„Vier Freunde mit derselben Technik“
- Norbert Ockenga
- vor 5 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Jimmy Hörnell berichtet im großen Interview, wie der spektakuläre Sturz mit Sebastian Reitsma seine Vorbereitung beeinflusst, wie er die Lücke zu den schwedischen Topstars schließen möchte – und warum er 2026 mit einem bayerischen Mechaniker arbeitet.
Wie geht’s Dir jetzt, vier Tage nach dem Unfall beim Allsvenskan-Ligarennen? Nimmst Du gar noch Spätfolgen mit zum WM-Qualifikationsrennen in Örnsköldsvik am kommenden Wochenende?
Jimmy Hörnell: Den Unfall habe ich jetzt endgültig hinter mir gelassen. Direkt nach dem Sturz hatte ich so 'n bisschen Schmerzen zwischen den Schultern. Da fühlte ich mich ein bisschen steif – fast so, als ob einem jemand mit Schmackes auf den Rücken gehauen hätte.
Du hast das Allsvenskan-Ligarennen ja auch nach dem Sturz weiter bestritten, anders als Dein Unfallgegner Sebastian Reitsma.
Jimmy Hörnell: Der Sturz an sich war für mich nicht so schlimm. Aber der Sonntag war insgesamt einfach nur ein schlechter Tag. Unser Hauptziel war, nach Strömsund zu gehen, um unsere ganz neue Aufhängung zu testen. Die hatten wir zu Saisonbeginn eingebaut, und die Änderungen, die damit einhergehen, die wollten wir bei diesem Ligarennen durchprobieren und verstehen lernen. Das hat aber überhaupt nicht hingehauen.
Weil die Maschine mit der neuen Aufhängung nach dem Crash nicht mehr einsatzfähig war?
Jimmy Hörnell: Im dem ersten Lauf fuhr ich mit zu niedrigem Luftdruck im Vorderrad, deswegen ist da nichts Verwertbares rausgekommen. Für den zweiten Lauf hatte ich ein ganz neuer Vorderrad eingebaut; damit wollte ich mit dem Testen beginnen. Dann kam der Unfall. Unmittelbar vor meinem nächsten Lauf bemerkten wir ein Hydraulikleck an der Kupplung – ein Defekt, den wir so noch nie hatten. Da rutschten wir direkt ins Zweiminutenfenster. Ich musste kurzfristig auf die Maschine eines Teamkollegen von einem Teamkollegen ausweichen. Das war das super nett, dass er mir sein Motorrad geliehen hat – aber für meine persönliche Vorbereitung hat das natürlich auch nichts gebracht.
Ich muss an der mentalen Seite arbeiten, um auch so eine Konstanz wie Martin Haarahiltunen und Niclas Svensson hinzukriegen. – Jimmy Hörnell
Wessen Maschine hast Du da gefahren?
Jimmy Hörnell: Das Motorrad von Hans-Olof Olsén. Das ist der Vater von Jimmy Olsén – und ein echter Pfundskerl.
Also hast Du summa summarum nicht viel über Deine neue Technik gelernt?
Jimmy Hörnell: Ich habe die neue Aufhängung nicht getestet. Da stehe ich in der Tat ein bisschen still. Das neue hintere Federbein hatte ich in Avesta im Paarcup probiert. Da hat der neue Dämpfer auch schon gut funktioniert. Wir hatten aber in der Zwischenzeit auch noch eine Ersatzgabel vorbereitet, mit der ich im Ligarrennen verschiedene Abstimmungsvarianten durchprobieren wollte. Und das habe ich nicht mehr geschafft.
Was macht den Unterschied zwischen der neuen Aufhängung und der letztjährigen aus?
Jimmy Hörnell: Der Hauptunterschied liegt in der Vorspannung der Feder. Damit einher geht auch eine andere Ausfedergeschwindigkeit.
Und darauf muss man reagieren, indem man etwa den Luftdruck in der Gabel anpasst, um die Maschine insgesamt in der Balance zu halten?
Jimmy Hörnell. Ja. Wobei: Den grundsätzlichen Luftdruck in der Gabel weiß ich. Die Kombination aus Druck- und Zugstufe in der vorderen Aufhängung eröffnet aber viele verschiedene Abstimmungsvarianten – und da muss ich noch rausfinden, was für meinen Fahrstil die beste Variante darstellt.

Und so etwas für Eurereinen ja stets eine Wissenschaft für sich, weil Ihr die Maschine maßgeblich über die Rückmeldung des Vorderrades in Eure Arme hinein spürt. Unterscheidet sich da die Abstimmung eigentlich vom harten Natureis in Schweden zum weicheren Kunsteis, auf dem Ihr bei den WM-Läufen in Inzell und Heerenveen fahrt?
Jimmy Hörnell: Nein. Wenn man das erst verstanden hat, dann passt das auch für beide Eissorten. Wenn ich das im natürlichen Eis einstellen kann, dann schaffe ich das später auch in Inzell. Und ich stochere da jetzt auch nicht komplett im Nebel. Denn Martin Haarahiltunen, Niclas Svensson und ich fahren dieselben Teile und Parameter in den Aufhängungen. Filip Jäger sogar auch. Es ist immer gut, wenn vier Freunde dieselbe Technik fahren. Denn dann kann man die Anderen auch zwischendurch fragen. Wir helfen uns so gut es geht gegenseitig.
Ach so? (Lacht.) Dann macht’s ja quasi nichts, dass Du noch nicht zu Ende hast testen können?
Jimmy Hörnell: Na ja, in Nuancen und Kleinigkeiten unterscheiden sich die Abstimmungen denn doch. Schließlich hat jeder Fahrer seinen eigenen Stil, sein eigenes Fahrgefühl und auch seine eigenen Vorstufen. Ich wollte etwas mehr an der Zugstufe arbeiten. Denn das Ausfedern kam mir zu hart vor. Aber das Prinzip ist unserer Aufhängungen ist ziemlich ähnlich.
Ist das eine typisch schwedische Art und Technik?
Jimmy Hörnell: Nein, das nicht. Die Technik an sich ist allgemein üblich. Nicht nur bei uns in Schweden.
Deine Leistungen in den letzten Jahren waren ziemlich schwankend. Was fehlt Dir im Vergleich zu Haarahiltunen und Svensson, um genau wie die beiden permanent an der Spitze fahren zu können?
Jimmy Hörnell: Ich habe da keine gute Antwort drauf. Die beiden sind einfach sehr gute Fahrer, die bei jedem Rennen auf den Punkt genau da sind und dann alles auf die Reihe bringen. Sie haben keine Zwischentiefs. Ich muss an meiner persönlichen und mentalen Seite arbeiten, dann kann ich auch diese Konstanz reinbringen. Und ohne die geht es nicht.
Wie willst Du das schaffen?
Jimmy Hörnell: (Lacht.) Gut essen, gut schlafen, Spaß am Leben haben. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist und das Leben befreit genießen kann, dann schlägt sich das auch auf der Bahn und in den Resultaten nieder.
Du hast in diesem Jahr eine neue Werkstatt – in einer modernen, sehr geräumigen Garage, die ziemlich beeindruckend ausschaut.
Jimmy Hörnell: Und dafür habe ich sehr, sehr hart gearbeitet. Wir haben Ende Juli mit dem Bau begonnen. BIs zu Saisonbeginn hatten wir vier reichlich stressige Monate, um alles rechtzeitig vor den ersten Trainingseinheiten fertig zu kriegen. Aber das war mir wichtig. Denn früher musste ich jeden Abend 40 Kilometer zu meiner Garage rausfahren. Es ist wirklich gut, das nun es alles bei mir zuhause ist.

Das trägt dann ja sicher auch zu Deinen Wohlfühlfaktoren bei – nicht mehr jeden Abend 80 Kilometer durch den Winter fahren zu müssen?
Jimmy Hörnell: Klar. Jetzt kann ich rausgehen, eine Stunde an der Maschine arbeiten, dann zwischendurch eine Denkpause machen und danach wieder eine Stunde arbeiten. Früher setzte man sich immer unter den Druck, dass man in drei Stunden die ganze Arbeit gemacht haben musste. Die Effekte von diesem anderen Lebensstil wird sich allerdings erst über die Zeit so richtig bemerkbar machen; nicht diese Saison, aber nächstes Jahr und in den Jahren danach wird mir die Garage das Leben leichter machen und auch mehr Freude am Leben und am Sport bereiten.
Du hast in Patrick Schneider dieses Jahr einen deutschen Mechaniker. Wie kam es denn zu dieser ungewöhnlichen Konstellation?
Jimmy Hörnell: Patrick Schneider war war lange Mechaniker von Markus Jell. Wir haben uns über die Jahre hinweg angefreundet. Als ich erstmals in Inzell war, hatte ich keinen Mechaniker da. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich das Wochenende allein stemmen soll – und dann fiel mir ein, Patrick zu fragen, ob der mir für das Wochenende helfen kann. Ich habe natürlich Markus Jell quasi um seine Freigabe gefragt, der hat direkt zugestimmt – obwohl er seinerzeit selbst auch in Inzell am Start war. Damals hatten wir zusammen ein gutes Wochenende. In Heerenveen beim nächsten Grand Prix dann zwar nicht: Da hatte ich einen schweren Unfall mit üblen Schnittwunden an einem Bein. Aber dafür konnte Patrick ja nichts. (Lacht.) Als nun klar war, dass Markus Jell nicht fährt, habe ich ihn wieder angerufen, weil ich mit ihm seinerzeit echt gut zusammengearbeitet habe und auch menschlich prima klarkam. Er ist inzwischen seit vier Wochen bei uns in Schweden. Wir haben die ganze Vorbereitung der Motorräder gemeinsam erledigt, inklusive Reifenstechen und Aufbau des Motorrades mit einer ganz neuen Verkleidung.
Und das Ziel für Ö’vik ist klar: Qualifikation für die WM?
Jimmy Hörnell: Natürlich. Im vergangenen Jahr hatte ich in der Qualirunde auch nur Pech mit einem Motorschaden und einem kleinen Sturz. Jetzt gehe ich felsenfest davon aus, dass ich den Einzug in die WM klarmachen kann.



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