Die 2.000-Eurofrage
- Norbert Ockenga
- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Kostet ein profaner Wechselfehler Team Deutschland bei der Team-WM den zweiten Platz in der Gesamtwertung?
Es sind 18 Seiten. Doch nur zwei Absätze, die wirklich entscheidend sind für die Taktik. Und die am Ende über 2.000 Euro mehr oder weniger in der Mannschaftskasse entschieden haben. Denn genau so groß ist der Unterschied bei der Preisgeldausschüttung für den Zweiten und Dritten beim Halbfinale der Mannschafts-WM.
Wie man den Einsatzfahrer einsetzen kann, das regeln die Artikel 3.4 und 9.3 in besagten 18 Seiten der Ausschreibung, auf denen das gesamte Regelwerk der Mannschafts-WM ausformuliert ist.
In Artikel 3.4 ist die „Teamzusammensetzung“ geregelt. Darin heißt es auch: „Fahrer Nummer 5 kann während der Veranstaltung jeden Teamkollegen jederzeit ersetzen. Jeder Fahrer darf höchstens fünf Einsätze fahren – plus einen zusätzlichen Einsatz als Taktische Reserve bekommen.“
Und in Absatz 9.3 wird der Einsatz von diesen Taktischen Reservisten geregelt: „Wenn ein sechs oder mehr Laufpunkte hinter der Mannschaft der in der Gesamtwertung führenden Nation zurückliegt, darf der Teammanager einen Fahrer im nächsten oder den darauffolgenden Läufen ersetzen. Dieser kann irgendein anderer Fahrer aus dem Aufgebot sein, inklusive des Ersatzfahrers. Aber jeder Fahrer darf nur ein Mal als Taktische Reserve eingesetzt werden. Die Einwechselei muss aufhören, sobald die Mannschaft um weniger als sechs Punkte zurückliegt. Taktische Reserven sind in den Läufen der Nominierten, also von Heat 17 bis 20, nicht gestattet.“

Die deutschen Teammanager Sascha Dörner und Mathias Bartz hatten geplant, Huckenbeck im letzten Block, in dem jedes Team seine Fahrer individuell aufstellen kann, zwei Mal einzusetzen: am Anfang für Mario Häusl und am Ende für Lars Skupień. Das hatten sie auch intern allen Beteiligten so mitgeteilt. Doch als das umgesetzt werden sollte, wurden sie von den Offiziellen zurückgepfiffen: Der zweite Einsatz von Huckenbeck sei nicht mehr regelkonform.
Einen Fahrer zwei Mal pro Heatblock zwischen zwei Bahndiensten einzusetzen, ist ausdrücklich vorgesehen und erlaubt. So sieht es die Regel der Taktischen Reserve generell vor. Aber deren Einschränkung, dass die Taktische Reserve im letzten Durchgang der Nominierten nicht mehr erlaubt sei, macht einen feinklingigen Umgang mit der Benennung nötig.
Hätte man Huckenbeck in einem jener Heats, in denen er vorher eingewechselt worden ist, als „Taktische Reserve“ statt nur als „Ersatz“ angemeldet – dann hätte man sich dessen Einsatzkonto noch so weit freigehalten, dass er gemäß Artikel 3.4 im letzten Durchgang zwei Mal als normaler Ersatzmann hätte eingewechselt werden können.
Doch stattdessen wurde Huckenbeck bei jeder Einwechslung als „Ersatzmann“ angemeldet, nie als „Taktische Reserve“. Diese Position bekleidete lediglich Norick Blödorn als Ersatz für Skupień in Heat 13. Ist diese Wortklauberei, die im Motorsport üblich ist, am Ende entscheidend gewesen?
Im Englischen gibt es den schönen Begriff der „Race Execution“; er beschreibt, wie man als Team ein Rennen mit allen taktischen, technischen und fahrerischen Facetten umsetzt. Die „Race Execution“ ist eine Summe von Einzelheiten, die in einem holistischen Ansatz zusammenlaufen müssen: von der Teamzusammensetzung bis hin zur Koordinierung der technischen Änderungen bis hin zu allen Abläufen und strategischen Überlegungen.
Dörner und Bartz stehen nicht zum ersten Mal in Sachen „Race Execution“ in der Kritik. Bei der letzten Team-WM in Breslau haben sie vergessen, Lukas Fienhage mit auf die Aufzählung des ersten Zehnerkaders zu setzen, und dann bei der finale Aufstellung die Möglichkeit, den Besten als Ersatzmann aufzustellen, nicht genutzt. Bei der Paar-WM in Thorn haben sie den Deutschen gesagt, sie seien ausgeschieden und sollten ihre Maschinen ins Parc fermé abliefern, obwohl sie sich für das Stechen um den letzten Finalplatz qualifiziert hatten. Und für dieses Stechen hatten sie dann den Fahrern keine taktische Marschroute mitgegeben, auf die Ränge 2 und 3 und damit strategisch auf Platz und mithin Sieg im Duell zu gehen.
Und jetzt dieser Wechselfehler?
Huckenbeck hätte zwei Mal als „Taktische Reserve“ angemeldet werden können: Vor Heat 15 und vor Lauf 8 wiesen die Deutschen jeweils die dafür relevanten Rückstände von sechs Punkten auf Spitzenreiter Großbritannien auf. Hätten die Teammanager ihn ein Mal ausdrücklich als „Taktische Reserve“ reingebracht, dann hätten sie der ganzen Mannschaft mehr strategischen Spielraum für den Rest der Veranstaltung offen gehalten.
Und dann hätten sie ihren Plan, Huckenbeck im letzten Durchgang zwei Mal starten zu lassen, auch umsetzen können.
In jenem letzten Lauf wäre Huckenbeck gegen Stanislaw Melnitschuk, Leon Flint und Adam Bubba Bednář am Band gewesen. Der Engländer und der Tscheche waren am Freitagabend eh’ Totalausfälle. Und gegen Melnitschuk, den punktbesten Fahrer der Ukrainer, ist Huckenbeck zwar vorher nicht angetreten – war aber sowohl im Training als auch bei der Einzelauswertung der schnellsten Heatzeiten klar schneller als der Osteuropäer.
Er wäre also klarer Favorit auf einen Sieg im Abschlussheat gewesen. Der hätte Deutschland um einen Punkt an den Tschechen vorbei auf den zweiten Endrang des Abends gebracht. Und 2.000 Euro mehr Preisgeld in die Mannschaftskasse gespült. Also 400 Euro mehr pro Fahrer.



Kommentare