Der Oranje-Vulkan
- Norbert Ockenga
- vor 6 Tagen
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Sebastian Reitsma kann dank ungewöhnlichen Wesens und seltener Technik zu einem entscheidenden Faktor bei der Team-WM auf seiner Heimbahn werden.
Sebastian Reitsma wundert sich. „Die Bahn ist doch über Nacht nicht länger oder kürzer geworden“, staunt der 19-jährige Niederländer, als er am Sonntagabend aus dem Fahrerlager von Inzell stapft. Demzufolge hätte er auch keine Notwendigkeit gesehen, das Kettenrad zu tauschen und die Übersetzung für den zweiten WM-Lauf des Jahres zu ändern. „Ich habe aber viele um mich herum gesehen, die ihre Ritzel gewechselt haben.“
Stefan Svensson, selbst ehemaliger Eisspeedwaystar und Vater des aktuell WM-führenden Niclas, warnt ausdrücklich vor solchen Eingriffen in die Abstimmung. Im Sommerspeedway seien die zwar üblich, auf Eis dagegen nicht. „Da kann das sogar gefährlich werden“, sagt der Brillenträger. „Denn wenn man die Übersetzung umbaut, dann verändert man damit auch unweigerlich das Ansprechverhalten und die Reaktion der Motorbremse. Aber die Fahrer haben sich sehr genau daran gewöhnt, wann und wie das Motorrad verzögert, wenn sie Gas wegnehmen – und wann sie dazu passend in Schräglage umlegen können. Wenn man diese Abläufe ändert, dann fährt man unter Umstände einfach geradeaus.“
Ich komm' ja nicht hierher, um Dritter zu werden. – Sebastian Reitsma
Dennoch beteuert Reitsma, die Leistungsentfaltung der Motorräder hätte sich am Sonntag von Inzell anders angefühlt als am Abend zuvor. „Es sind deutlich mehr Wolken aufgezogen, der Luftdruck ist gesunken“, so der noch amtierende Titelverteidiger des Roloef-Thijs-Pokals, „das hat sicher seinen Einfluss gehabt. Selbst in der Halle. Deswegen habe ich nach ein paar Läufen auch die Vergaserbedüsung geändert, um mehr Qualm zu haben.“
Reitsma ist eine ganz und gar außergewöhnliche Erscheinung im Fahrerlager. Hin und wieder ist es ratsam, ihm nicht zu nahe zu kommen. Zwischen seinen Rennen fühlt man sich sonst wie Pompeji kurz nach dem Ausbruch des Vesuv anno 79 n.Chr: Reitsma kann zwischen seinen Einsätzen vulkanhafte Explosionskraft entwickeln – sowohl bei Ärger als auch bei Freude kommt es regelmäßig zu Detonationen der Emotion. Der Niederländer nutzt solche Wallungen als Ventil, um sich aufzupumpen und unter Spannung zu halten. „Ich komm’ ja auch nicht hierher, um Dritter zu werden“, begründet er. „Da ist schon eine ordentliche Portion Ehrgeiz dabei, und den kanalisiere ich über solche Emotionen.“

Dabei spricht er mit weicher, freundlicher Stimme, als säße ein anderer Reitsma vor einem als der, der unter Kampfgebrüll und mit weit ausholenden Gesten von seiner Maschine gestiegen ist, als ihm am Samstagabend in Inzell endlich der erste Laufsieg gelungen ist – und ein zweiter gleich hinterdrein. Diese beide Dreipunktefahrten entsprachen dem, was sein eigener Anspruch sei, sagt er am Morgen danach. Dabei sind In-Ear-Kopfhörer sein dauernder Begleiter: Reitsma, der wohl talentierteste Youngster im Eisspeedway, hat permanent Rhythmus im Ohr, es gehört zu seinem Vorbereitungsritual.
Bei der Team-WM in Heerenveen wird der Friese aus der Nähe von Leeuwarden zu einem Hauptdarsteller im Kampf um Silber oder Bronze. Bei Normalform kann er zusammen mit Jasper Iwema und Leon Kramer hinter den favorisierten Finnen jeden schlagen, auch die Deutschen. Und der Heimvorteil kommt dazu. Allein dass Roloef Thijs, die Legende des niederländischen Eisspeedway und ein großer Förderer von Reitsma, im Thialf vor Ort sein wird, verleiht den Oranjes einen zusätzlichen Schub.
Reitsma ist der einzige Eisspeedwayfahrer, der regelmäßig mit einem Riemen statt einer Primärkette zwischen Kupplung und Motor fährt. Der Riementrieb stammt von Tuner Jan Bergsma, der sich sommertags auch um Langbahn-Haudegen und Kickboxer Romano Hummel kümmert. „Wir haben den Riementrieb im Prinzip von der Langbahn übernommen“, verrät Bergsma, „aber wegen der Schräglage auf dem Eis ist der Riemen an sich schmaler: nur noch 20 statt 30 Millimeter. Und wir verwenden eine neue doppelt gelagerte Kupplung.“

Der Riementrieb ermögliche zusammen mit einer leichten Kurbelwelle mehr Leistung untenrum. „Dazu muss man aber eine extrem hohe Verdichtung fahren“, verrät Bergsma. „Da reden wir von 18 oder sogar 19 zu 1.“
Reitsma schwört auf die für die Eisbahnen noch ungewohnte Technik, die außer ihm bislang lediglich Landsmann und Oranjeteamkollege Leon Kramer probiert hat: „Man merkt, dass die Beschleunigung viel flüssiger und schneller vonstatten geht als mit einer Primärkette. Denn der Riemen hat deutlich weniger Spiel als eine Kette; er ist so straff, dass der Durchzug spürbar flotter verläuft.“



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