln, am besten etwas außerhalb an der Münchner Straße, kurz hinterm Hotel Bastei und dem Netto-Markt auf der rechten Seite. Dort duckt sich etwas versteckt der Geheimtipp der Mühldorfer Gastrozene: ein Restaurant samt Biergarten mit bayerischen und österreichischen Spezialiten.
Dazwischen liegen nur wenige Minuten.
Auch die dunklen Kapitel werden nicht ausgeblendet. Im Mühldorfer Hart erinnern Gedenkstätten an das KZ-Außenlagersystem und den gigantischen Rüstungsbunker „Weingut I“, dessen Bau Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mit dem Leben bezahlten. Wer Mühldorf verstehen will, sollte auch diesen Teil seiner Geschichte kennen.
Genau darin liegt der eigentliche Charme dieser Stadt.
Sie drängt sich nicht auf.
Sie wirbt nicht mit Superlativen.
Sie muss nichts inszenieren.
Mühldorf erzählt einfach seine Geschichte. Von Salzschiffern und Erzbischöfen. Von Kaufleuten und Handwerkern. Von Pferderennen und Langbahn-Weltmeisterschaften. Von den Narben des 20. Jahrhunderts und vom ruhigen Leben am Fluss.
Viele Orte versuchen heute, authentisch zu wirken.
Mühldorf muss das nicht.
Es ist es längst.









































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