See-Manns-Garn
- Norbert Ockenga
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Am dritten Tag sticht Inn-Isar-Racing in See. Der ist zum Glück zugefroren, sodass die wetterfesten Bayern auch in freier Natur Eisspeedway trainieren können.
So schnell geht’s. Binnen 20 Minuten wird aus einem schneebedeckten und in der Weite der Landschaft eigentlich nicht mehr zu sehenden schwedischen See eine Trainingsbahn, auf der man Eisspeedway fahren kann.
Einfach so, mitten in der romantischen skandinavischen Natur.
Im Dörfchen Norum in der Nähe von Bjästa, vor den Toren von Stefan Svenssons Heimat Örnsköldsvik, spannt der Tausendsassa des Eisspeedwaysports kurzerhand eine Schneefräse vor seinen Traktor und zirkelt eine Bahn aufs Natureis. Da der See mit 35 Zentimeter Eistiefe, die Svensson vorher extra ausgemessen hat, sicher tragfest zugefroren ist, steht einem Testtag von Inn-Isar-Racing nichts im Wege.
Die Bayern können es damit angehen wie die Automobilindustrie: Die fährt auch regelmäßig Kälte- und Wintertests oder richtet Drift- und winterliche Fahrsicherheitstrainings auf riesigen zugefrorenen schwedischen Seen aus, etwa bei Arvidsjaur oder Arjeplog.
Wenn man mit zu wenig Luft im Reifen fährt, klappen einem die Spikes einfach weg. – Paul Cooper
Wer diese durchaus wilden Fahrten in Allradlern, aber auch Sportwagen schon mitgemacht hat, weiß: Das ist ein Mordsspaß – solange man im Auto mit Klimaanlage sitzen oder sich direkt aus dem Wagen in eine beheizte Hütte zum Büffet mit frischem Elchfleisch und -gulasch begeben kann. Aber draußen zu stehen – da greift sofort die klirrende Kälte mit eisiger Hand nach den Knochen und bis in die Lunge.
Auch in Bjästa herrschen gerade minus 24 Grad. „Spaß macht das bei solchen Temperaturen nicht“, gesteht Christian Platzer, der Teamchef von Inn-Isar-Racing – dessen fast gesammelte Mannschaft dennoch auf den See ausgerückt ist. „Alle haben gewusst, dass es eine ideale Trainingsmöglichkeit ist – und es war denn auch wirklich perfekt.“
Ansonsten hätten die Eisritter am Montag frei gehabt, denn der Tag war ein Ruhetag im Trainingslager: Im Stadion von Örnsköldsvik, wo man schon zwei Tage zugange gewesen ist, musste das Eis neu aufbereitet werden.

Um den Open Air-Test möglich zu machen, bedarf es ausgefeilter Vorbereitung. Inn-Isar-Racing rückt mit zwei Motorrädern an. Eine Vorhut wärmt die Maschinen auf dem See auf. Als die Halbliteraggregate ihre Betriebstemperatur erreicht haben, werden die Motorräder zurück in den Renntransporter geschoben. Denn der verfügt über eine Standheizung, hält das Material also wohltemperiert auf Einsatzbereitschaft.
Während der Zeit ziehen sich die Fahrer in ihrem Quartier um, falten sich in ihren schweren Rennoveralls ins Auto und staksen auf den See. Thomas Weidinger, Max Niedermaier d.J., Bernhard Sanftl, Haddy Krems und Simon Mayer sowie der Engländer Paul Cooper sind am Start. Max Niedermaier d.Ä. hat das Ganze geleitet. „Das hätte er nicht tun müssen“, lobt Platzer den Vizeweltmeister von vor zwei Jahren. „Aber er hat sich freiwillig dazu bereiterklärt und war dann auch den ganzen Tag an der Bahn, um den Newcomern und auch dem Cooperman Tipps zu geben.“
Der Engländer hat die Ratschläge des wetterfesten und kälteunempfindlichen Bayern besonders nötig. Denn der Grasbahnspezialist aus Yorkshire tut sich nach eigenem Bekunden schwer, sich wieder an das Fahren auf Eis zu gewöhnen. Am ersten Abend in Örnköldsvik ist Cooper dermaßen enttäuscht über sich selber, dass er sich desillusioniert aus der Gemeinschaft in der Sammelunterkunft zurückzieht: Er fasst kein Vertrauen ins Motorrad, das Stefan Svensson ihm aus den Beständen seines Sohnes Niclas geliehen hat.
Cooper klagt über mangelndes Feedback von der Gabel, deren Innenluftdruck er nicht justiert bekommt. Und er bringt nach eigenem Bekunden auch den Reifendruck nicht auf den Punkt: „Wenn man mit zu wenig Luft fährt, ist die Seitenführungskraft nicht hoch genug – dann klappen die Spikes einfach um, statt sich ins Eis zu graben, und man verliert schlagartig den Grip.“
Nach viel Tüdelei mit den drei Luftdrücken in Gabel und Rädern findet er sich am Sonntag, dem zweiten Tag im Stadion von Ö’vik, zwar schon besser zurecht. Doch erst als er Montag auf dem See auch Mal mit in den Kreislauf der Maschinen von Max Niedermaier kommt, findet der eloquente Spaßvogel von der Insel so richtig zurück ins Eisspeedway. „Man denkt von außen gern, Grasbahn und Eisspeedway müssten doch sehr ähnlich sein, denn in beiden Disziplinen fährt man 500 Kubikzentimeter große Einzylindermotoren in Rahmen mit Federbein“, wiegelt Cooper ab. „Aber tatsächlich sind das zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Und ein Eisspeedwaymotorrad zu fahren, ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.“
Im Verlauf des Trainingstags auf dem See von Norum tauschen alle Fahrer die beiden Motorräder von Niedermaier, die mit unterschiedlichen Motorcharakteristika hergerichtet sind, durch, und probieren sich auf dem Innenzirkel. Stürze? Kein einziger. Lerneffekt? Riesig, auch dank des praktisch vorgelebten Tutorials von Deutschlands bestem Eisfahrer.



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