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Blödorn schreibt Geschichte

vor 4 Stunden
5 Min. Lesezeit

Wie Norick Blödorn als erster Deutscher den Titel in der polnischen Ekstraliga geholt hat.


Es ist ein Finale, das schon nach dem ersten Akt fast entschieden scheint – und gerade deshalb noch einmal spannend wird. PRES Thorn geht mit einem 20-Punktevorsprung in das Rückspiel der polnischen Ekstraliga bei Sparta Breslau. Doch statt sich auf diesem Polster auszuruhen, gewinnt der Titelverteidiger auch den zweiten Vergleich. Mit 46:44 setzt sich Thorn im Stadion Olimpijski durch und macht damit die erfolgreiche Titelverteidigung perfekt. Über beide Rennen hinweg heißt es kumuliert 101:79.


Breslau kämpft, doch der Rückstand aus dem Hinkampf ist zu groß. Thorn behält die Nerven, findet immer wieder die richtige Antwort und lässt den Gastgebern zu keinem Zeitpunkt die Chance, das Finale noch zu drehen. Nach vier Läufen führen die Gäste bereits 15:9. Breslau kommt zwar heran, doch nach dem 10. Lauf steht es 32:28 – und damit ist klar, dass der Titel nach Thorn geht. Am Ende gewinnt Thorn sogar auch das Rückrennen.

Den Schlusspunkt setzt Robert Lambert. Im 15. Lauf liefert sich der frisch gekürte Weltmeister ein packendes Duell mit Brady Kurtz. Der Australier versucht alles, um an Lambert vorbeizukommen, doch der Brite mit polnischer Wahlheimat in Thorn samt Ehefrau aus der Speedwaystadt verteidigt seine Position. „Wie im Grand Prix ist Lambert vorne“, kommentiert die offizielle Ekstraliga-Webseite das Duell. Kurz darauf steht fest: Thorn gewinnt in Breslau mit 46:44 und verteidigt den polnischen Mannschaftstitel.


Dass Sparta überhaupt lange im Rennen bleibt, liegt vor allem an Artjom Łaguta. Der Russe fährt ein herausragendes Finale und sammelt 16+1 Punkte. Brady Kurtz kommt auf 14 Zähler. Doch dahinter klafft eine Lücke. Dan Bewley erreicht 8+2 Punkte, Maciej Janowski nur drei.


Bleib’ bei uns. – Sprechchöre der Fans in Richtung Norick Blödorns.

Thorn ist dagegen ausgeglichener. Lambert steuert 11+1 Punkte bei, Emil Sajfutdinow 9+1, Mikkel Michelsen sieben. Auch die jüngeren Fahrer liefern ihren Beitrag. Antoni Kawczyński kommt auf sieben Punkte, Norick Blödorn auf sechs.


Genau diese mannschaftliche Geschlossenheit entscheidet das Finale. Thorn ist nicht darauf angewiesen, dass einer seiner Fahrer einen außergewöhnlichen Abend erwischt. Breslau dagegen braucht neben Łaguta und Kurtz weitere Leistungsträger – und findet sie nicht in ausreichendem Maße.


Für Norick Blödorn ist das Finale dennoch bemerkenswert. Der Deutsche kommt im Rückkampf auf sechs Punkte in vier Starts. Er beginnt mit einem zweiten Platz hinter Łaguta und vor Patryk Dudek. Später folgen ein dritter und ein zweiter Platz. Im 13. Lauf fährt der Kieler erneut auf Rang 2 und bringt damit zwei wichtige Punkte nach Hause.


Norick Blödorn hat in Polen zum Meistertitel aufgesattelt – und nimmt dann seinen Hut bei Thorn. Foto: Heike Kleene
Norick Blödorn hat in Polen zum Meistertitel aufgesattelt – und nimmt dann seinen Hut bei Thorn. Foto: Heike Kleene

Im Hinspiel ist seine Ausbeute mit vier Punkten und zwei Bonuspunkten noch etwas geringer. Über beide Finalrennen sammelt Blödorn damit 10 Punkte und vier Bonuspunkte.

Zum entscheidenden Mann des Finals wird er nicht. Dafür sorgen andere. Aber der Norddeutsche ist Teil jener Abordnung, die in beiden Finalrennen genug Punkte aus der zweiten Reihe holt, um Breslaus Spitzenfahrer zu neutralisieren.


Bemerkenswert ist deshalb weniger seine einzelne Punktzahl als die Entwicklung seiner Rolle im Team. Vor dem Finale wird in Polen bereits darüber berichtet, dass sein Abschied aus Thorn wahrscheinlich sei. Przegląd Sportowy bezeichnet das Rückspiel sogar als möglicherweise letzten Auftritt des Deutschen für den Klub und bringt einen Wechsel zu Motor Lublin ins Spiel – wie zuvor bereits hier von bahndienst.com enthüllt:



Nach dem Titelgewinn bekommt die Geschichte eine neue Wendung.


Denn die Thorn-Fans wollen ihren Blödorn behalten. Bei der Meisterehrung rufen sie ihm zu: „Zostań z nami.“ – „Bleib’ bei uns.“ Klubpräsidentin Ilona Termińska hält sich dagegen bedeckt. Auf die Frage nach der Zukunft des Deutschen sagt sie: „Mamy jeszcze chwilę na podjęcie decyzji“ – man habe noch etwas Zeit, die Entscheidung zu treffen.


Der Meistertitel könnte für Blödorn damit zugleich Höhepunkt und Abschied sein.

Dabei beginnt das Finale für den Deutschen zunächst durchaus holprig. Im ersten Duell in Thorn kommt Bloedorn nur auf vier Punkte und zwei Bonuspunkte. Nach seinem ersten Lauf beschreibt er selbst, wie schwierig der Start ist. Er hätte eigentlich einen guten Beginn gehabt und gedacht: „Wenn ich nur Grip bekomme, fahre ich an die Spitze.“ Stattdessen kommt er aus der ersten Kurve als Letzter heraus – und hätte sich gefragt: „Was passiert hier?“ Danach, sagt er, hätte er einfach seine Hausausaufgaben machen müssen.

Die Aussage passt zum Charakter dieser Thorn-Mannschaft: Niemand muss in jedem Lauf glänzen. Entscheidend ist, dass die Fahrer nach einem schlechten Start wieder Punkte sammeln.


Mikkel Michelsen formuliert es nach dem 55:35 im Hinduell ähnlich. Der deutliche Sieg sei zwar „ein Traumszenario für uns“, aber man dürfe sich noch nicht zurücklehnen. Das Rückspiel in Breslau werde schwierig.


Genau diese Vorsicht zeichnet Thorn auch im Rückkampf aus.


Trainer Piotr Baron sieht den Erfolg nicht als einmaligen Ausrutscher. Thorn gewinnt nun zum zweiten Mal in Folge die polnische Mannschaftsmeisterschaft. Bereits vor dem Rückkampf ist klar, dass Baron seine Mannschaft nicht nur defensiv einstellen will. Und auch nach dem Titel richtet sich der Blick schnell wieder nach vorn.


Baron kündigt an, dass Thorn erneut an der Bahn arbeiten werde. Die Mannschaft hat im Saisonverlauf intensiv an der Abstimmung gearbeitet, und auch die Beschaffenheit der Bahn spielt für den Erfolg eine wichtige Rolle. Die Arbeit geht deshalb unmittelbar nach dem Titel weiter.


Für Emil Saifutdinow ist die Titelverteidigung zugleich eine Antwort auf alle, die den ersten Meisterschaftsgewinn vielleicht als glückliche Konstellation gesehen haben. Nun folgt der zweite Titel – und damit der Nachweis, dass Thorn seine Stärke über einen längeren Zeitraum bestätigen kann.


Bei Sparta herrscht nach dem verlorenen Finale Enttäuschung, aber kein Weltuntergang. Trainer Piotr Protasiewicz verweist auf eine Saison, in der seine Mannschaft immer wieder mit Ausfällen zu kämpfen hat. Im Finale fehlt unter anderem Bartłomiej Kowalski.

Und doch weiß Protasiewicz, wo der Titel verloren geht: im Hinkampf. Besonders die letzten drei Läufe in Thorn bleiben ihm im Kopf. Thorn gewinnt sie jeweils mit 5:1 und baut den Vorsprung auf 20 Punkte aus. Dieser Einbruch erweist sich als zu schwerwiegend, um ihn in Breslau noch zu korrigieren.


Im Rückspiel versucht Sparta alles. Łaguta fährt groß auf, Kurtz kämpft bis zum letzten Lauf. Doch Thorn findet immer wieder einen Fahrer, der dagegenhält.


Und so endet das Finale mit einer Szene, die den gesamten Zweikampf zusammenfasst: Lambert und Kurtz liefern sich im letzten Lauf ein Rad-an-Rad-Duell. Kurtz versucht mehrfach, den Weltmeister zu überholen – vergeblich. Lambert bleibt vorne.


Für Blödorn bedeutet das einen Titel in einer Saison, in der er sich endgültig auf höchstem polnischem Niveau etabliert – und nebenbei auch klar als bester deutscher Fahrer der Gegenwart. Ob er auch künftig Teil dieser Mannschaft ist, bleibt an diesem Abend zunächst offen. Die Fans haben ihre Meinung längst kundgetan.


Doch Blödorn, so weiß man inzwischen, hat diesen Ruf nicht erhört.

 
 
 

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