„Oh, war das ein Sausen und Zischen“
- Norbert Ockenga
- vor 7 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Hans-Werner Behrend erlebte als Kind in Teterow die den letzten Vorkriegsrennen auf dem Bergring mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er seine Erinnerungen ans Jahr 1939 verfasst.
Mein Heimatstädtchen Teterow liegt im Herzen der Mecklenburgischen Schweiz. Obgleich die Provinz Mecklenburg zum Flachland zählt, ist meine Geburtsstadt rings von Hügeln und Bergen umgeben.
Die Stadt selbst liegt in einem Tal. Wenn man morgens in aller Frühe von einem Berg ins Tal schaut, sind bei nebeligem Wetter keine Häuser zu erkennen. Es ist ein Fleckchen Erde, wo man noch ziemlich ruhig in den Tag hineinleben kann. Die Bürger der Stadt sind größtenteils kleine Handwerker, Krämer oder auch sogenannte Ackerbürger, die sich von der Landwirtschaft ernähren. Es sind verträgliche Menschen, die den Großstadtlärm nur vom Hören und Sagen kennen. Sie gehen täglich nur ihrer Arbeit nach und gönnen sich sonntags auch mal ein Gläschen Bier.
Doch zweimal im Jahr, zu Pfingsten und im Herbst, ist es mit der sonst üblichen Ruhe vorbei! Dann startet das große Teterower Bergringrennen. Es handelt sich um ein Motorradgrasbahnrennen, an dem vor dem Krieg bis zu 14 Nationen teilnahmen.
Dieses Ereignis ist dann natürlich immer Stadtgespräch. Tage vorher erscheinen schon die Herren der Rennleitung in einem Hotel, das als Rennbüro genutzt wird. Die Rennmaschinen der einzelnen Fahrer kommen größtenteils mit der Eisenbahn auf dem Güterbahnhof an. In meiner Kinderzeit waren wir Jungen dann nicht vom Bahnhof wegzubekommen. Wir mutmaßten, wem die Rennmaschinen wohl gehören könnten, denn plötzlich hatte jeder von uns seinen besonderen Favoriten.

Bereits am Pfingstsonnabend begaben sich die Rennfahrer mit ihren Maschinen auf die Rennstrecke, um dort zu trainieren. Wir Kinder waren selbstverständlich auch dabei. Oh, war das ein Sausen und Zischen, wenn die Fahrer mit ihren schnittigen Maschinen an uns vorbeifuhren.
Mein Großvater kam auch stets mit. Er hatte von Oma für uns eine Tüte selbstgemachte Bonbons mitbekommen, die wir gemeinsam auf naschten. Schneller als gewollt war der Tag dann vorbei, und es hieß: nach Hause gehen. Aber noch stand uns ja das große Ereignis bevor. Die letzte Nacht vor dem eigentlichen Rennen wurde wohl von manchem Jungen durchwacht. Aber dann war der Morgen da. So zeitig bin ich sonst nie aufgestanden. Doch an diesem Morgen war kaum Zeit zum Kaffeetrinken. Mit schnellen Schritten war der Schlachthof erreicht, denn dort waren schon die Rennfahrer mit ihren Maschinen zur Technischen Abnahme.
Wie habe ich davon geträumt, auch ein guter Rennfahrer zu sein. – Hans-Werner Behrend
Was gab es hier alles zu sehen. In der einen Ecke unterhielten sich die englischen Fahrer mit ihren Monteuren. Und dort sprach ein Franzose mit einem Herrn, der am linken Arm eine weiße Binde mit der Aufschrift „Rennleitung“ trug. In einer Mauerecke konnte ich gar den niederländischen Fahrer van Dyk sehen, der im vorangegangenen Jahr den Bahnrekord unterboten hatte.
Doch immer noch stand das Hauptereignis bevor. Inzwischen rollten die Menschen mit Bussen, Pkw, Motor- und Fahrrädern heran. Viele Zuschauer kamen auch zu Fuß und begaben sich durch die fahnengeschmückte Stadt zur Rennstrecke. Ja, selbst mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn kamen Rennsportbegeisterte aus Hamburg, Köln, Hannover und von noch weiter her.
Endlich war der große Augenblick gekommen. Ich hatte mir einen guten Platz an der Strecke erkämpfen müssen, denn Zehntausende von Menschen umlagerten den in einer herrlichen Landschaft gelegenen Bergring. Der Bergring liegt schließlich in Wäldern versteckt, hat größere Höhenunterschiede aufzuweisen und ist kurvenreich.

Mein Uhrzeiger wollte und wollte nicht weiter rücken. Doch dann fiel endlich der Startschuss. Aber zunächst konnten wir vom Verlauf des Rennens nichts sehen, denn die Fahrer mussten erst den Startberg hinauf, dann durch die Nordkurve fahren. Danach kamen sie erst bei uns am Hans-Winkler-Hang vorbei. Mit bunten Fähnchen winkten wir Kinder den Fahrern zu. Nach acht Runden spannenden Kampfes war der Sieger ermittelt und fuhr anschließend seine Ehrenrunde. Einen Lorbeerkranz hatte man ihm umgehängt.
Wie habe ich damals davon geträumt, auch irgendwann ein guter Rennfahrer zu sein.
Aber zum Träumen war jetzt keine Zeit. Die Rennen gingen ohne Unterbrechung weiter. Zuerst wurden die Läufe der leichten Klassen für 250- und 350-Kubikmaschinen ausgetragen. Aber immer stärkere Maschinen donnerten an uns vorbei. Bis dann zum Schluss der Rennen die Beiwagenfahrer ihre Fahrkünste bewiesen. Wie sich die Schmiermaxen aus ihren Beiwagen streckten und die Maschinen die Kurven nahmen – ein Bild so richtig nach rechter Jungenart.
Immer wieder kamen die Sieger der einzelnen Rennen an uns vorbeigefahren. Die Hymnen der jeweiligen Nationen wurden dazu per Lautsprecher übertragen.
Am Abend, wenn die Rennen vorbei waren und ich zu Hause in meinem Bett lag, war ich so erschöpft, dass ich sofort einschlief. Am nächsten Morgen war der ganze Spuk dann vorbei. Nur die vereinzelten Fremden in unserer Stadt erinnerten noch an das große Ereignis. Für die Erwachsenen war der graue Alltag wieder eingekehrt. Doch in den Köpfen von uns Jungen lebte das Rennereignis noch lange nach.
Und so fuhren wir auf unseren Fahrrädern als Rennfahrer durch die Straßen der Stadt – die Startnummer unseres Favoriten natürlich auf dem Rücken tragend.



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