Ein Mann als Roter Faden
- Norbert Ockenga
- vor 5 Stunden
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Sepp Giggenbach ist auf den ersten Blick ein versatiler Hobbyrennfahrer. Doch tatsächlich ist der Bayer das verbindende Element, das den MSC Mühldorf und seine Sandbahn nach beiden Kriegen groß macht.
Wer Josef Giggenbach verstehen will, darf nicht mit seinem ersten Sieg beginnen.
Man muss mit seiner Zeit beginnen.
Josef Giggenbach wird am 1. April 1906 in Trostberg geboren. Betrachtet man seinen Lebenslauf oberflächlich, liest er sich wie die Geschichte eines erfolgreichen Motorradrennfahrers: Europameister, Werkstattbesitzer, Funktionär.
Doch das wird ihm nicht gerecht.
Tatsächlich erzählt seine Biografie weit mehr. Sie erzählt die Geschichte einer Generation, die mit Pferden aufwächst, den Motor entdeckt, zwei politische Systeme erlebt, einen Weltkrieg übersteht und schließlich dabei hilft, Deutschland wieder aufzubauen.
Als Sepp Giggenbach geboren wird, beherrschen Pferde noch den Alltag. Sie ziehen Wagen, Pflüge und Kutschen. Das Automobil ist eine Kuriosität für Wohlhabende. Motorräder existieren zwar bereits, sind aber eher technische Experimente als Gebrauchsgegenstände. Niemand kann ahnen, dass sich diese Welt innerhalb von nur zwanzig Jahren vollständig verändern wird.
1914 zieht die Familie Giggenbach nach Mühldorf. Das Datum ist bemerkenswert. Im selben Jahr beginnt der Erste Weltkrieg. Während Millionen Männer an den Fronten kämpfen, wächst ein kleiner Junge in einer Stadt auf, die später zu einem Zentrum des Bahnsports werden soll. Er erlebt nicht nur den Krieg, sondern auch die Folgen: den Zusammenbruch des Kaiserreichs, Revolution, Inflation und politische Unsicherheit.
Gerade in dieser Zeit beginnt Deutschland, sich neu zu erfinden. Die Technik wird zum Symbol des Aufbruchs. Flugzeuge, Automobile und Motorräder faszinieren eine ganze Generation. Was vor dem Krieg Luxus gewesen ist, wird nach dem Krieg Hoffnungsträger: Geschwindigkeit bedeutet Fortschritt. Motoren stehen für Zukunft.
Mühldorf ist dafür ein idealer Nährboden.
Die Stadt ist einer der wichtigsten Eisenbahnknoten Altbayerns. Tag für Tag rollen Lokomotiven durch den Bahnhof. Werkstätten reparieren Kessel, Achsen und Bremsen. Mechaniker gehören zum Stadtbild. Kurz darauf beginnt der Bau des Innkanals, eines der größten Infrastrukturprojekte Süddeutschlands. Ingenieure, Vermesser, Maschinenführer und Bauarbeiter bestimmen plötzlich das Leben einer Region, die jahrhundertelang vor allem landwirtschaftlich geprägt gewesen ist.

In dieser Atmosphäre wächst Giggenbach auf. Nicht zwischen Rennwagen. Sondern zwischen Werkzeug: Er wird Mechaniker.
Diese Berufswahl ist kein Zufall. Sie verbindet ihn mit vielen Pionieren des Motorsports seiner Zeit. Die ersten Rennfahrer kommen selten aus akademischen Berufen. Sie sind Schlosser, Mechaniker, Dreher oder Ingenieure. Sie verstehen Maschinen nicht theoretisch. Sie leben mit ihnen.
Während Giggenbach seine Lehre absolviert, entsteht am Rande Mühldorfs etwas Neues. Am 26. Juni 1921 wird eine Rennbahn eröffnet. Noch gehört sie den Pferden. Trabrennen bestimmen das Geschehen. Niemand spricht von einer Sandbahn. Niemand denkt an Weltmeisterschaftsläufe. Doch diese Bahn wird das Zentrum seines Lebens werden.
Zwei Jahre später entsteht der Motorsportclub Mühldorf.
Giggenbach gehört zu den jungen Männern, die sich von der neuen Technik angezogen fühlen. Seine erste Teilnahme an einer Vereinsveranstaltung endet unspektakulär. Er fährt kein Rennmotorrad, sondern ein Fahrrad mit Hilfsmotor. Nach 18 Kilometern bricht der Rahmen.
In vielen Biografien erscheint dieser Vorfall als Anekdote.
Dabei sagt er erstaunlich viel über seinen Charakter aus.
Er gibt nicht auf.
Er versucht es wieder.
Ein Jahr später fährt er erstmals auf der Mühldorfer Bahn Motorradrennen. Seine Maschine ist klein, schwach und aus heutiger Sicht geradezu bescheiden. Doch die Leistung der Fahrer bemisst sich damals nicht in der Zahl der Pferdestärken. Sie bemisst sich an Mut, Ausdauer und Improvisation. Bremsen sind schwach, Federungen kaum vorhanden, Schutzkleidung praktisch unbekannt. Jeder Start bedeutet ein ernsthaftes Risiko.
Giggenbach akzeptiert dieses Risiko.
1925 gewinnt er sein erstes Sandbahnrennen.
Von außen betrachtet beginnt hier eine sportliche Karriere. Tatsächlich beginnt etwas anderes.
Zum ersten Mal besitzt Mühldorf einen Fahrer, der aus den eigenen Reihen stammt. Die Rennbahn bringt nicht nur Veranstaltungen hervor. Sie bringt Menschen hervor.
Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich Giggenbach zu einem der besten Motorradfahrer Deutschlands. 1927 gewinnt er auf dem Nürburgring den Großen Preis von Deutschland und wird Europameister der 1.000-Kubikzentimeterklasse. Für eine kleine Stadt wie Mühldorf muss dieser Erfolg ungeheuer gewesen sein: Ein Mechaniker aus der Provinz schlägt die internationale Konkurrenz.
Doch auch jetzt bleibt Giggenbach vor allem eines: Mechaniker.
Er gründet 1930 seine eigene Werkstatt. Das ist typisch für seine Generation. Nur wenige Fahrer können allein vom Rennsport leben. Die Werkstatt sichert die Existenz. Das Rennen bringt Ansehen. Beides gehört untrennbar zusammen.
Dann verändert sich Deutschland erneut. 1933 übernehmen die Nationalsozialisten die Macht.
Für den deutschen Motorsport beginnt eine widersprüchliche Zeit. Einerseits fließen plötzlich staatliche Mittel. Der Motorsport wird zur Bühne technischer Überlegenheit erklärt. Mercedes-Benz und die Auto Union entwickeln die berühmten Silberpfeile. Fahrer wie Bernd Rosemeyer, der seine Wurzeln im Grasbahnsport Nordwestdeutschlands hat, Rudolf Caracciola oder Hans Stuck werden zu nationalen Ikonen.
Andererseits verliert der Sport seine politische Unabhängigkeit.
Auch Josef Giggenbach bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Er tritt 1933 der Motor-SS bei und wird später als Mechaniker und Fahrer für die Reichsleitung der NSDAP eingesetzt.
Diese Tatsache gehört zu seiner Biografie. Sie darf weder verschwiegen noch verkürzt werden. Ebenso wenig darf sie isoliert betrachtet werden.
Die Frage lautet nicht nur, was geschieht, sondern warum. Der Motorsport wird in diesen Jahren Teil staatlicher Selbstdarstellung. Viele Sportler geraten dadurch in die Nähe des Regimes. Jeder einzelne Lebensweg verdient eine sorgfältige historische Einordnung, die weder beschönigt noch vorschnell urteilt.
Der Krieg beendet schließlich auch Giggenbachs erste Karriere. Er gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Seine Werkstatt ist zerstört. Sein bisheriges Leben liegt in Trümmern.
Hier hätte seine Geschichte enden können. Sie beginnt noch einmal neu.
Nach seiner Rückkehr arbeitet Giggenbach zunächst wieder im Motorsport, aber nicht als gefeierter Europameister. Er beginnt bescheiden als Schmiermaxe im Seitenwagensport. Danach baut er sich gemeinsam mit seinem Bruder erneut eine Werkstatt auf.
Gerade dieser zweite Lebensabschnitt macht seine eigentliche Größe aus. Er lebt nicht von vergangenen Erfolgen. Er arbeitet. Er organisiert. Er hilft beim Wiederaufbau des Motorsports. Er übernimmt Verantwortung im Motorsportverband. Er engagiert sich kommunalpolitisch und sitzt viele Jahre im Stadtrat von Mühldorf.
Damit verändert sich auch seine Rolle. Aus dem Rennfahrer wird ein Gestalter. Aus dem jungen Mechaniker wird eine Institution.
Gerade jetzt wird seine Bedeutung für den MSC besonders groß. Denn viele Vereine verlieren nach 1945 ihre Vorkriegsgeneration. Mühldorf nicht. Giggenbach ist noch da. Er kennt die alte Zeit. Er kennt die Menschen. Er kennt die Bahn. Er wird zur lebenden Verbindung zwischen Vorkriegs- und Nachkriegs-MSC.
Als der Verein Pfingsten 1948 sein erstes Rennen nach dem Krieg veranstaltet, kommen rund 40.000 Zuschauer nach Mühldorf. Der langjährige Vorsitzende Josef Frohnwieser beschreibt später die Stimmung mit einem bemerkenswerten Satz: „Man spürte den Hunger der Menschen nach friedlicher sportlicher Auseinandersetzung.“
Giggenbach gehört zu den Männern, die diesen Neuanfang tragen.
Von nun an verändert sich seine Rolle. Er gewinnt nicht mehr nur Rennen.
Er organisiert. Er hilft. Er wirkt als Sportwart. Er gibt sein Wissen weiter.
Und genau hier beginnt wahrscheinlich seine größte Leistung.
Der spätere Europameister Manfred Poschenrieder ist ein Beispiel dafür. Der langjährige MSC-Vorsitzende Josef Frohnwieser beschreibt ihn ausdrücklich als Schützling von Sepp Giggenbach. Auch familiäre Verbindungen über die Familie Giggenbach halten die Bindung zwischen Poschenrieder und dem Verein eng zusammen.
Das ist mehr als eine Randnotiz. Es zeigt, dass Giggenbach nicht nur Rennfahrer hervorbringt. Er prägt Generationen. Er wird zum Mentor.
Josef Giggenbach war nicht der größte Fahrer des MSC Mühldorf. Er war sein Gedächtnis. Sein erstes Idol. Sein wichtigster Botschafter. Sein Lehrer. Sein Mentor. Und vor allem: der Mann, der den jungen Verein von den improvisierten Zuverlässigkeitsfahrten des Jahres 1923 bis in die moderne Nachkriegszeit begleitet.
Man muss ihn als die personifizierte Geschichte des MSC Mühldorf behandeln.
Als Josef Giggenbach 1987 stirbt, endet nicht nur das Leben eines Europameisters.
Es endet die Biografie eines Mannes, dessen persönlicher Weg fast deckungsgleich mit der Entwicklung des deutschen Motorsports verläuft. Er erlebt den Übergang vom Pferd zum Motor. Er erlebt die euphorischen Jahre der Weimarer Republik. Er erlebt die Instrumentalisierung des Sports im Nationalsozialismus. Er erlebt Krieg, Niederlage und Neuanfang.
Und er erlebt, wie aus einer kleinen Pferderennbahn am Inn eine der großen Sandbahnen Europas wird. Vielleicht ist genau das seine eigentliche Bedeutung. Josef Giggenbach ist nicht der erste Held des MSC Mühldorf. Er ist der rote Faden, der die Geschichte der Rennbahn mit der Geschichte Deutschlands verbindet.



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