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Schild-Bürger

Das Hinweisschild zum Bergring am Ortseingang von Teterow kennt jeder. Aber welche Geschichte steckt eigentlich dahinter?


Es gibt ihn wirklich. Der Rennfahrer, der als Schnitzkunst auf den Weg zur Rennbahn in den Heidbergen hinweist, ist keine fiktive Figur – sondern eine reale Person.


Die Geschichte des Wegweisers beginnt 1936. Da schnitzt Karl Völker aus Plau, der dort eine Tischlerei betreibt und nebenbei als Auftragskünstler arbeitet, eine Skulptur, die sich an Hans Winkler orientiert.


Winkler seinerseits ist in genau diesem Jahr tödlich verunglückt – beim Rennen rund um Schotten. In den Jahren 1934 bis 1936 gelingen Winkler drei Siege in der Viertelliterklasse sowie 1934 auch der Sieg in der 350-Kubikklasse. Winkler ist dabei kein Grasbahn- oder zumindest Bahnsportspezialist wie spätere Bergringstars á la Thomas Diehr oder Simon Wigg – sondern ein für die Vorkriegsjahr typischer Allrounder.


Der gebürtige Bamberger, der zum Zeitpunkt seiner Bergringerfolge bereits in München-Untermenzing wohnhaft ist, gehört zum Aufgebot von DKW – der Motorradmarke von der Auto Union, also quasi dem heutigen Audi. Auf diversen DKW-Modellen gewinnt er das Eifelrennen auf dem Nürburgring, das Marienberger Dreiecksrennen, aber auch den Grand Prix von Barcelona, die Ungarische TT und das Eilenriedrennen in Hannover. Zusammen mit seinen Siegen auf dem Bergring in Teterow ist Winkler also nach heutigen Maßstäben in der MotoGP, bei Straßenrennen wie der Isle of Man TT oder dem Macau-Grand Prix und im Bahnsport gleichermaßen erfolgreich.


Hinter dem berühmten Wegweiser steckt eine lange Geschichte. Foto: Heike Kleene
Hinter dem berühmten Wegweiser steckt eine lange Geschichte. Foto: Heike Kleene

Seine größten Erfolge als Werksfahrer bei DKW erzielt er zwischen 1930 und 1936. In genau jener Zeit wird er auch zum Vorbild und Teamkollegen von Bernd Rosemeyer aus Lingen im Emsland – der seinerseits über verschiedene Grasbahnrennen im Oldenburger und dem Emsland zum DKW-Werksfahrer für die Rundstrecke berufen wird.


Beim Rennen auf dem Schottenring 1936 trifft Winkler bei hoher Geschwindigkeit eine Bodenwelle in einer Kurve, stürzt – und verstirbt direkt beim Aufprall an einem Genickbruch. Sturzhelme sind zur damaligen Zeit noch nicht vorgesehen, man fährt mit Staubkappen, die keinerlei passive Sicherheit bieten.


Der Schottenring wiederum liegt in der Gegend rund um den Vogelsberg in Hessen. Start und Ziel für die dortigen Straßenrennen, die vergleichbar waren mit der heutigen Isle of Man, war jeweils im Ort Schotten. Von dort aus ging es hügeliges Terrain mit typischen Mittelgebirgsstraßen und -serpentinen, meist mit sehr hohem Tempo und Leitplanken direkt an Bäumen vorbei. Die Rennen auf dem Schottenring galten als konditionell sehr anstrengend und gleichzeitig enorm gefährlich. Noch heute werden dort regelmäßig Veranstaltungen des Historischen Motorsports durchgeführt – aber nicht scharf, sondern auf Sollzeiten.


Nachdem Winkler 1936 auf dem Schottenring tödlich verunglückt, entsteht die Idee, seine Teterower Startnummer 75 unsterblich zu machen. Deswegen die Auftragsarbeit für den Tischler Karl Völker aus dem nur 40 Kilometer von Teterow entfernt liegenden Plau am See. Der ursprüngliche Standort der Holzskulptur ist der Carl-Schröder-Platz – einem kleinen Platz unweit vom Mühlenviertel und dem Marktplatz mitten im inneren Stadtgebiet von Teterow.


Der Carl-Schröder-Platz verdankt seinem Namen dem Vater des Bergrings.


Im Jahre 2005 wird die zweite Fassung des Hans-Winkler-Gedächtniswegweisers eingeweiht: wiederum eine Holzschnitzerei, in Anmutung und Optik dem Original sehr ähnlich, nun aber fabriziert von Jim Schütz. Dessen Kunstwerke sind in Teterow omnipräsent: Auch einige Holzfiguren am idyllischen Mühlenteich stammen von Hammer und Meißel des heute 81-Jährigen aus Wiepke in der Altmark, der mit seinem Atelier in Neu Ziddorf in Mecklenburg wohnt. Er ist auch am Skulpturenweg Burg Schlitz beteiligt, wo mehrere seiner Werke stehen.


Die neue Schnitzerei von Winkler steht nun als Wegweise unmittelbar an der Abzweigung, an der es rauf in die Heidberge und zum Bergring steht. Und dort gedenkt man in einem eigenen Streckenabschnitt auch eines der größten deutschen Motorradsportlers aus der unmittelbaren Vorkriegsära: Der schnellste Streckenabschnitt, eine spektakuläre Bergabpassage, heißt Hans-Winkler-Hang.

 
 
 

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