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Dann kam alles Anders

Eigentlich sah Robert Lambert wie der sichere Sieger beim Schweden-Grand Prix aus. Doch dann kam alles Anders.


Mit diesem Sieg hat selbst Anders Thomsen kaum noch gerechnet. Der dreimalige dänische Meister gewinnt den Speedway Grand Prix von Schweden in Målilla und feiert damit seinen ersten WM-Laufsieg seit Landsberg 2022. Mehr noch: Als eigentlich nur nachgerückter Ersatzfahrer bringt sich der 31-Jährige plötzlich wieder für einen festen Platz in der Speedway-GP-Serie 2027 ins Gespräch.


Als das Finale beginnt, spricht zunächst wenig für Thomsen. Vom ungünstigen äußeren Startplatz 4 aus muss er gegen die stärkeren Fahrer der Vorläufe antreten. Innen stehen mit Robert Lambert, der in allen Vorläufen ungeschlagen geblieben ist und dabei eindrucksvoll souverän geblieben ist. Bartosz Zmarzlik und Brady Kurtz daneben.


Doch genau diese Konstellation spielt dem Dänen in die Karten.


Während Lambert und Zmarzlik auf der Innenbahn um die beste Linie kämpfen, trägt Thomsen außen den deutlich höheren Schwung in die erste Kurve. Sein Motorrad funktioniert auf der losen Außenbahn perfekt, und ehe sich die Konkurrenz sortiert hat, ist der Däne bereits enteilt. Die Führung gibt er bis ins Ziel nicht mehr ab und sorgt damit ausgerechnet beim 20. Speedway-GraPrix in Målilla für eine der größten Überraschungen der bisherigen Saison.


Nach der Siegerehrung folgt die inzwischen schon legendäre Zugabe. Wie bereits nach seinem Triumph in Landsberg an der Warthe vor vier Jahren dreht Thomsen seine Ehrenrunden lediglich in Unterwäsche – ein inzwischen kultiger Jubel, den das Publikum begeistert feiert.


Sportlich könnte der Erfolg jedoch deutlich größere Folgen haben als diese humorvolle Einlage. Thomsen verbessert sich mit den 20 Punkten auf Rang 10 der Weltmeisterschaft und liegt mit jetzt 50 Zählern nur noch um fünf Punkte hinter Jack Holder. Der Australier belegt derzeit den siebten und letzten Platz, der automatisch für die Speedway-GP-Serie 2027 qualifiziert – ist aber seit dem letzten Großen Preis wegen eines komplizierten Armbruchs außer Gefecht.


Da Thomsen in Målilla den langzeitverletzten Dan Bewley ersetzt und auch für die verbleibenden vier Grand Prix als erster Ersatzfahrer bereitsteht, könnte sich aus einem ungeplanten WM-Einsatz plötzlich eine vollständige Rückkehr in die Weltelite entwickeln.


Entsprechend emotional fällt seine Bilanz aus. „Ich bin unglaublich froh, dass meine Grand Prix-Geschichte offenbar doch noch nicht vorbei ist. Dabei hatte ich gedacht, dass dieses Kapitel abgeschlossen sei. Deshalb bin ich ohne jeden Druck in dieses Rennen gegangen. Ich habe zu meinem Team nur gesagt: Lasst uns Spaß haben und schauen, was passiert.“


Ich hatte gedacht, dass mein Grand Prix-Kapitel schon abgeschlossen sei. – Anders Thomsen

Vor allem das Finale habe ihm in die Hände gespielt. „Bartek und Robert haben sich innen gegenseitig beschäftigt. Dadurch hatte ich außen freie Fahrt. Zum Glück hatten wir ein Motorrad, das gerade auf der tiefen Außenlinie hervorragend funktioniert hat. Wenn man erst einmal im Finale steht, kann alles passieren.“


Dass der Sieg auch seine Chancen auf einen Stammplatz 2027 deutlich verbessert, weiß Thomsen selbst: „Natürlich ist das die beste Werbung, die man für sich machen kann. Aber die Grand Prix-Serie ist extrem anspruchsvoll. Es gibt so viele unterschiedliche Bahnen und Fahrer, die konstant auf höchstem Niveau unterwegs sind. Entscheidend wird sein, dass ich die Lockerheit aus Målilla mitnehmen kann.“


Anders Thomsen stellt den Grand Prix von Målilla im Finale kurzerhand auf den Kopf. Foto: HighSpeedPhotographix
Anders Thomsen stellt den Grand Prix von Målilla im Finale kurzerhand auf den Kopf. Foto: HighSpeedPhotographix

Robert Lambert verpasst unterdessen nur knapp das perfekte Wochenende. Erst im Finale muss sich der Brite geschlagen geben, nachdem er zuvor sämtliche Läufe gewonnen hat. Ein Grand Prix ohne Punktverlust wäre erstmals seit Leon Madsens makellosem Auftritt in Thorn 2019 gelungen.


Trotzdem verlässt Lambert Schweden zufrieden. Mit Rang 2 sammelt er 18 WM-Punkte und festigt den dritten Platz der Gesamtwertung. Nun stehen für ihn 81 Punkte zu Buche.


Spitzenreiter Bartosz Zmarzlik führt die Tabelle mit 98 Zählern weiterhin an, Brady Kurtz folgt mit 93 Punkten auf Rang 2, denn er hat im Finale als Letzter weiter Boden auf den Dauerweltmeister aus Stettin eingebüßt.


Lambert redet sich seine Finalniederlage im Resümee schön: „Zum ersten Mal unter dem neuen Format bin ich direkt ins Finale eingezogen. Das war eine interessante Erfahrung, weil man zwar Zeit zum Durchatmen hat, sich aber gleichzeitig ständig Gedanken über die richtige Startplatzwahl macht. Die inneren Bahnen waren den ganzen Abend schwer einzuschätzen. Natürlich hätte ich gern alle Läufe gewonnen, aber mit Platz 2 kann ich sehr gut leben.“


Auch Weltmeister Bartosz Zmarzlik zollt seinem langjährigen Weggefährten großen Respekt. Der Pole, der gemeinsam mit Thomsen viele Jahre für Landsberg an der Warthe fuhr, freut sich trotz Platz drei vor allem über den Erfolg seines ehemaligen Teamkollegen.

„Herzlichen Glückwunsch an Anders und Robert. Beide waren heute einfach schneller. Ich freue mich natürlich über einen weiteren Finaleinzug und einen Podestplatz. Aber Anders war im Endlauf der Beste. Wir haben viele Jahre gemeinsam in Landsberg verbracht und daran viele gemeinsame schöne Erinnerungen. Deshalb gönne ich ihm diesen Erfolg ganz besonders.“


Für Thomsen könnte dieser Abend in Målilla weit mehr gewesen sein als ein überraschender Grand Prix-Sieg. Nach Monaten ohne feste Perspektive hat der Däne der Speedwaywelt eindrucksvoll gezeigt, dass mit ihm auf höchstem Niveau wieder zu rechnen ist.

 
 
 

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