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Eine Runde aus der Helmperspektive

Peter Stanislawski ist in den Siebzigern einer der Lokalmatadoren, die den Bergring als Fahrer in Angriff genommen haben, und wurde später Funktionär beim MC Bergring Teterow. Hier schildert der Sprössling einer wahren Bergring-Dynastie, wie sich eine Runde auf der Nordschleife des Bahnsports aus Fahrersicht anfühlt.


Am Vorstart herrscht Ruhe, aber nur äußerlich. Meine Kontrahenten und ich wissen, dass sich jeden Moment der Schlagbaum öffnet und der Start bevorsteht. Ich bin aufgeregt, gehe noch Mal den 1877-Meterkurs in Gedanken durch. Dann ein Blick auf meine Maschine: Ist alles in Ordnung? Wurde aufgetankt? Der Sturzhelm sitzt auf meinem Kopf.


Und dann ist es soweit.


Schnell noch Brille und Gesichtsschutz auf die Nase, den Totmacher ums Handgelenk – und schon schiebt mein Schmiermaxe mich an. Startplatzeinweiser stehen mit Startnummertafeln geordnet vor der Startlinie und weisen mir meinen Platz zu.


Die Ampel steht auf Rot. Der Startmarschall winkt mich und das gesamte Fahrerfeld ans Band.


Jetzt noch die optimale Startposition einnehmen, nicht zu weit vorn, aber auch nicht zu weit hinten sitzen.


Grünes Licht.


Noch maximal drei Sekunden, dann geht das Band hoch.


Ich gebe Gas, mein Motor heult auf – und ab geht die Post. Den ersten Gang fahre

ich etwas länger aus als auf einer normalen Sand- oder Grasbahn, denn es geht ja bergauf. Nach 20 Metern ziehe ich am Hebel und schalte in Gang 2. Das gibt noch mal einen richtigen Schub.


Peter Stanislawski schildert eine Bergringrunde aus Fahrersicht. Foto: ADAC Hansa
Peter Stanislawski schildert eine Bergringrunde aus Fahrersicht. Foto: ADAC Hansa

Schon ist die erste Rechtskurve zu durchfahren, danach muss ich meine Augen gleich wieder auf eine Linkskurve programmieren. Dann geht es 50 Meter leicht bergab – und schon wieder in eine Rechtskurve hinein. Dieses Stück bezeichne ich als „S-Kurve". Um hier schnell durchzukommen, bin ich einen Gedanken voraus: rechts-links-rechts.


Die Anfahrt zur Nordkurve steht bevor. Mit vollem Speed fahre ich fast bis zum Eingang, nehme dann komplett das Gas zurück, damit der Motor bremst. Die Crosser lassen das Gas

länger stehen, denn sie haben ja Bremsen, meine 500er-Bahnmaschine nicht.


Um nicht zu sehr im Speedwaystil zu driften, gehe ich die Nordkurve von ganz außen an und brauche meine Maschine nicht so extrem umzulegen. Mitte der Bahn geht es weiter durch den Krähenhorst, den Gasgriff wieder am Anschlag.


Der Hechtsprung steht bevor. Ich denke an den ersten Goldhelmgewinner von 1974, Rolf Perner, der mir mal folgenden Rat mit auf die Reise gab: „Fliegst du gern durch die Lüfte, fahre mittig oder links über den Hechtsprung. Magst du länger Boden

unter den Füßen, wähle die rechte Seite".


Springen ist nicht so mein Ding, also ziehe ich meine Maschine nach rechts und fliege nur ein paar wenige Meter weit. Gleich nach dem Aufsetzen wechsele ich die Spur nach ganz links. Warum? Die nächste Rechtskurve auf Höhe des jetzigen DRK-Schulungsheims kommt, nachdem es ein Stück bergauf geht, in greifbarer Nähe auf mich zu. Um auch diese mit hoher Geschwindigkeit zu meistern, fahre ich sie von außen an. Denn gleich danach geht es nach links und schon kommt der geschwindigkeitsintensive Hans-Winkler-Hang.


Ich wähle auf diesem kompletten Abschnitt die Mittellinie der Bahn. Zwei Mal hebt sich mein Vorderrad in die Höhe, sogar einen leichten Sprung kann ich nicht verhindern. Spitzengeschwindigkeiten von über 160 km/h wurden hier schon gemessen. Kein Wunder, denn der Rundenrekord von Simon Wigg aus England über 121 km/h spricht dafür.


Es geht immer noch im Linksdrall durch die Südkurve, wieder etwas bergauf, und schon habe ich die Zielkurve vor den Augen. Auch diesen Abschnitt fahre ich von außen an, um nicht allzu sehr an Geschwindigkeit zu verlieren.


Die rechte Bande ist nah, sehr nah. „Nur kein Gas wegnehmen“, denke ich. Denn dann würden physikalische Gesetzmäßigkeiten greifen, und ich werde noch weiter nach außen getragen, was einen möglichen Sturz zur Folge hätte.


Wieder mit Vollgas überquere ich die Start- und Ziellinie, fahre den Startberg ganz links hinauf. Warum? Die nächste Rechtskurve befindet sich unmittelbar vor meinem Visier. UNd wenn ich sie von außen anfahre, komme ich schneller durch.


Wie nach dem Hechtsprung.


Und so geht es Runde um Runde weiter, bis die erlösende schwarzweißkarierte Fahne zum Vorschein kommt. Zuschauer habe ich während des Rennens nicht wahrgenommen, denn der Teterower Bergring verlangte von mir vollste Konzentration.


Steigungen und Gefalle von bis zu 16 Prozent musste ich meistern, mehrere Links- und Rechtspassagen durchqueren.


Zurück im Fahrerlager, klopft mir mein Mechaniker auf die Schulter.


Ich habe die vier oder fünf Runden überstanden.

 
 
 

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