Rasante Warteschleife
- Norbert Ockenga
- vor 2 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Für Christoph Kirchner sind die WM-Läufe in Inzell zunächst eine zermürbende Angelegenheit, dann ein schnelles Bewerbungsschreiben.
Christoph Kirchner lehnt am Absperrgatter neben dem Fahrerlager von Inzell und schaut traurig in die Dunkelheit. Rund um ihn herum räumen Mechaniker und Fahrer mit großem Getöse Motorräder und Boxenausstattung zusammen und in die Transporter. „Wenn ich eines nicht leiden kann“, hadert Kirchner, und seine Frau Fibi streicht ihm zärtlich-tröstend über die Kevlarkombi, „dann ist das Warten. Wenn ich irgendwo einen Termin habe, dann bin ich auch immer mindestens fünf Minuten vor der verabredeten Zeit dort Ort.“
Und genau dieser Samstagabend im Chiemgau ist für ihn eine endlose Hängepartie gewesen. Kirchner ist erste Bahnreserve – und am Sonnabend nicht ein einziges Mal zum Einsatz gekommen. „Ich kann mich nicht erinnern, wann das in Inzell zuletzt vorgekommen ist“, staunt er. „Dabei wollte ich so gern fahren und mich zeigen. Denn ich will unbedingt in diese Mannschaft.“
Ich will unbedingt in diese Mannschaft. – Christoph Kirchner
Diese Mannschaft – das ist das Nationalteam der Deutschen für die Team-WM in Heerenveen am 12. April. Deren Teammanager Bernd Sagert hatte stets betont, die Nominierung erst nach den Eindrücken von Inzell vornehmen zu wollen. „Ich wollte“, knurrt Kirchner am späten Samstag, „mich da unbedingt empfehlen. Aber dazu hätte ich fahren müssen.“
Schnell vorgespult um knapp 19 Stunden. Da steht Kirchner hinter dem Transporter von Reinhard Greisel. Der Allgäuer hat gerade seinen Rücktritt verkündet: Die rechte Schulter spielt nicht mehr mit. Jetzt hilft er seinem rückkehrenden Teamkollegen vom MSC Steingaden, stellt Kirchner seinen Renntransporter und ist auch als Mechaniker mit unterwegs.

Inzwischen ist Sonntag, das Rennen hat sich wegen mannigfaltiger Stürze bis in den frühen Abend hingezogen. Gabi Kirchner steht auf einer der Terrassen der Pizzeria Massimo – jenem Restaurant, das sich direkt auf dem Gelände der Max-Aicher-Arena befindet, überm Fahrerlager. „Sauba g’fahrn, Bua“, ruft sie mit stolzem Mutterlächeln auf den Lippen runter, „host guad g’macht.“
Denn am Sonntag ist Kirchner abwechselnd mit Franz Mayerbüchler zum Einsatz zu kommen. Zuerst als Ersatz für Heikki Huusko, nachdem der zwei Heats auslassen musste, weil er im Rettungswagen genäht wurde, danach als Vertretung für Hans Weber, der wegen Aussichtslosigkeit seines problembehafteten Fuhrparks die Reißleine gezogen hat. Kirchner ist dabei imstande, den hochgehandelten Niederländern die Stirn zu bieten: Er holt insgesamt drei Punkte, wird dabei ein Mal vor Jasper Iwema und Leon Kramer sogar Zweiter – ein Fingerzeig. Denn die Oranjes gelten für ihr Heimrennen als Geheimfavoriten auf eine Medaille.
Iwema ist in Inzell zwar derangiert, weil er sich nach einem Trainingssturz mit den Luftdrücken des neuen Mefo-Hinterreifens veredelt, und Kramer tastet sich mühsam ans Limit des weichen Kunsteises heran. Doch die zwei Punkte gegen die Niederländer sind ein Fingerzeig von Kirchner – der generell deutlich näher am Peloton hinter der absoluten Weltspitze dran war als für eine Bahnreserve üblich.
Nicht nur wegen des reinen Anschlusshaltens überzeugt Kirchner am Sonntag im Chiemgau.
Sondern auch, weil er während eines seiner Einsätze auch noch eine gewagte Linie probiert, die in Heerenveen relevant werden kann. „Ich habe versucht, sowohl am Kurveneingang als auch am -ausgang ganz innen zu fahren“, rekapituliert er. „Das hat aber noch nicht richtig funktioniert.“ Deswegen stapft extra der Tuner Steffen Höppner bei ihm vorbei, um ihm technisch eine Richtung zu weisen. „Vielleicht“, meint Kirchner, „müssen wir da ein bisschen an der Einstellung der Gabel probieren. Dafür habe ich ja in Heerenveen auf jeden Fall noch im Roloef-Thijs-Pokal Zeit.“
Denn das Rahmenrennen im Thialf am Freitagabend können alle deutschen Fahrer außer Max Niedermaier und Hans Weber als Test, Training und womöglich Vorbereitung für die Mannschafts-WM zwei Tage später nutzen. Was bei den Überlegungen von Teammanager Sagert, wer neben dem feststehenden Max Niedermaier d.Ä. aus dem Restkader Weber, Kirchner, Mayerbüchler oder Max Niedermaier d.J. zusätzlich aufgestellt wird, auch ein Faktor sein dürfte.



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