Kängurus boxen alle zu Boden
- Norbert Ockenga
- vor 22 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Die Mannschafts-WM in Warschau nimmt einen völlig unerwarteten Verlauf.
Patryk Dudek war richtig schlecht. Und zwar nicht wegen des Rennverlaufs. Vielmehr litt der Europameister am wichtigsten Abend des Jahres für sein Land unter einem Magen-Darm-Infekt – und war schlicht zu schwach, um seine volle Leistung abzurufen.
Doch genau die hätte es am Samstagabend im Nationalstadion zu Warschau gebraucht, um ein überraschend aufgeräumtes australisches Team zu schlagen. Die Aussies rammten die Gegnerschaft schon im ersten Durchgang ungespitzt in den Boden – und konnten auch eine Talsohle im dritten Durchgang verknusen.
Das Fehlen vom verletzten Jank Holder kompensierten sie auf typisch australische Art: mit Zusammenhalt und grimmiger Entschlossenheit. Ersatzmann Ryan Douglas wurde für das Quintett vom fünften Kontinent zum Matchwinner – und Australien verblüffte alle Auguren mit dem Titelgewinn.
Während Dudeks Polen auf ganzer Linie enttäuschten, ihr Teammanager auch noch falsch aufstellte, dann panisch mit einem Auswechselhagel reagiert – und die favorisierten Polen sogar noch den Dänen Vortritt lassen mussten.
Australien ist als Mannschaftsweltmeister. Die Australier gewannen Finale im PGE Narodowy von Warschau vor mehr als 40.000 Zuschauern und beendeten damit eine 24 Jahre lange Wartezeit auf den Titel.
Mit 38 Punkten setzte sich Australien vor Dänemark (30), Gastgeber Polen (29) und Großbritannien (23) durch. Australien erwischte einen Traumstart und gewann die ersten vier Läufe in Folge.
Danach geriet der Favorit jedoch unter Druck. Dänemark kämpfte sich nach einem blamablen Start zurück ins Rennen und hielt den Kampf um Gold scheinbar lange offen. Australien hielt aber stets sicher dagegen und brachte den Vorsprung bis ins Ziel.
Für Australien ist es erst der dritte Titel. Zuvor hatte die Mannschaft 2001 und 2002 gewonnen. Der Triumph in Warschau verbindet damit die aktuelle Generation mit der goldenen australischen Speedwayära vor rund einem Vierteljahrhundert.
Ich habe mich da zum Idioten gemacht – Mikkel Michelsen
Der herausragende Mann des Abends war der 40-jährige Jason Doyle. Mit dem Titel vervollständigte der Australier als erster Fahrer der Speedwaygeschichte den sogenannten modernen Grand Slam.
Doyle hatte bereits den Speedway-GP-Weltmeistertitel 2017 sowie die Titel im Speedway of Nations 2022 und 2025 gewonnen. Mit dem World Cup fehlte ihm nur noch der vierte große Mannschafts- beziehungsweise Individualtitel des modernen Speedway, um alle vier wichtigsten Weltmeisterschaften gewonnen zu haben. „Ich muss das alles erst verarbeiten. Es ist unglaublich. Ich habe es jahrelang mit Team Australia versucht. Jetzt zu erleben, dass wir es wirklich geschafft haben, ist etwas ganz Besonderes.“
Vor allem die Entwicklung innerhalb des Rennens beeindruckte Doyle. Nach dem perfekten Auftakt kippte die Stimmung im australischen Lager zwischenzeitlich. „Wir hatten vier Siege in Folge, und ich dachte: ‚Das wird heute einfach.‘ Dann lief der dritte Durchgang völlig schief. Wir wussten, dass es schwierig werden würde, aber wir haben weitergearbeitet. Keiner wollte aufgeben.“
Doyle hob dabei ausdrücklich Max Fricke hervor. Der hatte nach seinem Auftaktsieg in den folgenden drei Läufen lediglich einen Punkt geholt, lieferte aber ausgerechnet im entscheidenden Moment ab: In Lauf 18 schlug Fricke Bartosz Zmarzlik, den sechsmaligen Weltmeister und Kapitän der Polen. „Max hatte ein paar schwierige Läufe. Aber dann kam er raus, hat Zmarzlik verblasen und seinen letzten Lauf gewonnen. Jeder hat gute Punkte geholt – genau so gewinnt man einen Weltmeistertitel.“
Fricke kam am Ende auf eine wichtige Bilanz, obwohl sein Rennen zwischenzeitlich zu kippen drohte. Nach dem Sieg im ersten Lauf blieb er in den nächsten drei Starts weitgehend erfolglos. Vor seinem letzten Einsatz veränderte die australische Mannschaft deshalb gemeinsam etwas an den Motorrädern.

Teammanager Mark Lemon setzte weiterhin auf Fricke – und wurde belohnt. „Ich konnte mich auf die Jungs verlassen. Wir haben ein paar Dinge an den Motorrädern verändert und versucht, es für den letzten Lauf zum Funktionieren zu bringen.“
Fricke wusste, dass dieser letzte Einsatz für Australien entscheidend sein konnte. „‚Lemo‘ hat viel Vertrauen in mich gesetzt. Ich wusste, dass der Druck da war. Ich bin einfach dankbar, dass ich liefern konnte.“
Für Fricke ist es nach seinen Titeln in der Team-WM 2026, der Paar-WM 2022 und der U21-Weltmeisterschaft 2016 ein weiteres Gold.
Für Kapitän Brady Kurtz war das Finale eine Premiere. Er bestritt erstmals selbst einen Team-WM-Endlauf; 2016 war er in Manchester lediglich als nicht eingesetzter Ersatzfahrer Teil einer australischen Mannschaft.
Nun führte er Australien als Kapitän zum Titel. „Als ich die Jungs nach dem Sieg auf die Bahn rausstürmen sah, war ich völlig aufgedreht. Es ist etwas ganz Besonderes. Ich habe so lange darauf gewartet, Teil einer WM-Mannschaft zu sein.“
Kurtz sieht einen wesentlichen Grund für den Erfolg im Zusammenhalt der Australier. „Ich glaube, Australien ist das Land, das am stolzesten darauf ist, in der WM zu fahren. Wir sind vielleicht ein bisschen enger zusammengerückt als die anderen Nationen. Das hat uns definitiv geholfen.“
Eine der großen Geschichten des Abends schrieb Ryan Douglas. Der 32-Jährige bestritt sein erstes WM-Finale und erzielte 10 Punkte. Noch stärker: Douglas gewann seine ersten drei Läufe und etablierte sich damit sofort auf der großen internationalen Bühne. „Das ist ein unglaubliches Gefühl. Ich habe es einfach wie jedes andere Rennen behandelt. Gegen die meisten dieser Fahrer bin ich irgendwann in irgendeiner Liga schon gefahren.“
Die Kulisse im PGE Narodowy beeindruckte ihn dennoch. „Wenn man sich im Stadion umschaut und diese Zuschauer sieht, ist das eine andere Ebene. Aber letztlich stehen auch hier nur vier Fahrer an der Startlinie – und ich habe genauso eine Chance wie jeder andere.“
Douglas war kurzfristig in die Mannschaft gerückt, weil Jack Holder nach seinem schweren Sturz in Breslau weiterhin verletzt ausfällt.
Dänemark holte Silber und lieferte dabei eine bemerkenswerte Aufholjagd. Nach den ersten neun Läufen standen lediglich acht Punkte auf dem Konto. Danach steigerte sich die Mannschaft massiv und beendete das Finale mit 30 Punkten auf Rang zwei.
Topscorer war Mikkel Michelsen mit zwölf Punkten. „Wir sind nicht gut gestartet. Nach acht Läufen sah es nicht danach aus, als würden wir überhaupt etwas mit nach Hause nehmen. Silber ist deshalb eine großartige Leistung.“
Michelsen musste dabei auch auf die Stärke der Australier verweisen. „In solchen Wettbewerben gewinnt Konstanz Gold. Die Australier haben das gezeigt. Sie haben den Titel absolut verdient.“
Seinen eigenen letzten Lauf wird Michelsen allerdings weniger positiv in Erinnerung behalten. Der Däne stürzte nach einem Angriff von Bartosz Zmarzlik. Anschließend verfolgte Michelsen den Polen wütend durch den Tunnel Richtung Fahrerlager. Offizielle und Mechaniker mussten eingreifen. Der Däne wurde für den Zwischenfall disqualifiziert.
Michelsen räumte anschließend allerdings selbstkritisch ein, dass die Situation auch aus seiner Sicht anders hätte ausgehen können. „Ich war wahrscheinlich wütender auf mich selbst als auf irgendjemanden sonst. Wir wissen alle, dass Bartek hart fährt. Ich habe ihm die Lücke gelassen.“
Er hatte den Angriff erwartet, wich im entscheidenden Moment aber aus. „Ich wusste, dass er in die Kurve hineinstechen würde. Wenn ich meine Linie gehalten hätte, hätte er mein Vorderrad getroffen. Aber im letzten Moment habe ich zurückgezogen und bin vom Motorrad gesprungen. Die Entscheidung ist deshalb in Ordnung.“
Mit einem Schmunzeln fügte er hinzu: „Ich habe mich da definitiv ein bisschen zum Idioten gemacht. Wahrscheinlich bin ich heute der meistgehasste Mensch in Polen.“
Für Gastgeber Polen blieb am Ende nur Bronze. Mit 29 Punkten fehlte dem Titelverteidiger ein Punkt auf Dänemark und neun auf Australien.
Teammanager Stanislaw Chomski machte keinen Hehl daraus, dass das Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. „Natürlich wollten wir gewinnen, und natürlich wollten wir Gold. Genau deshalb sind wir hierhergekommen.“
Dabei hatte Polen zusätzliche Probleme. Patryk Dudek litt während praktisch des gesamten Wettbewerbs an einer Magen-Darm-Erkrankung und konnte nach Angaben Chomskis anschließend deswegen nicht einmal zur Siegerehrung kommen.
Eine wichtige Rolle spielte außerdem Kacper Woryna. Der Grand-Prix-Sieger von Landshut war als Joker vorgesehen und wurde genau im richtigen Moment eingesetzt.
Chomski sah Australien letztlich als stärkste Mannschaft des Abends: „In der ersten Runde haben sie jeden möglichen Lauf gewonnen. Das war beeindruckend. Danach ist Dänemark in der Mitte des Wettbewerbs aufgewacht.“
Für Polen war Bronze deshalb zwar eine Enttäuschung – zugleich wertete Chomski den Abend angesichts der Atmosphäre als wichtigen Erfolg für den Sport.
Großbritannien kam mit 23 Punkten auf Platz vier. Die Briten mussten weiterhin auf Dan Bewley verzichten und gingen damit nicht in Bestbesetzung an den Start.
An der Spitze der Ergebnisliste stand somit eine in sich geschlossene australische Mannschaft, die nach einem perfekten Beginn zwischenzeitlich ins Wanken geriet, sich aber im entscheidenden Moment stabilisierte.
Für Jason Doyle war es darüber hinaus ein Abend für die Geschichtsbücher: Mit 40 Jahren wurde er zum ersten Fahrer, der alle großen Weltmeistertitel des modernen Speedway gewonnen hat.



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