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Go, West

Warum sich für Michael West mit seinem Start beim Pfingstklassiker in Norden am Sonntag ein ganz großer Kreis schließt und was die einstigen Grand Prix-Stars Craig Boyce und Ryan Sullivan damit zu tun haben.


Der Schrecken fuhr ihm bereits im vorigen Jahr ins Gebein. „Ich hatte gehofft, dass die Fahrt ein bisschen kürzer sein würde“, haderte Michael West damals vorm Pfingstwochenende. „Aber das ist sie ja gar nicht; sie dauert gut fünf Stunden.“


Im Vorjahr musste der Australier den langen Autobahntörn nicht antreten, denn das Pfingstrennen in Halbmond wurde wegen Regens abgesagt. Dieses Jahr aber macht West sich über Nacht auf den Weg von Mecklenburg nach Ostfriesland: Am Samstagabend startet er beim Auerhahnpokal in der Bergring-Arena zu Teterow, am Pfingstsonntag ist er einer der 12 Anwärter auf den Störtebeker-Superpokal im Motodrom Halbemond – der Weltmeisterarena von Egon Müller anno 1983.


Wenn West im Riesenstadion in dem kleinen Dorf zwischen Marienhafe und Norden antritt, schließt sich ein Kreis. Denn der MC Norden war früher, vor der Zwangspause, eine Hochburg von Australiern für den deutschen Speedwaysport.


West dagegen hat seine sportlichen Wurzeln im Osten – bei Elmo Schröder, dem Sportleiter des Speedwayteams Wolfslake, am Rande des Berliner Rings. „Als ich noch ausschließlich in Australien fuhr, war der die einzige Person, die wir in ganz Europa kannten“, erinnert sich West mit einem Lächeln. „Mein Vater war irgendwie auf Facebook mit ihm ins Schreiben gekommen, und Elmo hat dann eine Unterkunft bei sich in der Gegend für mich gefunden.“


So unternimmt West seine ersten Schritte in Europa auf für Australier ganz und gar ungewöhnliche Weise. Denn normaler Weise finden die Aussies in England eine erste Anlaufstelle, beziehen dort – oft bei Mechanikern – ihre erste Wohnung und erobern dann über die Britischen Ligen den Rest der Speedwayszene auf dem Kontinent, immer mit dem Wunschziel Polen.


Ich mag das Leben und die Kultur in Europa. – Michael West

Auch West ist nach Polen gelangt, über offene Rennen in Deutschland und dem benachbarten Ausland wie etwa dem kleinen Meeting in Heusden unweit der ehemaligen belgischen Formel 1-Piste von Zolder. Er erarbeitete sich einen Platz in der U24-Ligamannschaft von Landsbergund zog dafür in die Nähe des Stadions in der deutsch-polnischen Grenzregion. Aber er ergatterte auch eine Planstelle im Bundesligateam von Nordstern Stralsund. „Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens in diesem Teil von Europa – sodass sich das beinahe schon wie mein echtes Zuhause anfühlt“, sinniert West. „Ich bin im ganzen Jahr vielleicht drei Monate zuhause in Australien, den Rest der Zeit in Europa. Mir gefallen das Leben, die Kultur und die Leute dort. Man kann sagen, dass ich von daheim ein bisschen abgekoppelt bin. ‚Abgekoppelt‘“, also detached, „ist wohl wirklich das richtige Wort.“


Aber er hat es auch nicht in jene typisch australische Clique geschafft, die sich auf der britischen Insel gegenseitig beim Fußfassen hilft, wenn ein neuer Jüngling vom Fünften Kontinent es in Europa schaffen möchte. Für die Aussies in England ist es Ehrensache, dass sie solange mit anpacken und beim Integrieren helfen, wie es nicht zu Konkurrenzsituationen auf der Bahn kommt. Der viel beschworene Zusammenhalt der Australier untereinander, den man auch bei Mannschafts-WM-Bewerben sieht, hat genau darin seine Wurzeln: gemeinsam statt allein in der Fremde.


Mit Stralsund startete Michael West auch in Wittstock. Foto: Nordstern Stralsund
Mit Stralsund startete Michael West auch in Wittstock. Foto: Nordstern Stralsund

Denn obwohl England und Australien dieselbe Sprache eint, so sind die Menschenschläge und die Kulturen doch völlig verschieden. Im Kricket sind die Länderspiele zwischen den „Aussies“ und den „Pommies“ sogar ähnlich aufgeladen wie Derbys zwischen Werder und dem HSV, THV Kiel und Flensburg-Handewitt oder den Haien und der DEG. Und es gibt viele junge Australier, die in den langen Monaten in England sogar unter handfestem Heimweh leiden. Jack Holder beispielsweise hat das offen zugegeben.


Die inoffizielle australische Community mit ihrer Subkultur fängt all’ das auf und macht die Übersiedlung auf die Insel leichter. „Aber ich habe kaum Angebote aus England bekommen“, rückt West gerade. „Deswegen habe ich mich gleich auf die Juniorenszene in Polen konzentriert – und auf Rennen in Deutschland, Dänemark und Schweden. Und ich mag es auch sehr in Europa.“


Gerade im Nordosten ist West längst ein Fixpunkt, wenn auch seine Leistungen in der Bundesliga oft so stark schwanken, dass Stralsund ihn nicht für jedes Rennen aufstellt. Diese Konstanz vor allem bei den Starts wurmt ihn selbst, er arbeitet mit diversen Kupplungseinstellungen und Materialkombinationen dagegen.


In Norden wird West am Pfingstsonntag erstmals ein Rennen fahren – und dabei in große Spurrillen einbilden. Denn in den Nachwendejahren, als es in Deutschland eine florierende Landschaft mit Superliga und Zweiter Bundesliga gab – da hatten die Ostfriesen ihre australische Periode.


Alles begann damit, dass in Shane Parker und Jason Lyons Anfang der Neunziger zwei Fahrer aus dem Land der Kängurus in Norden ein Halbfinale der Junioren-WM bestritten – und bei der Fahrerbesprechung merkten, dass die Funktionäre kein brauchbares Englisch konnten. Aus einer aushilfsweisen Dolmetschertätigkeit entwickelte sich eine kumpelhafte Beziehung. Rasch vermittelte der MC Norden den jungen Fahrern Starts bei anderen offenen Rennen in der Region, etwa beim Master of Speedway in Moorwinkelsdamm.


Am Pfingstsonntag fährt West in Halbemond in einer langjährigen Australienhochburg. Foto: Archiv Michael West
Am Pfingstsonntag fährt West in Halbemond in einer langjährigen Australienhochburg. Foto: Archiv Michael West

Und Parker, Lyons sowie Landsmann Craig Boyce aus Sydney bildeten auch das Rückgrat der Superligamannschaft des MC Norden. Vor allem Boyce avancierte zu einem Publikums- und Medienliebling im Nordwesten, konnte auch lokale Fahrer und Identifikationsfiguren wie Ralf Strack aus Westoverledingen und Jörg Jansen aus Osteel, den Onkel von Wests heutigem Gegner Ben Iken, mitreißen.


Kurz nachdem Boyce, Parker und Lyons – der ein Pfingstrennen in Halbmond trotz mehrerer gebrochener Rippen und eines Lungenrisses gewann – sich beim MCN heimisch gemacht hatten, trudelte ein Fax beim Klub ein. Absender: Geoff Sullivan aus Fitzroy bei Melbourne. Dessen Sohn Ryan musste im Jahr drauf ein U21-Qualirennen in Brokstedt fahren, zusammen mit Landsmann Cory Alderton aus Mildura. Beide hatten noch keine England-Profiverträge, sondern kamen nur für die U21-WM aus Australien rübergeflogen.


Ihre erste Anlaufstelle: Ipswich, wo Parker wohnte – der damals mit Ryan Sullivans Schwester zusammen war. Und wo in James Easter ein Reisebüroinhaber auch phasenweise als Teammanager der Aussies wirkte. Auf Brokstedt bereiteten Sullivan sich mit Extratrainings im Motodrom Halbemond vor, bezogen eine knappe Woche lang Quartier im kleinen ostfriesischen Dorf Westerende-Kirchloog – ehe Sullivan in Schleswig-Holstein mit Betreuung von Andreas Walek, dem Superligateammanager des MCN weiterkam, Alderton aber um einen Punkt ausschied und anders als der spätere Grand Prix-Sieger Sullivan keine Profikarriere mehr verfolgte.


Sullivan dagegen fuhr noch ein Jahr lang in der Zweitligamannschaft des MC Norden, an der Seite von Michael Strack aus Westoverledingen im nahen Rheiderland und André Haltermann, dessen Eltern Willy und Brigitte in Norden im Rennbüro und beim MSC Mulmshorn im Vorstand des utbremischen Langbahnklubs saßen. Ein unglaublich kontrollierter und schneller Auftritt von Sullivan beim verregneten Ostermontags-Heimrennen des MC Norden ließ Experten schon erahnen: Da wächst was Großes heran.


Parker kam über Vermittlung des MCN sogar zu Langbahneinsätzen auf Maschinen von Tuner Walek aus Herzebrock-Clarholtz, gemeinsam pilgerte man sogar bis runter nach Marmande, wo Parker unter Anderen auf Simon Wigg traf.


Auch da schließt sich für Michael West am Sonntag in der einstigen Aussie-Hochburg Halbemond ein Kreis: „Ich habe auch schon Mal ein Grasbahnrennen in Frankreich bestritten. Dafür haben wir uns eine gebrauchte Maschine eines Amateurfahrers gekauft. Das war billiger, als mein Langbahnmotorrad aus Australien einfliegen zu lassen.“


Denn in Australien hat West vor seiner Europa-Tournee schon den Titel in der nationalen Langbahnjuniorenmeisterschaft gewonnen.



 
 
 

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