Aus Zwei mach’ Drei
- Norbert Ockenga
- vor 14 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
In Lodz wird aus dem WM-Duell plötzlich ein Dreikampf – weil ein Fahrer überhaupt nicht zurande kommt und ein anderer endlich den Deckel draufmachen kann.
Fast wie eine Zeitreise sei es gewesen, resümiert Robert Lambert am späten Samstagabend, und in seinen Augen schimmert es verräterisch. Eine gewisse Erleichterung und auch Rührung kann der Norfolikte aus Sandringham nicht verbergen, als er den Grand Prix von Polen noch Mal Revue passieren lässt. Fast, sagt er mit leiser Stimme, fühle sich der Abend wie jener vor zwei Jahren, als er seinen ersten und bis dato einzigen Grand Prix gewonnen hätte.
Fast zwei Jahre musste Lambert auf den nächsten Sieg warten. In Lodz beendete der Brite diese Durststrecke – und brachte gleichzeitig neuen Schwung in den Kampf um die Weltmeisterschaft.
Vor 9.900 Zuschauern in der erstmals ausgetragenen Veranstaltung in der Moto Arena setzte sich Lambert im Finale gegen den polnischen Europameister Patryk Dudek durch. Platz 3 ging an den Australier Brady Kurtz, Vierter wurde der Däne Michael Jepsen Jensen.
Mit seinem zweiten Erfolg der Karriere – dem ersten seit dem Triumph in Vojens am 14. September 2024 – verkürzte Lambert den Rückstand in der WM-Wertung auf nur noch acht Punkte und rückte mit 101 Zählern auf Rang 3 vor. „Es hat lange gedauert“, sagte Lambert. „Dieser Sieg fühlt sich fast so an wie mein erster. Seit Vojens ist viel Zeit vergangen.“
Der 27-Jährige zeigte sich vor allem mit seiner Reaktion auf die Schwierigkeiten im Verlauf des Rennabends zufrieden. Nachdem der fünfte Heat nicht nach Plan verlief, stellte sein Team das Motorrad für den Last Chance Qualifier gründlich um – mit Erfolg. „Im fünften Lauf hat das Setup nicht gepasst. Gerade in dieser Phase muss alles stimmen. Wir haben vor dem Hoffnungslauf einige Änderungen vorgenommen, und die haben funktioniert. Ich bin sehr zufrieden damit, wie wir das gemeinsam gelöst haben.“
Dieser Sieg fühlt sich fast so an wie mein erster. – Robert Lambert
Bereits beim Grand Prix Schweden hatte Lambert mit fünf Laufsiegen überzeugt, war jedoch überraschend vor dem Finale ausgeschieden. Diesmal machte er seine starke Leistung mit dem Gesamtsieg perfekt.
Obwohl Brady Kurtz den Sieg verpasste, übernahm der Australier die Führung in der Weltmeisterschaft. Er liegt mit 109 Punkten gleichauf mit Titelverteidiger Bartosz Zmarzlik. Da beide bislang jeweils einen Grand Prix gewonnen haben, geben Kurtz’ zwei zweite Plätze in Prag und Manchester den Ausschlag zugunsten des Australiers.
Zmarzlik verpasste in Lodz erstmals nach zuvor 14 Grand-Prix-Finals in Folge den Endlauf und musste sich mit elf WM-Punkten begnügen: Der Dauerweltmeister aus Stettin stocherte vergebens nach einer passenden Abstimmung, probierte alle drei Maschinen durch – und kam doch kaum mit keiner so zurande, dass er auf dem Granitbelag mit seinem ganz eigenen Charakter seine üblichen Stärken ausspielen konnte.
Zmarzlik fand – wenn überhaupt – stets nur eine einzige Linie, auf der er schnell fahren konnte. Die für ihn typische Versatilität mit spontanen Linienwechseln und damit möglich gemachten überfallartigen Überholmanövern ging Zmarlik in Mittelpolen völlig ab.
Lambert hält sich trotz seiner starken Ausgangsposition mit Kampfansagen zurück. Vor den letzten drei Veranstaltungen in Riga, Vojens und Thorn will er sich nicht zusätzlich unter Druck setzen „Nach der vergangenen Saison war mein Ziel zunächst, unter die Top 7 zu kommen und meinen Platz für das nächste Jahr zu sichern. Jetzt hat sich die Situation etwas verändert. Natürlich kämpfe ich nun um eine Medaille. Welche Farbe sie am Ende hat, werden wir sehen.“

Für Patryk Dudek bedeutete Rang 2 das bislang beste Ergebnis seit seiner Rückkehr in die Serie 2026. Mit 18 Punkten verbesserte sich der Europameister vom neunten auf den fünften Platz der Gesamtwertung. „Ich wusste, wie wichtig diese Punkte für die WM sind. Mein Ziel ist in dieser Saison zunächst die Top Sieben. Deshalb war das ein sehr guter Abend für mich. Jetzt unter den ersten 5 zu stehen, fühlt sich gut an“, sagte Dudek.
Nach einem schwierigen Saisonstart sieht sich der Pole wieder auf dem richtigen Weg: „Ich glaube, ich bin zurück. Es war ein großartiger Tag und ich hoffe, dass es nächste Woche genauso weitergeht.“
WM-Spitzenreiter Kurtz misst der Rückkehr in die Goldene Rennweste keine besondere Bedeutung bei. Entscheidend sei allein, die Führung nach dem Saisonfinale zu behaupten: „Ich mache mir wegen des Goldenen Trikots keinen großen Kopf. Wichtig ist, konstant zu bleiben, regelmäßig die Finals zu erreichen und Punkte zu sammeln. Entscheidend ist, wer die Goldene Weste nach dem Finale in Thorn trägt.“
Mit Platz 3 zeigte sich der Australier entsprechend zufrieden: „Das sind wieder wichtige Punkte. Natürlich hätte ich gerne gewonnen, aber: Glückwunsch an Rob. Er hat sich diesen Sieg absolut verdient.“
Dass Kurtz zwischen 2020 und 2022 für den Klub aus Lodz gefahren war, half ihm nach eigener Einschätzung kaum weiter. Die Grand Prix-Bahn habe sich deutlich von der Ligasversion unterschieden: „Das war nicht dieselbe Bahn wie in der Liga. Bei den Grands Prix ist jede Piste anders präpariert. Man muss sich jedes Mal neu darauf einstellen. Im Laufe des Abends wurde ich immer stärker – und genau das ist normaler Weise eine meiner größten Stärken.“



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