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„Das ist der nächste Darcy“

vor 6 Stunden
5 Min. Lesezeit

Warum die Night of the Fights plötzlich sogar im fernen Australien auf Interesse stößt.


Es ist schon spät am Abend, als Craig Boyce sich eine Pause in der Werkstatt gönnt – und einen Messenger-Videocall ans andere Ende der Welt aufbaut. Hinter dem ehemaligen WM-Dritten aus Sydney stehen drei Motorräder: eine 125- und eine 500-Kubikzentimeter-Speedwaymaschine. „Und dann“, wedelt Boyce vor dem Videofon, „baue ich gerade eine Langbahnmaschine auf.“


Vor einem Tag hat der inzwischen 59-Jährige, der 2001 mit Australien in Breslau Teamweltmeister wurde, erfahren, dass Beau Bailey am Samstagabend in Cloppenburg bei der Night of the Fights an den Start gehen wird. Und diese Nachricht elektrisiert den Australier: „Ich habe Beau seit seiner allerersten Runde auf einem Speedwaymotorrad trainiert.“ Deswegen bittet er auch direkt darum, über das Rennen in Nordwestdeutschland auf dem Laufenden gehalten zu werden. „Beau ist der neue Darcy“, beteuert Boyce mit Verweis auf Darcy Ward, den Wunderknaben und Exweltmeister aus Australien, der inzwischen im Rollstuhl sitzt. „Der findet auch Traktion an Stellen der Bahn, wo sie sonst keiner findet.“


Das klingt doch nach was für den Samstagabend in Cloppenburg. Bailey ist einer von vier Australiern, auch Junior Mitch McDiarmid ist mit im Feld. „Aber der“, grinst Boyce in die Telefonkamera, „kommt ja vom anderen Ende der Welt.“ Tatsächlich stammt McDiarmid aus Perth im äußersten Westen Australiens, während Boyce in Sydney im Osten des riesigen Inselkontinents zuhause ist.


Neben den beiden Jugendlichen stehen in Sam Masters und Jaimon Lidsay zwei gestandene Profis vom Fünften Kontinten im Feld der Night of the Fights. Fast wirkt es so, als würden die beiden Senioren sich auf dem Trip nach Deutschland onkelhaft um die Young Guns kümmern. Boyce nickt: „That’s the Aussie spirit, brother“, lacht er, „den solltest Du doch eigentlich noch kennen.“


In der Tat ist genau diese besondere Einstellung der Australier nicht nur Grund für die ganz besondere Faszination, die jeder Aussie in Europa ausstrahlt – sondern auch für den dauernden Erfolg der „Boxing Kangaroos“ in der Paar- und Team-WM. Zwar gibt es nur vier Bahnen in ganz Australien, auf denen Bundeslands- und die nationale Meisterschaft, aber keine Liga ausgetragen werden – aber es kommen dauernd neue Talente vom Fünften Kontinent.


That’s the Aussie spirit, brother. Den solltest Du doch eigentlich noch kennen. – Craig Boyce

Und daran wiederum hat Boyce einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Denn nachdem er im Jahre 2007 nach einer bewegten Geschichte in Europa – inklusive satten Fausthiebs mitten ins Gesicht von Tomasz Gollob in einem Grand Prix – zurück nach Australien ging, packte ihn das Grausen. „Ich war international auf Profiniveau unterwegs. Aber die australische Speedwayszene bestand aus lauter Redeck-Amateuren vom Lande, die dachten, sie wissen alles – aber nichts auf die Reihe gekriegt haben.“ Also gründete er zusammen mit Mick Holder, dem Vater der jeweils Grand Prix-siegreichen Brüder Chris und Jack Holder, die „Speedway Experience“.


Zuerst war diese Rennfahrerschule nur für eine Bahn in Sydney vorgesehen. Doch bald expandierten die beiden zu einer Art Fahrendes Klassenzimmer: Shane Parker, der Exfahrer von Ipswich und Middlesbrough, ist in Gillmann in der Nähe vom südaustralischen Adelaide als Instruktor für die Speedway Experience engagiert, Boyce reist nach Tasmanien, um dort als Fahrlehrer zu arbeiten und junge Talente zu coachen. „Die Bahn in Sydney ist nur eine Dreiviertelstunde von mir entfernt. Das ist eigentlich eine klassische Dirttrackpiste, auf der Straßenrennfahrer trainieren. Aber auf so einer Bahn lernt man auch driften. Also fischen wir da auch Talente für den Speedwaysport ab.“


Eines dieser Talente ist Beau Bailey. „Der kommt von einem großen Bauernhof seiner Eltern auf dem weiten Land. Der wohnte so weit draußen, dass er als Kind nicht mal wusste, was ein McDonald’s ist: irgendwo fünfeinhalb Stunden südlich von Sydney.“


Beau Bailey (Mitte) gewinnt 2025 das Jugend-WM-Halbfinale in Krsko. Wenig später debütiert er in Cloppenburg. Dort startet er Samstagabend wieder. Foto: FIM
Beau Bailey (Mitte) gewinnt 2025 das Jugend-WM-Halbfinale in Krsko. Wenig später debütiert er in Cloppenburg. Dort startet er Samstagabend wieder. Foto: FIM

In England nannten sie Boyce in seiner aktiven Zeit „Face“, wegen seines makellosen Antlitz, das ihm mit seinem langen straßenköterblonden Haar fast schon eine engelsgleiche Erscheinung verlieh. Seinen Ford Transit hatte der charismatische Charakterkopf mit einem chromblitzenden „Bullbar“ – einem Bullenfänger-Schutz vorm Kühler wie aus amerikanischen Countryfilmen bekannt – ausstaffiert. Damit fuhr er nicht nur in England – sondern auch in Nordwestdeutschland. Er heuerte zusammen mit Shane Parker als Ligafahrer im Pool des MC Norden an, und weil damals eine inoffizielle Kooperation der Ostfriesen mit den benachbarten Friesen vom MSC Moorwinkelsdamm bestand, tauchte Boyce plötzlich oft im Nordwesten auf. MSC-Sportleiter Heinrich Wilhelms bat die Norder Vereinsführung um Hilfe bei der Vermittlung von englischsprachigen Fahrern von der Insel, sodass Boyce, Parker, aber auch der Engländer Chris Louis Ostermontag und Pfingstsonntag in Halbemond und Anfang Mai in der Friesischen Wehde fuhren.


Man kann noch heute mit Boyce wunderbar das tun, was die Australier „having a yarn“ nennen: tratschen. So erfährt, dass Marshall McDiarmid, der Vater vom in Cloppenburg fahrenden Mitch, derjenige war, der einst Rob Woffinden seine Reisen und Rennen nach Australien finanziert hat, als der Vater von Tai Woffinden noch selbst Speedway fuhr und sich später auch in Perth niederließ. Und dass der Großvater von Beau Bailey ordentlich Geld hat, sodass der Enkel nach den ersten Trainings in der Boyce’schen Speedway Experience gleich Topmaterial für die Kinderklassen bekam.


Boyce ging mit dem jungen Bailey mit nach Schweden, als der in der GP3-WM fuhr. Man trainierte ausgiebig in Västervik. „Auf den 250-Kubikmaschinen hat man als Fahrer nicht viele Möglichkeiten“, weiß Boyce. „Man muss mit Köpfchen fahren. Genau das hat Beau da immer gemacht: Er hat von hinten lange geduldig Fahrt und Schwung aufgebaut – und die allermeisten seiner Überholmanöver in der letzten Runde hingelegt, mit teils unglaublichen Linien.“


Inzwischen ist Bailey 16, in seinem ersten Anlauf Australischer Juniorenmeister vor Speedway Experience-Absolvent James Pearson, Tate Zischke und MacDiirmid geworden – und in der polnischen Ekstraliga bei Graudenz unter Vertrag. Seitdem ist er dort nicht nur Teamkollege von WM-Fahrer Max Fricke, sondern steht auch – getreu dem „Aussie Spirit, brother“ – unter dessen Fittiche und Patronat.


Boyce verfolgt Baileys Fortschritt aus der Ferne interessiert weiter. Und macht keinen Hehl daraus, dass er es lieber gesehen hätte, wenn sein Landsmann dieses Jahr bei seinem Ex-Klub Poole in der Zweiten Britischen Liga angeheuert hätte. „Ich hatte mit Matt Ford von Poole schon alles in trockenen Tüten“, verweist Boyce auf den legendären Promoter des Vereins aus Dorset, für den er selbst zu Erstligazeiten in England und einen Allzeitpunkterekord aufstellte. „Matt wollte ein Juniorteam aus Beau Bailey, Cooper Rushen und Will Cairns bilden. Doch dann ist Beau lieber gleich nach Polen gegangen.“


Boyce macht eine Pause, man sieht ihm seinen Ärger an. „Junge Fahrer sollten immer erst in England fahren, so wie wir das früher auch gemusst haben: auf engen Bahnen, bei schlechtem Wetter und schwierigen Verhältnissen. Das zu meistern, gehört genau so zur Grundausbildung wie fünf Stunden durch die Gegend zu fahren, um dann zu erfahren, dass das Rennen wegen Regens abgesagt wird. Erst wenn sie durch diese Ochsentour gegangen sind, sollten sie auch auf die glatten Bahnen und die idealen Bedingungen in Polen gehen.“


Deswegen begrüßt er auch den herbstlichen Ausflug von Bailey und Co. nach Cloppenburg, auf diese so eigene und anspruchsvolle Bahn im Industriegebiet Emstekerfeld. Und bittet inständig, dass man den Facebook-Auftritt seiner Speedway Experience mit Informationen von der Night of the Fights versorgen möge. „Wenn Du die Jungs da siehst, sag’ ihnen, Du hättest gestern Abend noch mit Craig telefoniert – und der lässt ausrichten, sie sollten Dir gefälligst anständig G’day sagen.“

 
 
 

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