Das Duell, das keines war
- Norbert Ockenga
- 12. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Niclas Svensson drückt dem WM-Finale seinen Stempel auf, ohne dabei auf allzu feste Gegenwehr zu stoßen.
Niclas Svensson denkt eine Ecke weiter. Mitten in der Schar der Gratulanten reflektiert der Schwede über seine eigene Entwicklung, schaltet das Gewusel um sich herum einfach aus – und ordnet dabei das Geschehen beim WM-Finale in Heerenveen ein. „Der kommt mir fast ein bisschen vor wie ich früher“, sinniert er, und dabei wandert sein Blick rüber in die andere Ecke des Fahrerlagers – in die leere Box von Heikki Huusko. „Er war heute am Anfang auch enorm schnell. Aber bei ihm ist oft die Frage, ob das lange gutgeht – oder ob er stürzt.“
Genau dieser schmale Grat, auf dem der Finne stets wandelt, hat in der WM-Entscheidung eine mitentscheidende Rolle gespielt. Denn Huusko ist in den ersten drei Vorläufen der Einzige, der das Tempo und auch die Punkteausbeute von Svensson mitgehen kann. Doch nach drei Laufsiegen in Folge stürzt er, prellt sich dabei einen Arm, den er fortan mit Eis kühlen muss, verliert sowohl gegen Max Niedermaier als auch gegen Svensson – und fällt im Finale erneut.
Dabei hätte Landsmann Max Koivula die Hilfestellung von Huusko als Punkteklau gut gebrauchen können. Der Blondschopf musste ohnehin schon Boden auf WM-Tabellenführer Svensson gutmachen. Und dann ist er am entscheidenden Tag auch noch nicht voll auf der Höhe, sodass seine Leistung in den Vorläufen zu schwankend ist. „Er ist einfach müde“, überrascht Vater Janne Koivula bei der Analyse. „Denn er hat in den letzten Wochen jeden Tag von sechs bis 23 Uhr gearbeitet.“
Und das, obwohl seine Motorräder von Inzell gar nicht hoch nach Finnland gegangen sind, sondern bei Kumpel Leon Kramer und dessen Familie in den Niederland zwischengelagert waren? Die Müdigkeit seines Buben sei woanders hergekommen, erklärt der Vater: „Er hat sein Geschäft für Golfzubehör einen ganzen Monat früher wieder eröffnen als erwartet, weil die Golfsaison eher begonnen hat – es ist einfach schon früher als normal wieder warm geworden. Und abends hat er dann, nach der Arbeit im Laden, auch noch zwei Vorderräder neu mit Spikes gestochen, die er für Heerenveen fertig haben wollte.“

Die Abgeschlagenheit seines Filius’ schlägt sich direkt auf seine Leistung nieder: Nur hin und wieder blitzt jene Spritzigkeit und Kampfkraft auf, die Koivula eigentlich zum Favoriten auf den Titel hatte wirken lassen. Stattdessen muss er sich sogar über den Hoffnungslauf fürs Finale qualifizieren. Das tut er zwar souverän, indem er seine beiden deutschen Gegner mit einem unerwarteten Schachzug nach dem Start aussteigen lässt: Er schießt sofort auf die äußere Linie und stellt sowohl Luca Bauer als auch Max Niedermaier die Räume zu.
Niedermaier, der mit zwei Siegen und drei zweiten Plätzen sowie eindrucksvollen Fahrten auf der Außenbahn bärenstarke Vorläufe hinlegt, knurrt denn auch: „Den Start hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hatte erwartet, dass Koivula sofort nach innen geht, dass auch Bauer innen etwas probiert – und dass ich dann außen an beiden vorbeiziehen kann. Stattdessen hat Koivula uns beide blockiert – und dann stehst du fast.“
Niedermaier muss nach dem damit einhergehenden Schwungverlust auch noch Harald Simon passieren lassen, Koivula und Bauer ziehen ins Finale ein – zu Svensson und Huusko. Niedermaier bilanziert aber dennoch: „Ich bin trotzdem zufrieden, fast noch mehr als nach dem Sonntag in Inzell. Denn ich war vom Speed her dabei.“

Bauers Fazit klingt fast wie ein Echo. Er wird im Finale Dritter, und auch er hat vorher in den ersten Heats so ausgesehen, als könne er gewinnen und so Koivula mittelbar Schützenhilfe leisten. Nicht nur wegen seiner Prellungen geht er dabei auch stets den weiten Weg außen rum, auf dem der lädierte Körper nicht so sehr von den Furchen durchgeschüttelt wird: „Ich bin halt ein Außenfahrer. Und ich habe im Laufe des Abends meinen Fahrstil immer wieder ein bisschen angepasst: Ich bin nicht mehr mit so viel Gas in die Kurven reingefahren, damit mir so ein Sturz wie heute Morgen nicht wieder passiert.“
Zwar gibt es auch am Abend einige Stürze. „Aber das Eis war deutlich besser als am Morgen“, rückt Niedermaier gerade. „In der Nacht hat der Bahndienst scheinbar weniger Wasser gefahren, sondern einfach nur die Kühlung so kalt wie möglich gedreht. Dann wird das Eis hart. Jetzt haben sie fast den ganzen Nachmittag bewässert. Das hat das Eis etwas weicher gemacht.“
Für Bauer ist klar: „Ich war auf einem Level wie Huusko. Aber Svensson ist einfach der komplettere Fahrer.“
Und gegen den wäre selbst bei konstanterer Gegnerschaft am Samstagabend kein Kraut gewachsen gewesen. Svensson rauscht mit einem ungefährdeten Maximum durch den Grand Prix – mal mit einer halben Geraden Vorsprung, mal mit Überholmanövern, für die er zwei verschiedene Spuren aufmachen und nutzen kann. „Ich war“, lächelt er nachher mit dem Pokal in der Hand, „heute ziemlich entschlossen und zu allem bereit. Und wenn man sich dann wohl auf dem Motorrad fühlt, steigt auch das Selbstvertrauen – und dann läuft einfach alles.“
Nach den ersten beiden Vorlaufblöcken ist schon klar: Svensson will und kann die WM-Führung von der Spitze aus kontrollieren – und dabei nicht nur verwalten, sondern jederzeit Herr der Lage sein. Er ist der einzige, der flexibel fährt und agiert, mit dem Eis restlos klarkommt und stets der Schnellste ist.
Auch im Finale, dem letzten Hoffnungsstrohhalm, an den Koivula sich noch klammern kann. Doch da ist der Finne nicht nur ermattet – sondern auch noch verletzt: In Lauf 18 hat Lukáš Hutla ihn im Zweikampf um den Heatsieg am linken Unterschenkel erwischt und ihm mit seinen Spikes zwei tiefe Stiche ins Bein perforiert. Koivula muss nach der Siegerehrung sogar zum Rennarzt, der Nadel und Faden bemühen will.
Svensson hingegen schlägt auch im Finale sofort seinen Pflock ein, hängt Koivula bereits vor Halbzeit vorentscheidend ab und rast sicher zu seinem Grand Prix-Sieg in Folge. Und damit auch zum WM-Titel.
Einen Blick auf die starken ersten Rennen von Huusko hätte er dennoch geworfen, räumt er hinterher ein. „Ich war früher auch so wie er: schnell, aber mit vielen Unfällen. Dann habe ich aber vor drei Jahren meine Fahrweise ziemlich drastisch geändert. Denn ich habe gemerkt: Ich fahre Jahr für Jahr immer dieselben Resultate ein. Also musste ich etwas umstellen, um das nächste Level zu erreichen. Und das habe ich mit ziemlich viel Nachdenken geschafft.“
Damit schafft er etwas, das seinem Vater Stefan Svensson nie vergönnt gewesen ist: Einzelweltmeister zu werden, in der Endabrechnung vor Koivula und Bauer. Niedermaier wird hinter Huusko WM-Sechster – und Svensson ist nach Erik Stenlund, Posa Serenius und Martin Haarahiltunen der vierte Eisspeedwayweltmeister aus Schweden.



🏁FIM Ice Speedway of Nations-Heerenveen🇳🇱
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