Und das sagt Franz Zorn
- Norbert Ockenga
- vor 9 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Franz Zorn erläutert ausführlich, warum er nicht für Österreich bei der Team-WM an den Start geht.
Es gibt drei Steine des Anstoßes. Dass Franz Zorn nicht für Österreich in der Team-WM fährt, liegt an drei Missständen – die der 55-Jährige im Telefonat ausgiebig erörtert.
Man muss voranschicken: Zorn ist der einzige Profi im Eisspeedway außerhalb Russlands; der einzige Fahrer, dieser Szene, der vom Motorsport tatsächlich lebt. Das geht nur, weil er den Sport anders lebt und seine Partner anders darstellt als der Rest.
Und er sorgt mit seiner Art der Öffentlichkeitsarbeit auch immer wieder dafür, dass der Sport aus seiner Exotennische gehoben und in der Wahrnehmung auf eine höhere Stufe gehoben wird. Bestes Beispiel: eine Sonderausstellung zum Motorsportengagement jenes österreichische Getränkeverlags, der auch Zorn sponsert, im Technikmuseum Sinsheim. Da stand eine Maschine von Zorn samt seines Rennanzugs auf einer Schaufensterpuppe – und zwar nicht im Bahnsportumfeld, sondern in der Nachbarschaft von Matthias Walkner und seiner Rallye Dakar-KTM, aber auch den Formel 1-Boliden von Sebastian Vettel und Co. Viele Museumsbesucher, die wegen der Formel 1-Wagen gekommen sind, dürften so zum ersten Mal überhaupt etwas von Eisspeedway gehört haben.
Unzufrieden ist Zorn jetzt sowohl mit seiner Heimatföderation AMF als auch mit dem Motorradsportweltverband FIM.
Erster Juckepunkt: die Nominierung der österreichischen Fahrer für die Prädikatsläufe. Zorn hätte sowohl bei der WM-Qualifikation in Örnsköldsvik als auch der EM in Varkaus fahren wollen, um sich optimal auf die Einzel-WM-Läufe in Inzell und Heerenveen vorzubereiten. Doch Zorn bekam von seinem Heimatverband keinen Startplatz in Varkaus. Die beiden Austria-Plätze gingen stattdessen an Harald Simon, nachdem der 59-Jährige gerade vom Rücktritt zurückgetreten war, und an Josef Kreuzberger. „Es gab 765 Emails“, erinnert sich Zorn. "Einige wollten das nur wissen – warum ich nicht bei der EM gefahren sei. Die hatten gar keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich bei der EM keinen Startplatz bekommen haben könnte.“
Das ist zu wenig. Für einen Verband ist das ein „Nicht genügend". – Franz Zorn
Zorn ist sicher: Der Verband verteilte die Startplätze nicht nach dem Leistungsprinzip – sondern damit alle österreichischen Fahrer bei irgendeinem Prädikatslauf an den Start gehen können. Das kann er nicht nachvollziehen. „Wenn wir 20 Fahrer hätten mit einer ganzen Menge jungen dabei, oder wenn’s nur fünf wären auf demselben sportlichen Level, dann hätte ich auch gesagt: ‚Lassen wir die Jungen fahren.’ Aber so eine Aufstellung zu machen, das ist nicht durchdacht.“
Denn, so führt Zorn weiter aus, „da hängt ja ein ganzer Rattenschwanz hintendran: Es gibt zum Beispiel Preisgeld. Das kann einen Teil der Kosten für die Vorbereitung wieder refinanzieren. Jetzt sind wir halt nur so zum Training nach Schweden hochgefahren. Es gibt für uns westlichen Fahrer nicht mehr jedes Wochenende die Möglichkeit zu fahren. Alles ist weniger geworden – und gleichzeitig ist alles teurer geworden. Und jedes Rennen ist wichtig. Mit der Teilnahme an der EM hättest du die Lücke bis Inzell geschlossen. Wenn du das nicht kannst, dann hängst du mit der Technik und mit allem nach; das holst du bis zum ersten WM-Lauf nicht mehr auf.“
Zorn hat den Eindruck, den Entscheidern in seinem österreichischen Heimverband fehle es an Sachkenntnis über den Eisspeedwaysport. „Der Sport ist zu teuer und zu kostbar, als dass solche Entscheidungen getroffen werden. Jeder, der so etwas entscheidet, müsste mal neben dir stehen und schauen, was du alles arbeitest, um dich und die Maschinen auf die Rennen vorzubereiten. Aber diese Leute rufst du an, wenn du was wissen willst – und sie heben nicht ab.“

Zorn beteuert: „Ich habe es gemacht wie immer – und das sind Starts bei zwei Prädikaten. Jemand vom Verband hat mir gesagt, als ich neben meinem Mechaniker stand und das Telefon auf Lautsprecher hatte: `Das hat man entschieden, weil Harald Simon wieder angefangen hat und man schauen möchte, dass jeder irgendwie zum Fahren kommt.’ Also wie sie lustig sind.“
Der Ärger über die nicht gewährte Startmöglichkeit bei der EM ist noch nicht verraucht, da stößt Zorn die Nominierung des Team-WM-Kaders sauer auf: Es sei eine Email vom Verband gekommen, binnen einer kurzen Frist mitzuteilen, ob man Interesse an der Teilnahme hätte. Die Email sei eingelaufen, als Zorn in Schweden beim Trainieren gewesen sei. „Die Funktionäre, die für Eisspeedway zuständig sind, machen sich nicht mal die Mühe, zu schauen, was ihre Fahrer tun: Sonst hätte man sehen können: Ach so, der ist gerade auf dem Rückweg von Schweden“ – und etwas mehr Zeit zum Antworten einräumen. Denn, sagt Zorn auch, längst nicht alle Kommunikation lasse sich von unterwegs übers Handy erledigen: „Jeder glaubt, er hat am Handy alles drauf. Ich muss Dir sagen: Ich hab’s versucht, mir auf einem Telefon alles einzurichten: WhatsApp, Messenger, Email. Aber weißt Du, was da machst den ganzen Tag lang? Nix mehr. Da machst Du nur noch antworten, aber hast keine Zeit mehr zum Arbeiten.“
Die Anfrage sei ihm nach dem Ausladen wieder eingefallen, er sei aber davon ausgegangen, dass bis Heerenveen noch ausreichend Zeit für die Nennung der Teams sei: in der Regel 14 Tage vor einem FIM-Lauf eben. „Und wenn ich eh’ nur vier Fahrer habe, dann brauche ich nicht so etwas zu schreiben.“ Dann stellt sich ein Team fast wie von selbst aus, es bleibt nur die Frage, wer Nachrücker ist.
Und bei der Hackordnung innerhalb einer österreichischen Nationalmannschaft ist die Leistungsbilanz und damit auch die Besetzung der einzelnen Positionen ohnehin quasi selbsterklärend.
Zorn hätte sich dermaßen über die Nichtnominierung für die EM und die starre Bürokratie inklusive Fristenbuch wie fürs Finanzamt geärgert, dass er wissen wollte, der innerhalb der AMF für Eisspeedway zuständig sei. Es sei in aller Kommunikation immer die Rede von „dem Kollegium“ gewesen. „Aber wer ist ‚das Kollegium‘? Wenn ich zwei Personen habe, die im Eisspeedway zuständig sind, sollte das für vier Eisspeedwayfahrer gerade noch genügen. Aber du brauchst noch eine Handvoll mehr Leute, die alle in Videokonferenzen zusammenhocken. Ich habe dann gezielt gefragt: ‚Wer ist das Kollegium? Das will ich jetzt wissen.’ Das dürfen sie nicht sagen, hat’s geheißen. Aber ich habe weiter recherchiert. Ich bin enttäuscht, weil da Leute dabei sind, die früher Speedway gefahren sind. Die sollten es eigentlich besser wissen. Aber ein Fahrer ist dabei, dessen Tochter das entscheidet. Die hat im Leben noch nie ein Eisspeedwayrennen gesehen.“
Die Schlussfolgerung: „Da kann ich nur entnehmen: Das Interesse ist zu wenig. Das für eine Föderation ein ‚nicht genügend’.“

Das Fass zum Überlaufen brachte ein Blick auf den Zeitplan von Heerenveen – der kombinierten Veranstaltung aus Einzel-WM am Sams- und Team-WM am Sonntag. „Um sieben Uhr in der Früh’ müssen wir uns anmelden. Dann wird morgens trainiert, und das Einzel-WM-Rennen beginnt abends um 19 Uhr. Bis dahin bist du schon 13 Stunden angespannt unterwegs; unter 17, 18 Stunden gehst du am Abend nach dem letzten Grand Prix nicht schlafen. Und dann sollst du am nächsten Morgen gleich wieder zur Team-WM antreten.“
Diese Planung sei der letztlich der Grund gewesen, sich aus den zitierten „persönlichen Gründen“ aus der Nationalmannschaft zurückzuziehen. „Kein Fahrer sagt irgendwas. Wir haben keinen Fahrersprecher. Es hat Krisensituationen gegeben, wo das Eis nicht gepasst hat, etwa in Kasachstan; da hat keiner den Mund aufgemacht. Irgendwann muss einer Mal was sagen. Für die anderen Fahrer ist immer alles normal. Aber dieses Wochenende ist jetzt nicht mehr normal. Der Zeitplan ist nicht würdig. Das war dann ausschlaggebend für meine Absage.“
Aus all’ diesen Vorkommnissen zieht Zorn seine Schlüsse: „Für mich geht’s nächstes Jahr weiter, ganz klar. Das ist meine Leidenschaft. Aber ich glaube nicht, dass ich das noch für Österreich mache.“ Oder genauer gesagt: „Nicht mehr für die österreichische AMF. Andere Föderationen wären froh, wenn sie solch’ einen Vorzeigeathleten hätten.“



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