Sieg aus dem Sumpf
- Norbert Ockenga
- vor 5 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Leon Madsen zieht sich beim Grand Prix in Prag an den eigenen Haaren aus dem Sumpf.
Leon Madsen wirft alles in einen Topf. Nach dem Grand Prix in Prag hält der Däne eine flammende Rede – an die Zuschauer im Marketa-Stadion, aber auch an die Fans und Funktionäre von Grünberg, seinem polnischen Ligaverein. Man solle immer an ihn glauben, appelliert Madsen, er würde schon die nötigen Punkte schreiben, auch wenn er zwischendurch in einer Dürrephase steckte. „So weit unten wie zu Beginn dieser Saison“, schiebt Madsen nach, „war ich wohl noch nie in meiner Karriere. Aber ich habe nie an mir gezweifelt, immer an mich geglaubt – und hart daran gearbeitet, mich da wieder rauszuholen.“
Eine Krankheit, ein Sturz mit schmerzhafter Verletzung, beißende Kritik für seine Leistungen in Grünberg – all’ das hat Madsen runtergerissen. In Landshut, beim WM-Auftakt, hat er noch unter den Verletzungsfolgen gelitten – und dann für den zweiten WM-Lauf in Prag alles auf den Kopf gestellt. „Ich bin sogar mit zwei ganz neuen Maschinen hier angereist“, lächelt er. „Und prompt hatte ich Starts wie noch nie in meiner Karriere. Ich wusste manchmal gar nicht, was ich in der ersten Kurve machen sollte – weil ich da doch in der Regel nie vorn liege.“
So weit unten war ich wohl noch nie. – Leon Madsen
Dass Madsen eher einer ist, der sich von hinten nach vorn wühlt, merkt man ihm im altehrwürdigen Marketa-Stadion zwei Mal an: Sowohl von Max Fricke als auch von Jack Holder lässt er sich die Butter vom Brot nehmen, obwohl er in den jeweiligen Vorläufen sicher vor jedem der beiden Aussies gelegen hat. Dass sie beide ihm je einen Sieg klauen, sorgt dafür, dass Madsen im letzten Block sogar zittern muss, ob er direkt ins Finale von Prag kommt – oder über einen Hoffnungslauf gehen muss.
Der Rennabend steht im Zeichen immenser Hitze. „Ich habe in diesem Jahr noch nie so geschwitzt wie heute“, ächzt etwa Michael Jepsen Jensen, der im nur um einen Punkt den direkten Einzug ins Finale verpasst, sich aber über Rang 1 in seinem Hoffnungslauf ins Finale bringt. Dabei zeigt er das Manöver des Abends, als er diagonal nach innen schneidend die Gerade ab deren zweiter Hälfte lang macht, dann vor Dominik Kuberas Vorderrad nach außen schießt, dort im losen Material so gerade eben noch Griff findet – und das gewagte Überholmanöver stehen kann.

Während Bartzosz Zmarzlik seine ersten beiden Vorläufe gewinnt, dann aber in einem Heat drei Fahrfehler fabriziert und nur Dritter wird, muss Brady Kurtz einen Ausfall in Führung liegend verdauen. „Nie ideal“, knurrt der Australier. „Außerdem brauchten wir eine Abstimmung, mit der ich schneller aus den Bändern komme.“
Zmarzlik findet die erst für den letzten Vorlauf. Da hat Zmarzlik sich mit zwei weiteren Laufsiegen gemeinsam mit Madsen direkt fürs Finale qualifiziert. Kurtz gesellt sich nach drei in Folge gewonnenen Starts – darunter zwei im Last Chance-Heat, der wegen Sturzes von Max Fricke auf Rang 2 abgebrochen und neu gestartet werden muss – als vierter Mann dazu.
Im Finale gewinnt Leon Madsen vom Start weg. Kurtz kommt auf der äußeren Linie zwischendurch bedrohlich nahe, Madsen schaut sich einige Mal rätselnd um – kann den Australier aber knapp hinter sich halten.
Bartosz Zmarzlik macht auch im Endlauf zwei Fahrfehler: Ein Mal ordnet er sich auf der falschen, zu glatten Linie ein, bei der Aufholjagd fährt er dann genau in den Strahl von Spitzenreiter Madsen – und verliert damit jenen Schwung, den er gebraucht hätte, um mindestens Kurtz, vielleicht auch den Dänen noch angreifen zu können.
Rang hinter dem erleichterten Sieger Madsen und hinter Kurtz langen für Zmarzlik, sich in der WM-Tabelle wieder an die Spitze zu schieben – mit einem WM-Zähler Vorsprung auf Landshut-Sieger Kacper Woryna.
Robert Lambert ist dagegen der große Verlierer von Prag. Der Brite aus Norfolk findet keinen Zugriff auf Bahn und Abstimmung, ist stets nur wehr- und machtloser Passagier, kann nie aggressiv agieren – und scheidet bereits nach der Vorrunde aus, ohne den Eindruck hinterlassen zu haben, je eine echte Chance auf einen der Hoffnungsläufe zu haben.
Lambert, in Landshut noch einer der Hauptdarsteller, hat nun plötzlich schon 12 WM-Punkte Rückstand auf Zmarzlik.



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