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Der Fluch des einen Punkts

Eine Aufarbeitung des Team-WM-Halbfinals fördert eine Menge verblüffende Details und Handlungsstränge zutage.


Das Thema kochte am späten Abend hoch. Warum ist Kai Huckenbeck als Ersatzfahrer der Deutschen nur fünf Mal gefahren? Und nicht wie vom Regelwerk her möglich sechs Mal – wie es die Tschechen mit Jan Kvěch gemacht und die Deutschen so noch von Endrang 2 verdrängt haben?


In der Tat hatten die Teammanager Sascha Dörner und Mathias Bartz sich als Marschroute zurechtgelegt, im letzten Durchgang der nominierten Fahrer Huckenbeck zwei Mal einzusetzen, um so das Maximum der Möglichkeiten auszuloten: ein Mal für Mario Häusl im ersten Lauf des letzten Blocks, das zweite Mal für Lars Skupień zum Abschluss des Abends.


Doch dann stellte sich heraus: Man darf den Ersatzmann im letzten Durchgang nicht zwei, sondern nur ein Mal einwechseln.


Am Ende fehlt den Deutschen ein Punkt auf die Tschechen. Man kann sagen: Ist belanglos, denn ausgeschieden ist ausgeschieden. Doch für die Fahrer steht dahinter eine Metaebene: Für Endrang 2 gibt es mehr Preisgeld als für die dritte Stelle.


Wer hätte diesen einen Punkt holen können?


Norick Blödorn, nachdem er gerade einen Lauf gewonnen hat und dann im nächsten prompt Letzter wurde? „Wir hatten vorher einen Zahn schneller übersetzt und die Zündung entsprechend angepasst“, berichtet der Wildcardpilot vom Landshuter Grand Prix. „Fürs Rennen danach haben wir die Zündung wieder zurückgenommen – und das hat dann nicht mehr gepasst.“ Zudem sei die Pause zwischen den beiden Läufen sehr knapp gewesen, „um den Motor richtig runterzukühlen, vielleicht haben wir das auch nicht richtig hingekriegt“. Denn die Siegfahrt war ein Einsatz als taktische Reserve anstelle von Skupień, da die Deutschen zu dem Zeitpunkt mehr als fünf Punkte Rückstand aufwiesen.


Blödorn sagt aber mit entwaffnender Ehrlichkeit auch: „Ich würde das nicht aufs Motorrad oder auf die Technik schieben.“


Norick Blödorn gewinnt mit anderer Übersetzung Lauf 21 gegen Jan Kvěch, Tom Brennan und Nasar Parnitski. Foto: HighSpeedPhotographix
Norick Blödorn gewinnt mit anderer Übersetzung Lauf 21 gegen Jan Kvěch, Tom Brennan und Nasar Parnitski. Foto: HighSpeedPhotographix

Oder Kevin Wölbert? Der hat nach seinem ersten Einsatz das Motorrad gewechselt, auf eine Maschine mit einem schärferen Motor. „Ich hatte das Gefühl, dass mir am Ende der Geraden die Geschwindigkeit gefehlt hat. Wir haben alles Mögliche geändert – Übersetzung, Zündung, Düsen. Aber irgendwie hat nichts so richtig funktioniert.“ Allein ein Reifenschaden im letzten Lauf, als er vor Nasar Parnitski lag, hat schon einen sicher geglaubten Punkt gekostet. „Ich habe schon in der zweiten Runde auf einer Rille gemerkt, dass der Reifen von der Felge gesprungen ist. Der wird dann zwar von den Reifenhaltern noch auf der Felge gehalten, aber der Luftdruck sinkt langsam von 0,6 bar immer weiter ab. Das war mir sofort klar: Ich habe beim Fahren gemerkt, dass die Vibrationen immer doller wurden, weil ich auf der Felge fuhr. Da blieb dann nur noch, Parnitski vorbeizulassen, denn sonst hätte das auch böse enden können.“


Auf einer Rille also? Auch Wölbert ist offen in seiner Analyse: „Die Bahn war perfekt.“


Oder hätte gar ein anderer Fahrer statt Skupień geholfen, nachdem der Westfale ein Mal ins Band gerollt und beim zweiten Versuch spürbar vorsichtiger gestartet und dem Feld hinterdrein gefahren ist? Valentin Grobauer etwa? „Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich meinen Reservfahrerplatz zur Verfügung stellen würde, falls man mit mir planen sollte – für einen der ganz jungen Fahrer“, winkt Grobauer ab. „Denn man muss in die Aufgabe, die bei solchen großen Rennen wartet, langsam hineinwachsen. Das ist mit Ligarennen oder offenen Veranstaltungen nicht zu vergleichen. Deswegen habe ich angeregt, einen von den ganz jungen Fahrern auf die Reserveposition zu setzen – damit der dann aus nächster Nähe genau sieht, wie es bei solchen Rennen zugeht.“


Grobauer ist Jugendwart beim MSC Pocking, verfügt also über ein ganz besonderes Faible für junge Fahrer. „Wenn man zum ersten Mal bei solch’ einem Rennen dabei ist, dann muss man mit dem ganzen Druck klarkommen. Die Abläufe sind anders, die Konkurrenz ist härter – und allein schon, dass man vor vollen Rängen mit vielen Zuschauern fährt, die alle etwas von einem erwarten, muss man mental verkraften. Ich bin schon für Deutschland angetreten, seit ich 125er gefahren bin. Deswegen weiß ich, was es heißt, sein Land bei solchen großen Veranstaltungen zu vertreten. Diese Erfahrung wollte ich jetzt auch einem unserer ganz jungen Fahrer ermöglichen – damit sie jetzt schon für die Zukunft lernen.“


Doch die Jugend war anders unterwegs: Janek Konzack und Patrick Hyjek beim U24-Europapokal in Debrecen, Hannah Grunwald, Ben Iken und Carlos Gennerich beim offenen Rennen in Brokstedt. „Und Lars Skupień war einfach noch nicht bereit für diesen Einsatz.“


Dass Skupień die ihm zugedachte Rolle prinzipiell ausfüllen kann, hat der Lockenschopf in seinem letzten Heat bewiesen: mit soliden Punkten die beiden Flaggschifffahrer Huckenbeck und Blödorn unterstützen, wenn die Gegnerschaft es hergibt. „Aber er war offensichtlich nervös, was völlig normal ist in der Situation. Und er hatte auch Probleme mit den Reifen, die an so einem Tag nicht passieren dürfen. Denn bei einem WM-Lauf muss einfach alles passen – bei den Gegnern, auf die man dort trifft.“

 
 
 

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