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Der turbulente Weg zu Bronze

Deutschland wird nach einem höchst turbulenten B-Finale WM-Dritter. Was steckte wirklich an Hintergründen, Strategie, und Überlegungen im Nachmittag von Heerenveen?


Christoph Kirchner leert die Halbliterdose „Arschlecken 350“ in einem Zug. Das bayerische Bier muss einfach rein. Denn Kirchner ist einer der Hauptdarsteller der Deutschen auf ihrer Fahrt zum dritten Platz in der Team-WM.


Oder, wie es Mannschaftskapitän Max Niedermaier hinterher analysiert: „Ich habe zwar einen Haufen Punkte beigesteuert. Aber gewonnen hat die Bronzemedaille Christoph. Denn der hat sich da hinten durchgekämpft.“


Und das gleich mehrfach.


Doch zuerst hält Niedermaier die zu erwartende Auftaktniederlage gegen die Finnen klein, indem er den zunächst führenden Max Koivula auf der Außenbahn mit einer lange zurechtgelegten Attacke abfängt. „Dass er mir da eine Chance lässt – damit hätte ich selbst nicht gerechnet.“


Max Niedermaier zeigt mit diesem Überholmanöver vorbei an Max Koivula schon früh am Nachmittag, dass die Deutschen voll da sind. Foto: FIM
Max Niedermaier zeigt mit diesem Überholmanöver vorbei an Max Koivula schon früh am Nachmittag, dass die Deutschen voll da sind. Foto: FIM

Dann beginnen die Turbulenzen rund um Christoph Kirchner. Im Lauf gegen die Österreicher führt Niedermaier vor Kirchner sowie Martin Posch und Harald Simon. Die Österreicher versuchen alles, könnten auch schneller fahren als Kirchner – doch obwohl sie’s beide versuchen, findet keiner einen Weg vorbei.


Dann fährt Simon Kirchner in der Zieleingangskurve innen unters Motorrad, hebt den Bayern beim Rausbeschleunigen aus, rasiert ihm das Vorderrad weg und schickt ihn in die Ballen. Simon wird disqualifiziert – aber Kirchner humpelt unter Schmerzen ins Fahrerlager: „Ich schätze, dass ich mir das linke Sprunggelenk geprellt habe.“


Harald Simon hat Christoph Kirchner umgefahren und in die Ballen geschickt. Das macht eine taktische Variante mit Plan B nötig. Foto: FIM
Harald Simon hat Christoph Kirchner umgefahren und in die Ballen geschickt. Das macht eine taktische Variante mit Plan B nötig. Foto: FIM

Also muss Maximilian Niedermaier d.J. als Ersatzmann einspringen. Er hält bis zur letzten Kurve gegen die Niederländer den dritten Rang, stürzt dann aber: „Mir ist das Hinterrad weggegangen, weil ich ein bisschen zu früh am Gas war.“


Dann bricht die Benzinkrise aus. Auch aus dem Tank von Niedermaier d.J. wird nach dem Sturz jene gelbliche Neige abgelassen, die auf die Verunreinigung in mindestens zwei Kanistern hinweist. Doch die Mechaniker entsorgen die Plörre, sodass kein Beweis geführt werden kann, dass auch die Deutschen betroffen waren. Deswegen wird erst ab einem Lauf später alles wiederholt, was von dem verunreinigten Methanol betroffen war.


Niedermaier d.J. schildert: „Ich habe am Startband gedacht, der Benzinhahn war zu. Als ich beim Runterschauen sah, dass der offen war, habe ich ein bisschen mehr Gas gegeben.“ Danach sei der Motor wieder frei gelaufen; Niedermaier d.J. hätte erst später am Rande mitbekommen, dass er auch faulen Sprit im Tank gehabt hätte. Teamkapitän Niedermaier d.Ä. fügt hinzu: „Das alles hat uns gestriffen, aber nicht betroffen. Aber es hat schon alles ein bisschen gedauert. Mir ist es lieber, wenn es Zackzack geht.“ Doch die Jurysitzung und die Entscheidung des Vierergremiums zur Wiederholung der Läufe 8 bis 10 zieht sich.


Kirchner meldet sich zwischenzeitlich wieder einsatzbereit. Aber trotzdem kommt im nächsten Lauf erneut Niedermaier d.J.: „Weil der Lauf gegen die Schweden war, lautete unsere Taktik, dass ich da fahren kann – damit Christoph Kirchner sich nicht verbraucht.“ Denn die Niederlage gegen die Wikinger ist eh’ eingepreist gewesen.


Österreich und die Niederlande verabschieden sich schon früh aus dem Kampf um den Einzug ins B-Finale, in dem es um Bronze geht. Bei Harald Simon läuft sein erster Motor immer lahmer und zäher, nach dem Wechsel auf die Ersatzmaschine geht’s besser – aber nicht gut. Da hat Simon miterleben müssen, wie Teamkollege Martin Posch mit einer tiefen, offenen Wunde an einem Unterschenkel behandelt und abtransportiert werden muss: Posch ist gestürzt, Sebastian Reitsma ist ihm im engen Getümmel voll über den Unterschenkel gefahren, da er nicht mehr ausweichen konnte. „Das hat ihn im Kopf ganz durcheinandergebracht“, sagt Teammanager Fedde de Boer. „Aber er hat vorher schon nicht so richtig ins Rennen reingefunden gehabt.“


Andrej Diviš ist geknickt, nachdem er die entscheidenden Offensive von Christoph Kirchner einfach geschehen ließ. Foto: Heike Kleene
Andrej Diviš ist geknickt, nachdem er die entscheidenden Offensive von Christoph Kirchner einfach geschehen ließ. Foto: Heike Kleene

Österreich ist schon vorm Sturz abgeschlagen. Die Niederlande setzen durch Jasper Iwema immer wieder Ausrufezeichen. Aber das reicht nicht gegen ein Tschechien, das konsquent seine Taktik durchzieht: Sie sind in Lukáš Hutla ein Einmannteam, der einstige Europameister muss möglichst jeden Lauf gewinnen und hoffen, dass sein Teamkollege Andrej Diviš sich irgendwie auf den dritten Rang hangelt.


Mit dieser Strategie fangen sie sich in den Vorläufen zwar vier Laufpunkte Rückstand auf die Deutschen ein, bei denen Kirchner nach seiner Rückkehr mit schnellen Starts wieder hinter Niedermaier liefert.


Das Spiel um Platz 3 nimmt einen anderen Verlauf – und einen höchst turbulenten obendrein. Niedermaier d.Ä. ist vom Start weg vorn – und sieht, dass hinter ihm nicht Hutla, sondern Diviš fährt. Kirchner hängt dagegen auf dem letzten Platz. Hutla will ihn foppen und kirremachen, um so zu vermeiden, dass der vor den beiden fahrende Diviš noch Druck bekommt. Mit immer neuen Linienwechseln auf der Geraden und auch einem gewollten Platzverlust samt Rückkonter auf Rang 3 hält er Kirchner beschäftigt. Der Zweikampf kostet Zeit.


Max Niedermaier und Christoph Kirchner feiern WM-Endrang 3. Foto: FIM
Max Niedermaier und Christoph Kirchner feiern WM-Endrang 3. Foto: FIM

Tschechien spielt auf Platz 2 und 3, lässt Niedermaier fahren. Der sieht das Verderben kommen: „Ich habe auf dem Motorrad die ganze Zeit über gedacht: ‚Wie kann ich ihm helfen?‘ Aber mir ist nichts eingefallen.“



Kurz vor Schluss überspannt Hutla den Bogen, und Diviš drömelt vor den beiden vor sich hin. Kirchner überrumpelt Hutla mit einem abrupten Linienwechsel und wuselt sich dabei im Schlängelkurs auch noch an Diviš vorbei; die beiden Tschechen werden zu Slalomstangen in der Schussfahrt von Kirchner. „In solch’ einer Situation“, ächzt der Eisspeedwayrückkehrer, „machst du auf dem Motorrad alles rein aus Instinkt heraus und intuitiv.“


Dann knallt er die leere Dose „Arschlecken 350“ schwungvoll auf die Theke vor der Interviewkulissenwand von bahndienst.com im Flur vorm Fahrerlager von Heerenveen.

 
 
 

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