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Oranje boven als Lockmittel?

Der Vorverkauf für die Team-WM in Heerenveen läuft schleppend. Dabei haben die Veranstalter den bestmöglichen Köder an der Angel: Ihre Nationalmannschaft verfügt über echte Medaillenchancen – und das nicht erst, seit die Konkurrenz sich selbst zerzaust.


Erik Hoekstra blickt mit sorgenvoller Miene in sein Mobiltelefon. Der Chef der Eisspeedwayveranstalter von Heerenveen kann die Vorverkäufe der Eintrittskarten für die Dreitagesveranstaltung ab dem 10. April in Echtzeit abrufen und verfolgen.


Und die Zahlen, die er dort sieht, treiben ihm Sorgenfalten hinter die Brille. „Die FIM wollte unbedingt, dass wir am letzten Tag die Mannschafts-WM austragen – statt des vierten Einzel-Grands Prix“, hadert Hoekstra. „Aber für unsere Ticketverkäufe war das keine so gute Idee.“


Denn die Statistiken im Handy zeigen: Bislang sind mehr Vorbestellungen für das Rahmenrennen um den Roloef-Thijs-Pokal am Freitagabend eingegangen als für die Team-WM am Sonntag. Und am meisten natürlich für den Einzelwettbewerb am Sonnabend.


Für unseren Vorverkauf war die Team-WM keine so gute Idee. – Erik Hoekstra

Die Diskrepanz zwischen Thijs-Pokal und Team-WM ist zwar nicht groß – aber erstaunlich. Denn das Freitagsrennen ist für Nachwuchsfahrer und Amateure gedacht, sein sportlicher Wert und auch die Relevanz ist nicht zu vergleichen mit der Team-WM.


Und die Zurückhaltung der Niederländer muss umso mehr verblüffen, wenn man sich genau mit den sportlichen Perspektiven befasst. Die Gastgeber gehen nämlich mit einer Mannschaft ins Rennen, die reelle Chancen auf einen Platz auf dem Treppchen hat. Jasper Iwema ist das Zugpferd, der ehemalige Rundstreckenfahrer aus der Nähe von Groningen wird aber von zwei Fahrern flankiert, die beinahe auf Augenhöhe mit ihm fahren können. Sebastian Reitsma als Youngster aus der Nähe von Leeuwarden hat zwar bislang nicht sein volles Potenzial abrufen können, weil er lange mit lädierter Schulter gefahren ist, kann aber das Tempo von Iwema mitgehen. Und Leon Kramer als dritter Mann hat in diesem Winter in Schweden eine rasante Entwicklung genommen.



Heerenveen-Veranstalter Erik Hoekstra, hier im Gespräch mit Jasper Iwema, hofft noch auf den Oranje-Effekt bei den Besucherzahlen für Sonntag. Foto: Heike Kleene
Heerenveen-Veranstalter Erik Hoekstra, hier im Gespräch mit Jasper Iwema, hofft noch auf den Oranje-Effekt bei den Besucherzahlen für Sonntag. Foto: Heike Kleene

Das Dreigestirn aus Iwema, Reitsma und Kramer ist derart homogen und schnell, dass es auf der Heimbahn ohne Weiteres zur dritten Kraft avancieren kann – und vielleicht sogar imstande sein könnte, die beiden nordischen Nationen zu piesacken. Zumal ein dickes Fragezeichen darüber schwebt, ob Schweden überhaupt mit dem ersten Sturm antreten kann: Martin Haarahiltunen ist zwar am Mittwoch, dem 25. März, plangemäß operiert worden – kennt aber auch am Tag drauf noch immer nicht den vollen Umfang seiner Diagnose, Therapie und Prognose. Dass er in Heerenveen startet, ist inzwischen so wahrscheinlich wie der erste Grand Prix-Sieg von Audi in der Formel 1.


Auch Deutschland und Österreich schicken nach internen Querelen zwischen Verband und meinungsstarken Fahrern nicht ihre theoretisch besten Kader in den Thialf.


Niederländer sind ein sportbegeistertes Völkchen, wenn sie wissen, dass ihre Landsleute die Aussicht auf ein gutes Resultat haben. Die von links nach rechts hüpfenden sangkräftigen Fußballfans des letzten Sommers stehen dafür ebenso als Paradebeispiel wie die zigtausend Oranjes, die seit Max Verstappen den Tribünen bei den meisten europäischen Formel 1-Grands Prix in ihre auffällige Farbe tauchen.


Bei den Perspektiven der Nationalmannschaft für die Team-WM müsste eine ähnliche Begeisterung eigentlich für Heerenveen zu erzielen sein. Und das könnte den Thialf als Eishalle mit Dach und nah an der Bahn stehenden oder sitzenden Zuschauern in einen veritablen Hexenkessel verwandeln. Denn niederländische Sportfans verstehen es wie kaum jemand anders, ihre nationale Begeisterung stimmungsvoll, aber locker, unaufdringlich und ohne Nationaltümelei und Aggressivität zu zelebrieren.


Die Stimmung, die in Heerenveen dank der Team-WM und Heimmacht möglich wäre, würde das Rennen zu einem echten Kracher mit Gänsehautgarantie werden lassen. Und sie wäre auch ein echter Magnet für Zuschauer aus Nord- und Westdeutschland, dieses Spektakel vor Ort mitzuerleben. Schließlich ist der Weg aus Westfalen, vom Emsland, aus Ostfriesland und selbst aus dem Ruhrpott nach Heerenveen nicht weit.


Doch dass „Oranje boven“ auch für die Eisspeedwaynationalmannschaft gelten kann, ist im Lande irgendwie noch nicht durchgesickert. „Wir bewerben die Veranstaltung bis jetzt vor allem mit dem Argument eines Dreitages-Actionpakets“, sagt Hoekstra.


Um den Vorverkauf für die Team-WM anzukurbeln, langt das aber offensichtlich nicht. Deswegen grübeln die Ausrichter nun darüber, wie sie die Nachricht medial unters Volk bringen können, dass die Ihren eine echte Chance auf eine Medaille haben – um so an die emotionale und patriotische Seite der Landsleute zu appellieren.

 
 
 

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