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Küsten-Kind

Die Geschichte von Junior Julius Ruschmeier ist eine Story über Entschlossenheit, Willen und Talent. Und über einen Dreikäsehoch, der seine Eltern zu einem drastischen Schritt bewegt hat.


Kennt doch irgendwie jeder noch von früher. Die Eltern haben einem so manches Mal eine Hose oder einen Pulli gekauft, die einem so viel zu groß waren, dass man förmlich drin versunken ist. Allgemeines Totschlagargument damals: „Da wächst das Kind noch rein.“


Bilder mit der unfreiwilligen Übergröße tauchen am Pfingstsonntag im Motodrom Halbemond vorm inneren Auge auf. Denn dort sitzt ein Fahrer auf einer 125-Kubikzentimetermaschine in der Jugendklasse, der auch sichtlich noch in das Motorrad hineinwachsen muss: Julius Ruschmeier fährt im Vorprogramm des Störtebeker-Superpokals in der einstigen Weltfinalarena sein erstes Rennen in der Achtelliterklasse – und wirkt auf der Maschine noch wie ein Dreikäsehoch, vor allem im Vergleich zu den älteren Kontrahenten, etwa Ben und Tom Knese aus Dohren.


Ruschmeier ist gerade als Deutscher Meister in der 50-Kubikklasse direkt in die Achtelliterkategorie aufgestiegen. Und sein erstes Rennen sollte gleich auf jener Bahn stattfinden, auf der er auch stets trainiert. Denn der 11-Jährige kommt aus Osteel – einer Art Epizentrum des ostfriesischen Speedwaysports. In Osteel bei Marienhafe wohnt auch Jörg Jansen, der Exfahrer und heutige Kurvenbeobachter beim MC Norden – und dessen Neffe Ben Iken.


Ich habe mir das Video immer wieder angeguckt, weil der Junge mir leidgetan hat. – Meik Lüders

Ruschmeier stammt nicht aus dem kleinen osfriesischen Dorf. Er ist das, was der Kölner einen „Immi“ nennen würde. In Ostfriesland gibt es das Wort „Butenostfreesen“ für Leute, die aus dem Nordwesten weggezogen sind. „Immi“ Ruschmeier wäre quasi ein Binnenostfreese. Denn eigentlich stammt seine Familie aus Wagenfeld bei Diepholz – wo der MSC Heidering regelmäßig NBM-Rennen ausrichtet.


Als Klein-Julius fünfeinhalb Jahre alt ist, wird Meik Lüders auf den Knirps aufmerksam. Der gebürtige Bremer, der im Motodrom Trainings gibt und auch das alljährliche Pfingstrennen organisiert, ist vom MSC Heidering für ein Trainingslager angeheuert worden. Lüders entdeckt im kleinen Ruschmeier vielversprechende Anlagen. „Ich habe mit ihm Training gemacht. Er wurde immer schneller und schneller“, berichtet Lüders. „Und irgendwann hat er seine Eltern dann überzeugt, dass er nicht mehr in Wagenfeld trainieren möchte: Er möchte zu dem Mann, der ihn zum Weltmeister macht. So hat er gesagt. Die Familie kam drei Monate lang immer her zum Trainieren.“


Julius Ruschmeier bereitet sich auf sein erstes Rennen auf einer Achtellitermaschine vor. Foto: Heike Kleene
Julius Ruschmeier bereitet sich auf sein erstes Rennen auf einer Achtellitermaschine vor. Foto: Heike Kleene

Dabei erkennt Vater Daniel Ruschmeier, dass der Sprössling es mit dem Sport ernst meint. Er sucht sich eine Anstellung bei der Windenergiefirma Enercon in Aurich, neben dem VW-Werk in Emden der größte Arbeitgeber in der Region, und mietet für die Familie eine Doppelhaushälfte in Osteel. Mutter Maxi wohnt seitdem auch als „Immi“ an der Nordseeküste.


Lüders schickt Julius Ruschmeier durch die Mühlen eines kompletten Trainingsjahrs auf der 50-Kubikmaschine – ohne jegliches Rennen in der Schnapsglasklasse. „Er sollte möglichst gut vorbereitet in sein erstes Rennjahr gehen. Da fuhr er dann ja auch auf Anhieb gleich vorn. Und er war der Erste in ganz Deutschland, der auf einer Fünfziger alle drei Rennrunden lang komplett im Drift gefahren ist.“


Nachdem Ruschmeier 2025 in Brokstedt Deutscher Meister bei den Minis wird, wollen die Eltern die Bäume zum In-den-Himmel-Wachsen ziehen – und ihren Filius gleich auf eine Achtellitermaschine setzen, komplett mit Shupa-Motor, also den Topaggregaten des tschechischen Tuners. Lüders geht das zu schnell, er lässt die Eltern gewähren – und stolpert dann im Internet über Videos von Ruschmeiers erstem Training in Ludwigslust.


Dabei fällt ihm auf: Die unbekümmerte Lockerheit und das Draufgängertum sind plötzlich nicht mehr da. „Der Junge hatte Angst. Ich habe mir das Video immer wieder angeguckt, weil der Junge mir richtig leid getan hat.“


Also rauft er sich mit den Eltern wieder zusammen und hält Kriegsrat in Halbemond. Die Eltern stimmen dem Fahrplan von Lüders zu, sich mit Trainings vorzubereiten. „Er brauchte erst ein Feeling für das Driften und für das große Fahrgestell ganz allgemein.“ Das erarbeitet er sich beim Perfektionstraining mit einem zahmen Kundenmotor – ehe für das Pfingstrennen dann der scharfe Shupa wieder eingebaut wird. „Und wir haben immer schneller übersetzt. Das erste Rennen sollte unbedingt auf seiner Hausbahn sein – dann klappt auch alles.“


Fast zumindest. Ruschmeier fällt auf im Feld der 125er, mit professionellem Auftreten, das seine jungen Jahre glatt vergessen lässt. Die halbe Schulklasse ist zu Pfingsten mit im Stadion. Und die Freunde sehen, dass Ruschmeier im ersten Rennen schon beim Start ausfällt: Kette ab.


Davon lässt er sich aber nicht ins Bockshorn jagen, sondern etabliert sich in den nächsten Rennen als einer der schnellsten im Feld der erfahreneren Achtelliterdrifter. In einem Lauf wühlt er sich sogar von Platz 3 zum Sieg nach vorn. Lüders und sein Cotrainer André Pollehn, selbst ehemaliger Speedway- und Langbahnfahrer aus Schleswig-Holstein, empfangen den Burschen nach jedem Rennen mit Beifall und angedeuteter La Ola-Welle am Fahrerlagertunnel, genau wie auch die anderen Schützlinge vom Team Lüders – so motiviert man die Kleinen zu großen Taten.


Am Ende wird Ruschmeier Dritter in der Klasse, hinter Tom Knese und Ravi Nijenhuis – dem Neffen des niederländischen Tuners und Freddie-Lindgren-Mechanikers Lars Zandvliet.


Und steht am Vorstart ganz selbstverständlich mit entschlossenem Lächeln unterm Zelt mit Fahrern, die ihn um einen Kopf überragen, gibt den Fotografen den typischen Bahnsportdaumen – grad so, als wäre er schon immer einer von Deutschlands besten Speedwayjugendlichen gewesen. Und nicht etwa einer der Jüngsten von allen, der irgendwie noch im Rahmen seiner neuen Maschine versinkt wie in einer zu großen Büx.

 
 
 

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