Schwerlastverkehr
Was wirklich hinter dem erstaunlichen Bahnbelag steckt, der in Cloppenburg die Night of the Fights zu so einem Spektakel gemacht hat.
Manche Spitznamen erfüllen sich wie von selbst mit Leben. Carl Wynant etwa, jüngerer der beiden für den MSC Cloppenburg fahrenden Wynant-Brüder, wird „Eisen-Carl“ genannt. Und genau diesem Ruf wurde der 16-Jährige, der 2026 seine erste volle Saison auf einer Halblitermaschine fährt, im Vorfeld der Night of the Fights auf seiner Heimbahn und dem darauf folgenden Zweitligafinale in Landshut gerecht.
Vor der Night of the Fights umklammert Wynant d.J. den Hinterreifen seiner Maschine. „Wenn ich jetzt zudrücke, tut’s noch ein bisschen weh“, schildert er. „Aber wenn ich den Lenker halte, merke ich schon nichts mehr davon.“
Die Rede ist von einem gebrochenen Daumen, den Carl Wynant sich bei einem Trainingssturz zwei Wochen vor dem offenen Flutlichtspektakel in Cloppenburg zugezogen hatte. „Irgendwie in die Mauer rein“, sei es für ihn bei dem Crash gegangen. „Von dem Sturz selbst weiß ich nichts mehr. Denn ich hatte ja auch eine Gehirnerschüttug und war kurz ohnmächtig.“
Der Sturz, nach dem der gebrochene Daumen mit einer Unterarmschiene stabilisiert worden war, machte am Dienstag vor der Night of the Fights noch ein Extratraining von Jonny und Carl Wynant in Cloppenburg nötig. Sonst fahren die beiden dienstags oft im nahen Moorwinkelsdamm unter den Augen des dortigen Instruktoren Sönke Petersen, wenn in Friesland alle zwei Wochen Training stattfindet. Nun aber rückten sie erneut in der MSC-Arena im Industriegebiet Emstekerfeld aus.
Und das war ein Termin, der auch den Ton für die ganze Night of the Fights setzte. Denn die Gebrüder Wynant merkten bei diesem Training, dass der Bahnbelag in Cloppenburg plötzlich viel zu tief war. „Wir haben ein neuen Belag aufgebracht, weil beim alten inzwischen sämtliche kleinen Steinchen ausgewaschen waren“, erläutert Klubchef Lothar Koopmann. Und sein ehemaliger Sportleiter und Bahnarchitekt Mario Trupkovic ergänzt: „Das ist dasselbe Material wie der alte Belag, mit einem sehr geringen Lehmanteil. Im Prinzip ist das Sandkastensand.“
Von dem Sturz selbst weiß ich nichts mehr. – Carl Wynant
Dabei zerreibt er einer kleine Probe der braunroten Masse zwischen Daumen und Zeigefinger und lässt sie aus der Hand rinnen und rieseln.
Vorm Training der Gebrüder Wynant hatte der Bahndienst auch noch einen Teil jenes Belags nach innen gezogen, der bis dahin unter den Luftfangzäunen lag. Und deswegen war plötzlich so viel tiefes Material auf der kurzen Bahn, dass die Piste kaum mehr fahrbar war. Also rückten umgehend Radlader aus, um einen Teil des neuen Belags wieder runterzuholen. „ Wir haben insgesamt 13 Tonnen raufgefahren“, rechnet Vorstand Lothar Koopmann vor, „und acht wieder zusammengeschoben.“
Als es am Rennabend kühl und nieselregnerisch ist und sich schnell zwei Linien blanken Asphalts herausbilden, auf denen schon im zweiten Heat nach jedem Bahndienst kein loser Belag mehr liegt, zweifelt Trupkovic: „Vielleicht haben wir doch ein bisschen zu viel wieder runtergeholt.“
Doch gerade die ungewöhnliche Bahnbeschaffenheit sorgt dann für jenes Rennen, das 2026 in ganz Bahnsportdeutschland die meisten Überholmanöver, die höchste Spannung und die pikanteste Dramatik hervorgebracht hat. An die Night of the Fights, die am Ende von Mikkel Bech aus Dänemark gewonnen wird, wird man sich noch lange erinnern. Denn sie standen für alles, was den Sport so aufregend macht – inklusive einiger kerniger, aber harmloser Stürze und jede Menge Action und Mehrkämpfe.

Mitten drin: oft auch die Gebrüder Wynant. Carl, der jüngere, wundert sich schon nach dem Training, wie schnell die Bahn geworden sei. Und die Ausprägung von zwei dieser „Blue Grooves“, auf denen die Reifen auf blankem Teer nach Traktion suchen, sorgt im Zusammenspiel mit den Übergängen auf eine Griffkante im unteren Kurvendrittel und auf die schottrige Breite am Beginn der Geraden dafür, dass eine ganz besonders hohe Kunst der Motorradbeherrschung, aber auch der Abstimmung gefragt ist.
Erstaunlich: Der Blue Groove hat bei den Reifen für keinen Zahnausfall an der Außenkante gesorgt. In einer langen Bahndienstpause etwa schleppt Torben Hansen einen gerade ausrangierten Hinterreifen seines Sohnes Mads, eines der Sieganwärter in Cloppenburg, zurück in die Box und zeigt ihn in die Runde. Man sieht sofort: Die Profilblöcke sind alle noch dran, sogar kaum angerissen, sondern nur ein bisschen gefranzt. Aber sie schimmern verdächtig bläulich im kühlen Flutlicht – weil sie auf der Blauen Linie, dem Blue Groove, durchgedreht sind.
Dass Zahnausfall kein Thema ist, führt Matten Kröger auf das Wetter zurück: „Dazu ist es zu kalt“, sagt der Tuner aus Bokel in Schleswig-Holstein, während er auf der Ersatzmaschine seines Kunden Hansen sitzt und den Reifen in den Händen von dessen Vater begutachtet. „Es war nicht richtig sonnig, und es fällt auch immer wieder leichter Regen. Der Asphalt hat sich also nicht so aufgeheizt wie bei Sonnenschein.“
Es sind genau diese Bedingungen, die dem Abend seine Dramatik geben. Bech, Hansen und Landsmann Benjamin Basso sind zusammen mit Tom Brennan klar diejenigen, die die Bahn am besten kapieren und über den niedrigen Luftdruck ihre Setups treffsicher hinbauen. Der Rest des Feldes ist eine halbe Wagenlänge hinter ihnen, einige wie etwa der australische Wunderknabe Beau Bailey kommen phasenweise ran.
Wie auch die drei Lokalmatadoren Lukas Fienhage sowie Jonny und Carl Wynant. Deren kampfstarke Leistungen auf der Bahn lassen erahnen, was zumindest die Wynants am Freitagabend beim Zweitligafinale in Landshut auf die Beine stellen können. Beide waren bei der Night of the Fights imstande, phasenweise das Tempo einer internationalen Konkurrenz mitgehen und gegen die sogar kämpfen zu können.
Und das Feld in Cloppenburg war international und damit deutlich hochkarätiger besetzt als die Aufstellungen, mit denen es Jonny und Carl Wynant am Freitagabend an der Ellermühle zu tun haben werden. Es ist keine vage Hoffnung, sondern eine realistische Perspektive, dass das Duo aus Cloppenburg Zünglein an der Waage sein können.
Carl Wynant jedenfalls hat sich bei seinem Heimrennen weder vom Belag noch vom Topfend schrecken lassen. „Die Bahn“, grinst er, „fährt sich eigentlich nicht anders als früher – Beton halt.“



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