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„Bloß weg mit den Handschuhen“

Vor 32 Jahren ist eines der legendärsten Fotos in der Geschichte des Bergringrennens entstanden. Jetzt erinnert sich Hans-Otto Pingel, das Hauptmotiv, an die Geschichte hinter dem Bild.


Jeder kennt ihn als „Der Schwarze Mann aus Bokel“. So hat Klaus Witt, als unvergessener Bahnsprecher die Stimme des norddeutschen Bahnsports in den Achtzigern und Neunzigern, ihn stets genannt – wegen der pechschwarzen Lederkombi, in der Hans-Otto Pingel stets ausrückte.


Pingel, Schwiegervater von Exfahrer und Tuner Matthias „Matten“ Kröger, ist inzwischen 73. Und er ist immer noch ein Faktotum des Lang- und Grasbahnsports. Telefonate mit ihm sind immer ein besonderes Ereignis: „Moin. Was gibt das zu beschnacken?“ Dann dringt die lebhafte Stimme des Vollbartträgers, die immer eine Spur erheitert klingt, in einem munteren Redeschwall ins Ohr.


Auch über jenes Bergringrennen in Teetrow vor 32 Jahren, an dem Pingel plötzlich in halbfertiger Rennfahrermontur am Band steht: auf dem zweiten Startplatz, neben dem legendären Simon Wigg – aber ohne Rennfahrerhandschuhe, sondern mit bloßen Händen. Und natürlich ganz in Schwarz.


Pingel ist als Schleswig-Holsteiner einer der vielen Kultfahrer aus dem Dunstkreis des MSC Brokstedt, der sich schon seinerzeit unter der Regie von Klubchef Wolfgang Wrage durch sein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl ausgezeichnet hat – was die Wikinger aus dem Kreis Steinburg nördlich von Hamburg sich bis heute bewahrt haben. Pingel ist seinerzeit Edelamateur im besten Wortsinn, im Hauptberuf zuerst Landmaschinenschlosser, dann selbständiger Baumaschinenmonteur im Außendienst – was ihm die nötige Fingerfertigkeit, aber auch Zeiteinteilung für die vielen Lang- und Grasbahnrennen in ganz Westdeutschland verleiht.


Teterow bleibt aber lange ein weißer Flecken auf seiner sportlichen Landkarte. „Die Engländer durften da irgendwann wieder starten. Marcel Gerhard“ – der einstige Langbahnweltmeister aus der Schweiz – „war auch schon ein paar Mal da. Aber wir vom Westen durften da nicht rüber.“


Man guckt die Hälfte der Zeit in den Himmel und weiß nicht, wo’s langgeht. – Hans-Otto Pingel

Das ändert sich erst mit der Wende. „Ich bin 1990 das erste Mal da gewesen. Das war zwar alles völlig neu. Aber irgendwie hat das für mich schon immer Kult gehabt: Bekannte von uns ausm Dorf hatten Verwandte drüben in Teterow, von denen haben wir immer gehört, dass fast die ganze DDR immer zum Bergring gekommen ist.“ Und auch echte Augenzeugen lernt Pingel schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs kennen: „Rolf Perner war ein Speedwayfahrer aus Stralsund. Der durfte schon immer mit seinem VW Golf zu uns rüberfahren. Den haben die Ossis irgendwie rausgelassen – ich vermute, auf Anweisung von oben. Der hat uns jedenfalls immer vorgeschwärmt, was das für ein tolles Rennen ist. Und Wolfgang Radszuweit war auch immer da.“


Rolf Perner ist 1974 der erste Goldhelmgewinner des ADMV auf dem Bergring, ein Jahr später beim Goldhelmrennen in Pardubitz schwer verunglückt und seither auf den Rollstuhl angewiesen. Aufgrund seiner Invalidität kann er auch zu Zeiten des Kalten Krieges in den Westen reisen – und dort seinem Hobby weiter frönen. Perner wird übrigens am Trainingssamstag des diesjährigen Bergringrennens 81 Jahre alt. Und Wolfgang Radszuweit ist in jener Zeit einer der führenden Bahnsportfotografen im hohen Norden und Nordwesten, einer, der mit seiner Bildersprache die Fachzeitschrift „Bahnsport aktuell“ im vordigitalen Zeitalter geprägt hat.


Simon Wigg ist in jener Zeit einer jener Engländer, die in Teterow Geschichte geschrieben haben. Der Blondschopf aus der Nähe von Buckingham in England ist Schützling von Tuner Hans Zierk – der aus Tribsees in Vorpommern-Rügen stammt, selbst vom Bergring bis zu den legendären Bäderrennen alles Nennenswerte im DDR-Rennsport gewonnen hat, dann nach Hannover rübermachte und dort zu einem der besten Bahnsporttuner Deutschlands wurde. Zierk rüstete Wigg, aber auch dessen Erzrivalen Tatum mit seinen Lang- und Grasbahnraketen aus.


Hans-Otto Pingel steht ohne Handschuhe neben Simon Wigg am Band. Foto: Archiv Peter Stanislawski
Hans-Otto Pingel steht ohne Handschuhe neben Simon Wigg am Band. Foto: Archiv Peter Stanislawski

Auch für den Bergring, auf dem „Wiggy“ über einen veritablen Erfahrungsvorsprung verfügt, als Pingel zum ersten Mal hinkommt. „Als wir wir im Freien Training ankamen, da habe ich gedacht: ‚Fahr mal hinter Wigg her; mal gucken, wo der langfährt.‘ Aber als ich zum ersten Mal wieder hochgeguckt habe – da war der schon weg.“


Buchstäblich über alle Heidberge. Denn Pingel muss sich erst jene Streckenkenntnis draufschaffen, die Wigg schon in seinem Rennfahrergedächtnis auf Abruf parat hat. „Da guckt man die Hälfte der Zeit nur in den Himmel und weiß nicht, wo’s langgeht“, ächzt das Nordlicht noch heute. „Aber es dauert nur ein paar Runden, dann hat man das drauf: den Sprunghügel nicht von der linken Seite anfahren, sondern von der rechten. Und in die Nordkurve geht das scharf rein.“


Es dauert nicht lange, und auch „Der Schwarze Mann aus Bokel“ reift zu einem Spitzenfahrer auf dem Bergring. Sein bestes Ergebnis: Rang 3 im Tagesendlauf hinter Simon Wigg und Trevor Banks. „Die Engländer“, sagt Pingel heute, „haben das mit beherrscht.“ In der Nachwendezeit entsteht rasch ein Schmelztiegel aus Engländern, Wessis und den alten Bergring-Platzhirschen aus der ehemaligen DDR wie Thomas Hopp, Thomas Diehr, Frank Leonhardt und Herbert Mussehl.


Vor allem Diehr und Leonhardt hatten in den letzten DDR-Jahren Geschichte geschrieben. Etwa 1987, als erstmals zwei waschechte Teterower ganz oben stehen: Leonhardt als Sieger des Bergpokals und Diehr als Goldhelmgewinner. Wolfgang Buske stellte vor 60.000 Zuschauern auf der Maschine des Vorjahressiegers Dietmar Lieschke in 110,321 km/h einen neuen Bahnrekord auf.


Die Volkshelden der ehemaligen DDR treten bei den ersten Kräftemessen gegen die Westdeutschen noch mit ihrem üblichen Material auf: Standardrahmen vom tschechischen Hersteller Jawa. „So ein Standardfahrgestellt war ziemlich stabil gebaut“, blickt Pingel zurück. „Da war ein bisschen mehr Metall dran.“ Dann wird er eine Spur nostalgisch: „Ich bin mit den Jungs aus dem Osten immer gut zurechtgekommen.“


In den Jahren nach der Wiedervereinigung unterstützt der Renndienst Küster & Reikowski aus Norderstedt Diehr und Leonhardt als Sponsor, da haben beiden Ostikonen auch Zugang zu Fahrgestellen der englischen Hagon-Schmiede.


In etwa diese Zeit fällt das legendäre Foto vom Schwarzen Mann mit bloßen Händen. „Das war richtig heiß damals. Ich war schon im Heat vorher enorm gefordert gewesen. Der war sogar noch abgebrochen worden, mit Neustart und allem drum und dran. Ich war schon am Schwitzen und aus der Puste. Und dann mussten wir auch noch schnell einen Stoßdämpfer Wechsel, der war schon ganz labberig gworden“ kramt Pingel in seinen Erinnerungen. „Ich dachte nur: ,Weg mit den Handschuhen, und los geht’s.’“


Pingel ist hartgesotten. Der Heat am Bergring ist nicht der einzige Lauf, bei dem er ohne Handschuhe ans Band kommt. Deswegen machen ihm auch die fliegenden und einschlagenden Sodenbrocken nichts aus: „Das ging alles.“


Bei den ersten Rennen nach der Wende lernt Pingel auch noch eine weitere Besonderheit des Bergrings kennen: das Verkehrsleitsystem, das man wegen des enormen Zuschauerandrangs an den Renntagen auflegen muss, wie etwa heute noch am Morgen vorm 500-Meilenrennen in Indianapolis oder dem Formel 1-Grand Prix in Silverstone. „Wenn wir morgens zum Rennbüro fuhren, haben wir schon gesehen, dass die Veranstalter richtig Aufwand betrieben haben, um die Straßen zu sperren und ein Einbahnsystem raus zum Bergring zu machen, damit alle Zuschauer da auch ja rechtzeitig hinkamen. Das war echt ein Ereignis für sich.“


Und dennoch für echte Langbahnfahrer vom alten Schrot und Korn nur ein Teil des langen Pfingstwochenendes. „Am Montag ging das in Harsewinkel direkt weiter. Wir sind nachts von Teterow nach Hause gefahren; da musste ich meine Maschine im Schuppen wieder umbauen auf eine normale Langbahnmaschine, und dann sind wir fast ohne zu schlafen wieder weiter nach Harsewinkel.“


Vor allem das Teilstück von Mecklenburg rauf nach Schleswig-Holstein hat es damals in sich, denn die heutige Küstenautobahn gibt es weiland noch nicht. „Wir sind drei Stunden lang über die Dörfer gefahren, über Schwerin, Ratzeburg und Lübeck. Das war ja mehr Geeier als Fahren. Wieder runter nach Harsewinkel – das ging dann. An Hamburg vorbei bis nach Hannover und dann auf die A2 in Richtung Westfalen.“


Dann macht Hans-Otto Pingel, der Schwarze Mann aus Bokel, eine kurze Pause, und man kann durchs Telefon förmlich erahnen, wie sich sein Bart unter einem Lachen zu kleinen Inseln formt. „Das war“, strahlt er, „eine dolle Zeit damals“

 
 
 

2 Kommentare

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Gast
vor einer Minute

Nach dem Rennen 1986 wurde der Bergring einmal komplett gepflügt. Dadurch waren viele Unebenheiten weg. So konnte Wolfgang Buske 1987 mit 110 km/h den Bahnrekord von Dietmar Lieschke mit 107 km/h deutlich verbessern. Das wäre sonst nicht möglich gewesen. Der Meister des Bergrings, Dietmar Lieschke, musste 1986 leider seine Karriere beenden.

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Gast
vor 4 Stunden

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