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Das Urviech trifft seine Urahnen

Hinter dem Mössmer’schen Urviech für die Eisrennen in Weißenbach und Steingaden stecken gleich drei kuriose Handlungsstränge.


Manchmal kann man die Zeit eben doch zurückdrehen. Etwa am Samstag beim Eisspektakel in Weißenbach. Dort nämlich wird die Historie eines regionalen Phänomens mit echtem Exotenstatus wiederbelebt: der Internationale Allgäuer Alpenpokal.


Diese Rennserie fand ab den Achtzigern auf bis zu sieben Eisbahnen in der Gegend und in Österreich statt, sie ist erst vor fünf Jahren eingestellt worden – aber Relikte aus der wilden Zeit tauchen immer wieder auf. Etwa in Weißenbach: In Tirol stehen sieben Gespanne am Start, die früher alle im Alpenpokal mitgefahren sind. Und das Mössmer’schen Urviech, das tags drauf auch Demorunden beim Skijöring in Steingaden drehen wird.


Sonja Mössmer/Marina Pollinger fahren samstags in Weißenbach und sonntags in Steingaden in einem Eigenbaugespann – mit einer ganz besonderen Geschichte.
Sonja Mössmer/Marina Pollinger fahren samstags in Weißenbach und sonntags in Steingaden in einem Eigenbaugespann – mit einer ganz besonderen Geschichte.

Das kantige Gefährt ist quasi der jüngste Spross einer Ahnenkette von Eigenbau-Gespannen für den Alpenpokal. Ideengeber für die ganze Gespannbewegung war seinerzeit Huppert Nagl, ein Motocrosser, der nach einem Unfall in den Rollstuhl musste. Der Vater von Motocross-WM-Fahrer Max Nagl entwickelte daraufhin ein sogenanntes „Kneeler“-Gespann für die Alpenpokalrennen. So nennt man Seitenwagenkonstruktionen, in denen man sich hinkniet statt zu sitzen. Ein Trend, der in den Sechzigern auf der Rundstrecke aufkam.


In der ersten Ausbaustufe war das Mössmer'sche Urviech im Alpenpokal kniend zu fahren.
In der ersten Ausbaustufe war das Mössmer'sche Urviech im Alpenpokal kniend zu fahren.

Bis Nagl mit seinem selbstgeschweißten Kneeler auf die süddeutschen Ovale kam, war die Seitenwagenklasse des Internationalen Allgäuer Alpenpokals von Bahngespannen klassischer Bauart geprägt, bei Massenstarts preschten bis zu 12 davon gleichzeitig los. Die waren durch den Kneeler aber obsolet, weil chancenlos: In den zwei Runden auf Zeit und den darauffolgenden Finalläufen waren die niedrigen, schwerpunktoptimierten Kneeler schneller.


In Weißenbach können Mössmer/Pollinger heute echte Rennen fahren, in einer Art Alpenpokal-Revival.
In Weißenbach können Mössmer/Pollinger heute echte Rennen fahren, in einer Art Alpenpokal-Revival.

Deswegen kamen immer mehr solcher Eigenbauten in den Alpenpokal. Harald Mössmer, ein Tuner, Fahrwerks- und Rahmenbauer sowie selbst Rennfahrer im Gespann- und Eisspeedwaysport, drehte die Technik dann eine Stufe weiter – mit dem Gespann, das in Weißenbach und Steingaden fährt. „Die alten Konstruktionen hatten einen Rahmen und eine Schutzverkleidung außenrum“, erläutert Mössmer. „Ich habe einen selbsttragenden Rahmen aus Chrommolybdän geschweißt. Das spart Gewicht.“


Nach dem Umbau steht es mit Lenkrad und Sitz in der Sammlung von Harald und Sonja Mössmer.
Nach dem Umbau steht es mit Lenkrad und Sitz in der Sammlung von Harald und Sonja Mössmer.

Heraus kam jener Seitenwagenkonstruktion, die nun von Sonja Mössmer, seiner Ehefrau, und Marina Pollinger gefahren wird. Deren Freund Alexander Hermann ist ein ehemaliger Beifahrer im Bahngespann von Markus Brandhofer, sie selbst hat sich bei Tests in diesem Sommer auch schon zwei Mal im Beiboot von Markus Venus versucht. Beim EM-Finale in Haunstetten entwickelte Pollinger die Idee, mit Sonja Mössmer – die früher zusammen mit ihrem heutigen Exmann bei Mössmer als Mechanikerin in dessen Speedway- und Langbahngespannteam gearbeitet hatte – gemeinsam fahren zu können. So kamen die Starts an diesem Wochenende zustande.


Das brachial aussehende Mössmer’sche Urviech sticht in Weißenbach aus der Masse der alten Alpenpokal-Gespanne heraus. Denn die kommen allesamt mit einem kurzen Radstand von 1,30 bis 1,40 Meter daher. Harald Mössmer hat sein Geschoss auf 2,70 Radstand gestreckt – und das Vorderrad so platziert, dass es genau vorm Hinterrad läuft. „Die Fahrwerksgeometrie habe ich von einem Straßengespann übernommen“, verrät Mössmer, „für das ich früher auch die Radaufhängungen gebaut habe.“


Die Reifen sind mit je 155 Nägeln gespickt. Fotos: Harald Mössmer
Die Reifen sind mit je 155 Nägeln gespickt. Fotos: Harald Mössmer

Der Motor ist der ein Liter große und 200 PS starke Treibsatz aus der Kawasaki ZX1000, also dem Homologationsmodell für die Superbike-Rennversion. Er treibt im Mössmer’schen Urviech, das 200 Kilogramm wiegt, beide Hinterräder an. In den Reifen sind pro Rad je 155 Schrauben von nur einem Zentimeter Länge montiert, die sich ins Eis krallen.


Die Ausgangsversion musste für die Einsätze von Sonja Mössmer angepasst werden. Denn die kann seit einem Unfall im Urlaub vor drei Jahren nicht mehr knien. Also musste der Eigenbau von Harald Mössmer, der nur für Eisrennen auf Kiel gelegt worden war, seinen Charakter als „Kneeler“ aufgeben: Seine Gattin sitzt nun im Gespann wie in ihrem Speedkart, mit dem sie sommertags unterwegs ist – und dirigiert das brachiale Gefährt über ein Steuer statt einen Lenker. „Ich habe das genau so umgebaut, dass die Sitzposition identisch zu der im Kart ist.“


In Weißenbach findet quasi ein Alpenpokal-Revival statt, mit richtigen Rennen auf Spikes. In Steingaden hingegen ist das Eis nicht hoch genug, um mit Spikes Rennen drauf fahren zu können. Drum wird das Skijöring auch nur mit Speedwaymotorrädern ohne Spikes oder Nägel absolviert.


In Tirol dagegen hat man bereits im November mit dem Eisaufbau begonnen. „Für richtige Rennen“, weiß Mössmer, der auch schon Rahmen mit liegend eingebauten Motoren für Eisspeedwayfahrer wie Alexander Balaschow, Franz Zorn und den Steingadener Klubfahrer Michl Lang gebaut hat, „brauchst du mindestens 20 Zentimeter Eis.“


Das gibt’s in Weißenbach, sodass dort sogar vier echte Eisritter fahren können: Hans Weber, Franz Mayerbüchler, Christoph Kirchner und Lokalmatador Martin Posch fahren vormittags und zur Mittagszeit vier Rennen. Nachmittags sind Autos dran.


Und die urigen Viecher aus der Gespannklasse des Internationalen Alpenpokals, die es völlig zu Unrecht noch nicht zu bundesweiter Berühmtheit gebracht haben.

 
 
 

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