top of page

Top-heavy als Notlösung

Was hinter dem umgekrempelten Aufgebot von Meister Cloppenburg für das Güstrower Zweitligarennen steckt.


Manchmal bricht auch Eisen, und dann hilft selbst der schönste Spitzname nichts mehr. „Eisen-Carl“ – so nennen sie in Cloppenburg Carl Wynant, den 16-Jährigen aus Lindern, der in diesem Jahr erstmals in der Stammformation der Fighters für die Zweite Speedwaybundesliga steht und beim Saisonauftakt auf der heimischen Bahn noch einer der großen Gewinner des Rennabends war.


Jetzt steht am Freitagabend in Güstrow die dritte Veranstaltung des Unterhauses an – und „Eisen-Carl“ ist nicht dabei. Wynant, der jüngere der beiden Brüder, zog sich am Sonntag beim Motocross einen Schlüsselbeinbruch zu – und fällt damit ebenso aus wie sein fünf Jahre älterer Bruder Jonny, der sich bereits beim Heimrennen einen Unterarmbruch geholt hatte.


Zudem fehlt den Norddeutschen auch Leistungsträger Janek Konzack – schließlich fährt der Teenie aus dem Spreewald am Freitagabend in Prag für Deutschland in der U21-Paar-WM, auch wenn das Rennen nicht im Stream von „Discovery+“ übertragen werden wird.


Das Fehlen von 37,5 Prozent der Mannschaft hat Teammanagerin Selina Schumacher ordentlich Gehirnschmalz gekostet – und zu einer unpopulären Entscheidung getrieben: Sie lässt Mannschaftskapitän, Aushängeschild und Lokalmatador Lukas Fienhage für Güstrow zuhause, heuert stattdessen den Dänen Nicolai Heiselberg an.


Hinter der Entscheidung steht eine generelle Umstrukturierung der Mannschaft. „Durch einige verletzungsbedingte Ausfälle, Terminüberschneidungen und das Auffüllen mit Gastfahrern hat sich in den vergangenen Tagen eine neue Konstellation ergeben“, lässt Schumacher wissen. „Nach vielen Überlegungen habe ich mich deshalb dazu entschieden, Lukas im Fahreraufgebot durch Nicolai zu ersetzen.“


Das klingt diplomatisch bis kryptisch. „Ich erhoffe mir durch Nicolai“, erklärt Schumacher auf Nachfassen, „dass er die ein bis zwei entscheidenden Punkte einfahren kann, die uns zum Sieg bringen können – und dass wir noch weiter um die Titelverteidigung mitfahren können.“


Die Auflösung der wohl gewägten Worte: Cloppenburg setzt voll auf ein Maximum des 20-jährigen Dänen, der 2019 U19-Europameister war und schon im vergangenen Jahr bei den Fighters eingesprungen ist, als Fienhage verhindert war.


Die Entscheidung ist keine gegen Lukas Fienhage, sondern für die aktuelle Teamkonstellation. – Selina Schumacher

Jetzt hätte Fienhage Zeit – und wäre nach eigenem Bekunden auch gern in Güstrow angetreten. Seine Ausbeute bei den ersten beiden Ligarennen: 12 und 11 Punkte.


Ein Maximum sind im Zweitligaformat 15 Punkte.


Schumacher baut ihr Team für Güstrow „top-heavy“ auf. So heißt es im Fachjargon, wenn man vor allem auf eine möglichst fette Beute der Topfahrer setzt. Für Cloppenburg ist das nötig, weil man Thies Schweer auf die Position von Carl Wynant hochholt. Bislang fuhr der 16-Jährige aus Zetel auf der 500R-Position, jetzt tritt er auf der Planstelle eines C-Fahrers an – erstmals. Den 500R-Platz übernimmt Junior Levi Fittkau, der heuer seine erste Saison in der großen Klasse fährt.


Selina Schumacher muss den Meisterkader für Güstrow mit einer neuen Philosophie umstricken. Foto: Heike Kleene
Selina Schumacher muss den Meisterkader für Güstrow mit einer neuen Philosophie umstricken. Foto: Heike Kleene

Fittkau war in Cloppenburg als Reservist mit im Kader, kam aber nicht zum Einsatz, trainierte danach in Norden und zeigte bei den Bundesjugendspielen in Ludwigslust mit einem Laufsieg, dass er das Zeug zu Großem hat. Er weiß aber auch: 2026 ist ein Lehrjahr. In Güstrow trifft er auf der Juniorenposition auf harte Gegner: Die Inn-Isar-Devils bringen den Niederländer Dominic Hamminga, der in Ludwigslust nur deshalb nicht bei der Jugend-DM fuhr, weil er keine drei Pflichttrainingsrunden zuwege brachte. Güstrow hat Magnus Rau, der gerade in gewaltiger Form ist, Teterow den neuen Deutschen Jugendmeister Bruno Preibisch. Das sind allesamt harte Brocken für Fittkau.


Auf der C-Planstelle sieht’s für den aufgerückten Thies Schweer ähnlich happig aus: Seine Gegner lauten Celina Liebmann für die Bayern, Mika Frehse für die Bergringstädter und Carlos Gennerich für die Gastgeber.


Schumacher plant in ihren Vorabberechnungen magere Ausbeuten für Schweer und Fittkau ein. Als Ersatzmann hat sie Levi Böhme von Olching ausgeliehen, doch der leidet unter Pfeiffer’schem Drüsenfieber, ist also auch keine verlässliche Größe.


Also müssen die beiden Teamoberen es richten: Heiselberg – und der ebenfalls von Olching ausgeliehene Patrick Hyjek, der beim Saisonauftakt in Cloppenburg punktbester Einzelfahrer war, am 2. Mai in Leipzig vor Rau und Schweer das dortige NBM-Rennen gewann und nun Konzack vertritt.


In Heiselberg und Hyjek haben die Cloppenburger klar die besten Fahrer auf den A- und B-Positionen des ganzen Feldes, sind aber darauf angewiesen, dass beide Maxima fahren – oder zumindest je einen Zähler unter Maximum. Das traut Schumacher Heiselberg eher zu als Fienhage – drum die Umbesetzung auf der A-Position, die Fienhage enttäuscht zurücklässt. Zumal Schumacher vor Saisonbeginn noch betont hatte, der Lokalheld sei immer erste Wahl, wenn er verfügbar sei. „Ich verstehe es nicht so ganz genau, warum sie mich rausgenommen hat, weil ich in der Liga bisher abgeliefert habe – mit 12 und 11 Punkten“, staunt Fienhage nun. „Aber na ja – dann habe ich halt ein Wochenende Urlaub.“ Schumacher beteuert: „Die Entscheidung ist keine gegen Lukas, sondern für die aktuelle Teamkonstellation getroffen worden. Lukas gegenüber besteht weiterhin große Wertschätzung für seinen Einsatz und seine Unterstützung innerhalb des Teams.“

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page