Das dänische Manifest
- Norbert Ockenga
- vor 11 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Kenneth Kruse Hansen nutzt die Ereignisse von Scheeßel zu einem ebenso offenen wie eindrucksvollen Plädoyer für den Langbahnsport.
War Scheeßel 2026 ein Weckruf für die Funktionäre? Am Tag nach dem Grand Prix denkt zumindest Kenneth Kruse Hansen schon eine Ecke weiter. „Ich hoffe, dass alles bei der Langbahn und den Seitenwagen künftig besser wird als es jetzt gerade ist. Es kommen nicht viele Zuschauer, den Vereinen werden Regeln von der FIM übergestülpt“, moniert der Däne. „Ich hoffe, dass die FIM auf die Veranstalter und die Fahrer hört. Ich hoffe, dass wieder mehr Zuschauer kommen. Denn Langbahn und Seitenwagenrennen haben einen großen Platz in meinem Herzen.“
Damit wirft „KKH“ zwei Themen in einen Topf: die Sicherheitsbedenken, die einige Fahrer wegen der Bahnbedingungen in Scheeßel gehabt hätten – und die seit zwei Jahren schwelende Diskussion über die zwangsweise Trennung von Langbahn-Grand Prix und Rahmenrennen, dabei vor allem den Seitenwagen. Diese Separation hat der Weltverband FIM durchgesetzt, damit sein Livestream nicht von Rahmenrennen, die ins Hauptprogramm eingewoben sind, unterbrochen und in die Länge gezogen wird. Ein Langbahn-WM-Tag solle so kompakt sein wie ein Speedway-Grand Prix, und auch so einfach zu verfolgen.
Langbahn und Seitenwagen gehen Hand in Hand. – Kenneth Kruse Hansen
Dass beim althergebrachten Langbahnrenntagsformat auch Gespann- und B-Lizenzrennen mit in die Heats des eigentlichen Hauptfeldes gesprenkelt werden, steht solch’ einem flüssigen Ablauf im Wege. „Langbahn und Seitenwagen“, widerspricht Kruse Hansen, „gehen Hand in Hand. Das war schon immer so – und soll immer so sein.“
Was sagen die Zahlen zu dieser These? Bei der Jurysitzung am Abend nach dem WM-Lauf gaben die Norddeutschen 3.600 Zuschauer an. Da waren aber noch nicht alle Kassenhäuschen ausgezählt. Am Dienstag nach dem Rennen korrigierte man sich intern auf über 4.000, inklusive aller Frei-, Gäste- und Teilnehmertickets. Das ist im Vergleich zu vielen Bahnrennen zwar ordentlich – aber für einen WM-Lauf und auch für frühere Scheeßeler Verhältnisse eigentlich zu wenig.
Schlagartig fällt einem eine auch noch nicht so alte Gleichung Josef Hukelmann ein, dem „Monsieur Langbahn“ in Deutschland schlechthin: Der Werlter kalkuliert, allein die Gespanne lockten an einem Renntag mindestens 1.000 Besucher mehr an.

Dass Kruse Hansen gerade nach dem ersten Grand Prix zum Generalplädoyer ansetzt, ist kein Zufall. Der 38-Jährige aus einem Vorort von Kopenhagen fühlte sich schon nach dem Training von Scheeßel von den Verbandsfunktionären nicht gehört. „Wir hatten nach dem Training bereits Bedenken, weil der Belag ziemlich aufbrach. Das haben wir auch Glen Philips mitgeteilt, dass wir Fahrer uns wünschen, dass sie intensiven Bahndienst machen, damit sie die Bahn für uns fahrbarer hinbekommen“, rekapituliert der ebenso meinungsfreudige wie charismatische Grasbahneuropameister. „Leider musste es zwei schlimme Unfälle geben. Es ist schade, dass erst Unfälle passieren müssen, bevor an der Bahn gearbeitet wird. Nachdem die Polizei weg war, haben sie eineinhalb Stunden an der Bahn gearbeitet. Danach war es immer noch nicht gut – aber schon besser. Ich hoffe, dass man künftig die Bedenken der Fahrer ernster nimmt. Denn wir würden nie über die Bahn klagen, wenn sie nicht wirklich schlecht zu fahren gewesen wäre. Wir waren uns alle einig: Zach Waitknecht, Dave Meijerink, Chris Harris und ich.“
Kruse Hansen war bis zur langen Unterbrechung wegen der ärztlichen Notfallbehandlung von Daniel Spiller und dem folgenden Bahndienst einer der Hauptdarsteller in der Zevener Geest. „Ich habe mich fürs Finale qualifiziert. Da ist es dann nicht mitgelaufen“, gesteht er. „Ich fand es schwierig, wieder auf die Bahn zurückzukehren, nachdem ich miterlebte, was mit Daniel Spiller passiert ist – und sogar die Polizei dort im Einsatz sehen musste. Daniel ist ein guter Freund von mir. Das war eine bittere Pille. Nach diesem schlimmen Unfall wäre ich lieber nicht mehr gefahren. Aber die FIA wollte unbedingt, dass wir fahren. Ich bin froh, dass ich heile wieder nach Hause gekommen bin.“



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