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Der Sensenmann muss warten

Trotz eines happigen Fehlstarts zieht Dänemark in Riga noch ins Finale der Mannschafts-WM ein – dank einer couragierten Aufholjagd.


Die Sense schien in der Todesgruppe schon geschwungen. Nach dem ersten Durchgang beim zweiten Halbfinale der Mannschafts-WM in Riga sind die favorisierten Dänen – Letzter. Und zwar schon mit ordentlich Rückstand auf die führenden Schweden. Selbst von den Norwegern, die keiner auf dem Zettel hatte, haben die Dänen sich vorführen lassen.


Dann schafft das Team mit typisch dänischen Tugenden eine schon nicht mehr für möglich gehaltene Wende: Zusammenhalt, Entschlossenheit und Kampfkraft bis zur Rauflustigkeit, Hilfestellung untereinander und eine Attitüde, in der die Vokabel „aufgeben“ nicht vorkommt, zeigen, warum die Dänen im Speedway eine Ausnahmestellung einnehmen.


Mit einem verblüffenden Ausgang des Abends: Dänemark steht als vierte und letzte Nation im Finale der Team-WM. Die viermaligen Mannschaftsweltmeister gewinnen am Freitagabend das zweite Halbfinale in Riga mit 40 Punkten und sichern sich damit das Ticket für das große Finale am 29. August im PGE Narodowy in Warschau. Dort treffen sie auf Gastgeber und Titelverteidiger Polen, den Paarweltmeister Australien von 2025 sowie Großbritannien, das sich im ersten Halbfinale durchgesetzt hat


Dass Dänemark überhaupt mit einem Sieg aus Riga abreist, ist nach den ersten vier Läufen keineswegs abzusehen. Mickerige drei Punkte stehen zu diesem Zeitpunkt auf dem Konto. Dann gelingt der Mannschaft eine bemerkenswerte Wende. Die Dänen analysieren die Probleme, verändern die Motorräder und finden im weiteren Verlauf des Abends deutlich besser in den Wettbewerb. Am Ende steht nicht nur der Sieg, sondern mit 40 Punkten auch ein klarer Vorsprung auf die Konkurrenz.


Schweden und Gastgeber Lettland liefern sich dahinter ein enges Duell. Beide Mannschaften kommen auf 32 Punkte. Da Schweden jedoch fünf Laufsiege verbucht und Lettland lediglich drei, geht Platz 2 an die Schweden. Lettland muss sich mit Rang 3 begnügen. Norwegen, das erstmals in einem SWC-Halbfinale moderner Prägung antritt, belegt mit 15 Punkten den vierten Platz.


Mikkel Michelsen, der in Riga 10 Punkte zum dänischen Erfolg beisteuert, ist vor allem stolz darauf, wie seine Mannschaft nach dem katastrophalen Auftakt reagiert. Für Warschau erwartet er einen der spannendsten Speedway-Mannschaftswettbewerbe seit vielen Jahren. „Ich bin stolz auf die Mannschaft. Wir kamen wirklich nicht gut aus den Startlöchern. Nach dem ersten Lauf fragte ich mich echt: Was soll ich jetzt aus noch ausrichten?“


Dabei ist die Vorbereitung zunächst vielversprechend. Im Training funktionieren die dänischen Motorräder, die Fahrer setzen die schnellsten Zeiten. Doch zwischen Training und Wettbewerb verändert sich die Strecke deutlich. „Das Training war gut. Wir waren alle gut im Training, wir fuhren die schnellsten Zeiten. Aber das zeigt eben auch, wie stark sich die Strecke zwischen dem Training und dem Rennen verändert.“


Unserer Fahrer müssen im wahren Leben keine guten Freunde sein. Aber wenn wir hier fahren, haben sie zumindest für einen Abend Freunde zu sein. – Nicki Pedersen

Michelsen sieht deshalb einen wesentlichen Anteil am Erfolg darin, dass die Mannschaft nach dem Fehlstart nicht die Nerven verliert. „Ich glaube, wir müssen uns selbst Anerkennung dafür zollen. Wir machen das gut. Aber in Warschau werden wir mit so einem Start nicht davonkommen. Wir müssen von Anfang an ein bisschen besser sein.“


Der Däne erwartet im Finale einen echten Hammer. „Das wird ein Thriller in Warschau – die spannendste Team-WM sein, die man seit vielen Jahren verfolgen kann. Es gibt vier gute Nationen und vier Nationen mit Tiefe. Das wird harte Arbeit, aber ich freue mich wirklich darauf. Ich bin einfach stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein, mein Land zu vertreten, und ich freue mich auf Warschau.“


Auch Teammanager Nicki Pedersen ist vom schwachen Beginn seiner Mannschaft überrascht. Nach einer guten Trainingsleistung fällt der Auftakt im Rennen völlig anders aus. „Wir haben eine gute Trainingseinheit absolviert, aber als es im Rennen losgeht und wir die ersten vier Läufe hinter uns hatten, dachten wir nur: Wow. Was ist da passiert?“


Leon Madsen ist punktbester Fahrer einer dänischen Mannschaft mit unglaublichem Furor. Foto: FIM
Leon Madsen ist punktbester Fahrer einer dänischen Mannschaft mit unglaublichem Furor. Foto: FIM

Pedersen reagiert unmittelbar. Er holt die Fahrer zusammen, spricht mit ihnen über die Probleme und lässt die Motorräder anpassen. Die Fahrer wissen nach seiner Einschätzung selbst ziemlich genau, wo die Schwierigkeiten liegen. „Wir haben uns zusammengesetzt und gut miteinander gesprochen. Sie wussten ziemlich genau, was falsch läuft, und haben die Motorräder angepasst. Ich habe gesagt, dass wir ruhig und gelassen bleiben und uns auf den nächsten Block von Läufen konzentrieren müssen.“


Die Reaktion überzeugt den Teammanager. Dänemark dreht das Halbfinale und arbeitet sich bis an die Spitze. „Wir schaffen die Wende, und ich bin stolz auf die Truppe. Das Gute ist, dass die Jungs sehr gut zusammenarbeiten. Das ist für mich sehr wichtig. Sie müssen nicht die besten Freunde sein – aber während wir hier sind, müssen wir gute Freunde sein.“


Im Finale auf der größten Bühne des Wettbewerbs sieht Pedersen ohnehin völlig neue Bedingungen. „Sobald man in diesem Endlauf auf der großen Bühne steht, kann alles passieren. Natürlich wollen wir unser Bestes geben. Wir wollen definitiv um Gold kämpfen. Mannschaften wie Polen und Australien sind stark, aber wir müssen auf uns selbst schauen und unser Bestes geben. Hoffentlich haben wir das nötige Glück und können hoch zielen.“


Überragender dänischer Punktesammler in Riga ist Leon Madsen. Der Dänische Meister kommt auf 14 Punkte und liefert damit unmittelbar vor dem Speedway-Grand Prix von Lettland am Samstag einen wichtigen persönlichen Erfolg.


Madsen, der derzeit Rang 6 in der Speedway-Weltmeisterschaft belegt, probiert beim Setup seines Motorrads eine neue Abstimmung aus – mit offensichtlich deutlichem Erfolg.

„Es ist ein guter Abend für mich. Ich versuchte etwas Neues am Motorrad mit der Abstimmung aus. Ich glaube, das hätten wir schon vor langer Zeit machen sollen, aber besser spät als nie.“


Das neue Setup gibt ihm nicht nur beim Start mehr Vertrauen. Selbst wenn er nicht als Erster aus dem Start kommt, verfügt er anschließend über genügend Geschwindigkeit, um Positionen zurückzugewinnen. „Es scheint sehr gut zu funktionieren. Es fühlt sich ein bisschen wie früher an. Selbst wenn ich den Start nicht gewinne, habe ich noch die Geschwindigkeit, um nicht nur einfach hinterherzufahren – sondern mitzukommen und aufzuholen. Es fühlt sich gut an, und ich fühle mich auf dem Motorrad wohl. Für Samstag sieht es gut aus.“


Damit nimmt Madsen aus dem erfolgreichen Mannschaftsabend zusätzlich Selbstvertrauen für den Grand Prix von Lettland mit, der am Samstag ebenfalls auf dem Bikernieki Speedway Stadium stattfindet.


Eine wichtige Rolle für die Renncharakteristik spielt der umfassende Umbau der Bahn. Der Bikernieki Speedway Circuit erhielt für die Saison 2026 breitere Kurven, zusätzliche Überhöhungen und einen neuen Belag. Die Veränderungen machen sich bereits im Halbfinale bemerkbar.


Thomsen bewertet die neue Bahnbeschaffenheit positiv: „Sie ist definitiv viel besser als im vergangenen Jahr. Nach der Veränderung ist es eine besser befahrbare Rennstrecke. Auf den Geraden gibt es mehr Platz, deshalb wird es am Samstag einige Überholmanöver geben.“


Die neue Streckengeometrie verspricht damit auch für den folgenden Grand Prix mehr Rennvariablität. Gerade die breiteren Geraden und die veränderten Kurven sollen den Fahrern mehr Raum für Angriffe und Positionskämpfe geben.


Frederik Jakobsen sammelt bei seinem Debüt in der Team-WM vier Punkte für Dänemark. Für ihn liegt der Schlüssel zum Erfolg weniger in einzelnen Spitzenleistungen als in der geschlossenen Mannschaftsleistung. „Ich habe das Gefühl, dass wir einen großartigen Teamgeist und eine enorme Entschlossenheit zeigten. Wir bewiesen nach den ersten vier Läufen echten Charakter, indem wir als Mannschaft zurückschlugen.“


Der Unterschied zwischen einer guten Einzelleistung und einem erfolgreichen Mannschaftswettbewerb ist für Jakobsen entscheidend. „Das individuell zu schaffen, ist eine Sache. Aber wir müssen als Team zusammenarbeiten, sonst wird es in Warschau sehr schwierig. Es war fürwahr ein ereignisreicher Abend, aber am Ende machte er richtig Spaß.“


Kapitän Michael Jepsen Jensen steuert neun Punkte zum dänischen Sieg bei. Der 2012 in Målilla zum Weltmeister gekürte Mannschaftsführer freut sich besonders auf die Rückkehr auf die große Bühne im PGE Narodowy. „Das wird gewaltig. Warschau wird riesig, und Teil davon zu sein, wird großartig. Ich freue mich sehr darauf. Es wird fantastisch, dort zu sein, und ich glaube, dass wir etwas Grandioses erreichen können. Jetzt ist unsere Zeit zu glänzen.“


Hinter Dänemark entscheidet sich das Rennen um Platz 2 erst über die Zahl der Laufsiege. Schweden und Lettland liegen nach dem letzten Lauf jeweils bei 32 Punkten. Die Schweden gewinnen jedoch fünf Läufe, die Gastgeber kommen auf drei. Damit geht Rang zwei an Schweden, während Lettland als Dritter ebenso ausscheidet wie die Blaugelen


Für Schweden übernimmt der Schwedische Meister Kim Nilsson die Rolle des sogenannten Edelreservisten auf Position 5. Er ist mit 11 Punkten bester Punktehamsterer seiner Mannschaft und trägt damit entscheidend zum zweiten Platz bei.


Lettland wird von seinem Kapitän und Lokalmatador Andzejs Lebedevs angeführt. Der Dünaburger kommt auf 14 Punkte und erhält auf der heimischen Bahn die erwartete enorme Unterstützung der Zuschauer. Für ihn ist der Freitag zugleich eine gelungene Generalprobe für den Grand Prix. Lebedevs, der 2025 in Bikernieki Rang 3 im dortigen Grand Prix belegt hat, preist vor allem die Atmosphäre in Riga. „Ich genieße es hier in Riga vor meinem eigenen Publikum immer. Am Samstag werden noch mehr Menschen hier sein. Auch die Zuschauer am Freitag sind fantastisch. Sie bölken und geben mir unglaublich viel Unterstützung.“


Die Unterstützung aus den Rängen empfindet Lebedevs dabei als zweischneidig – sie erhöht den Druck, gibt ihm aber gleichzeitig zusätzliche Energie. „So viele Menschen hinter sich zu haben, ist Stress, aber gleichzeitig Motivation – positiver Stress.“


Norwegen beendet sein erstes WM-Halbfinale mit 15 Punkten auf dem vierten Platz. Bester Fahrer der Mannschaft ist Mathias Pollestad. Der ehemalige Bronzemedaillengewinner der SGP2 sammelt sechs Punkte und ist damit der erfolgreichste Norweger des Abends.


Damit ist das Teilnehmerfeld für das große Finale komplett: Dänemark, Polen, Australien und Großbritannien kämpfen am 29. August im PGE Narodowy in Warschau um den Mannschaftstitel.


Die Ausgangslage verspricht ein Finale auf höchstem Niveau. Polen tritt als Gastgeber und Titelverteidiger an, Australien kommt als Paarweltmeister von 2025, Großbritannien qualifiziert sich als Sieger des ersten Halbfinales und Dänemark reist nach seiner spektakulären Aufholjagd in Riga mit großem Selbstvertrauen an.


Für Dänemark ist der Weg nach Warschau dabei zugleich eine Warnung und ein Versprechen: Drei Punkte aus den ersten vier Läufen reichen in einem Halbfinale beinahe für einen frühen Rückschlag – doch die Mannschaft findet gemeinsam die Antwort.


Genau diese Fähigkeit zur Reaktion könnte im Finale entscheidend sein. Denn in Warschau treffen vier Nationen aufeinander, die nicht nur über einzelne Weltklassefahrer, sondern über die notwendige Tiefe verfügen, um einen schwachen Lauf eines Einzelnen auszugleichen.


Der Vergleich mit dem Finale von 2023 macht deutlich, was den 29. August erwartet: Schon damals liegen am Ende alle vier Mannschaften innerhalb von nur sechs Punkten. Diesmal kommt mit dem PGE Narodowy eine der größten und bedeutendsten Speedwaybühnen der Welt hinzu. Dänemark hat sich mit einer eindrucksvollen Aufholjagd dafür qualifiziert – und fährt nun mit dem klar formulierten Ziel nach Warschau, nicht nur dabei zu sein, sondern um Gold zu kämpfen.

 
 
 

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