Klassenfahrt
- Norbert Ockenga
- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Christoph Kirchner und Max Niedermaier d.J. holten sich am Freitagabend jene Vorbildung, die ihnen dabei half, die Eisbeschaffenheit im Team-WM-Finale von Heerenveen richtig zu interpretieren.
Immer wieder schießt ihm dasselbe durch den Kopf. „Ich habe mir jedes Mal beim Reinfahren gedacht“, gesteht Max Niedermaier d.J. am Abend nach dem Roloef-Thijs-Pokal in Heerenveen: „‚Da wäre noch mehr gegangen.‘“ Denn der Ersatzmann der Deutschen für die Eisspeedway-Team-WM findet zwei Tage vor dem Finale keinen Weg, mit Sebastian Reitsma mitzuhalten. „Dabei sehe ich mich eigentlich auf einem ähnlichen Level wie er. Denn in der WM-Qualifikation war immer an ihm vorbei.“
Reitsma gewinnt das Rahmenrennen im Thialf am Freitagabend – doch das nützt dem Niederländer zwei Tage später bei der Mannschafts-WM weniger als das Ausscheiden der beiden Deutschen ihnen. Sowohl Niedermayer d.J als auch Christoph Kirchner kommen im Thijs-Pokal nicht über das Halbfinale hinaus – nehmen aber von dort wichtige Lehren mit in die Folgetage, die letztlich dazu beitragen, dass Deutschland die Niederlande klar aussticht und in der Mannschafts-WM Bronze holt.
Sowohl Niedermaier d.J. als auch Kirchner sind im Rahmenrennen für die Hauptrunde gesetzt, müssen sich – anders als Landsmann Bernhard Sanftl – nicht über eine Vorrunde qualifizieren. Was direkt zur Folge hat, dass sie später in den Wettbewerb einsteigen als die nicht Gesetzten. „In meinem ersten Lauf war ich von der Warterei vorher noch ein bisschen eingerostet“, gesteht etwa Kirchner. „Deswegen habe ich den Start verhauen und bin nicht aggressiv genug gefahren. Aber am den zweiten Lauf ist es dann von Mal zu Mal besser geworden.“
Die beiden Bayern können schon am Freitag Fallstudien zu dem im Vergleich zu Inzell deutlich härteren und kälteren Kunsteis in der Thialf-Arena machen. „Ich hätte meine Linienwahl einige Male gern anders gesetzt“, berichtet Kirchner. „Ich wollte es weiter innen probieren. Aber dazu war das Eis zu schlecht.“
Ich habe im Training probiert, innen zu fahren, aber ich hab's nicht hingebracht. – Max Niedermaier d.J.
Und Niedermaier ergänzt: „Ich habe es schon im Training innen probiert, aber ich hab’s nicht hingebracht. Also habe ich es in den Rennen weiter außen probiert – mit den Rillen.“
Kirchner wird im entscheidenden Moment sogar noch in einen Sturz verwickelt, weil Jimmy Hörnell ihn attackiert. „Aber er hat mir genug Luft gelassen“, relativiert Kirchner. „Das Manöver von ihm war völlig okay – und die Disqualifikation auch.“

Der Einsatz am Freitag hat die beiden Teamkollegen von Mannschaftskapitän Max Niedermaier genau das gelehrt, was beide vor dem WM-Finale wissen mussten: wie sie mit internationaler Härte klarkommen – schließlich liegt die Latte im WM-Feld doch noch Mal eine ganze Etage höher als beim Roloef-Thijs-Pokal mit seinem großen Leistungsgefälle. Und wie sie die Eisentwicklung antizipieren und darauf mit der Linienwahl reagieren.
Denn das Eis war am Sonntag wieder vergleichbar hart präpariert wie beim Thijs-Pokal – während es für den Einzel-Grand Prix am Samstagabend spürbar weicher aufgebaut worden war, weil der Bahndienst da tagsüber mehr Wasser aufgebracht hatte.
Eigentlich hatte der Veranstalter für den Sonntag zwar kein Training vorgesehen – wohl aber ein kurzes Warm-up zur Mittagszeit, damit die Fahrer sich ein Bild vom Eis machen können. Das hatten die Fahrer für unnütz erachtet: Sie wollten das Eis nicht schon früh aufrauen, sondern lieber für den Rennnachmittag schonen. Das machte die Vorkenntnis von Kirchner und Niedermaier d.J. um so wertvoller.
Sowohl für Niedermaier bei seinen beiden Einsätzen als Reservist als auch für Kirchner sollten sich die diese Erfahrungen am Sonntag als goldwert erweisen. Vor allem im B-Finale, dem Spiel um Platz 3, als Kirchner wegen der Blockade von Lukas Hutla dauernd die Linien wechseln und kreuzen und viel versatiler fahren musste als normal. Und genau mit dieser Flexibilität hat der Bayer es letztlich geschafft, die beiden Tschechen zu übertölpeln – und Deutschland so Bronze zu sichern.



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