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Ski und Kjøring gut

In Steingaden findet am Sonntag ein ganz besonderes Wintersportspektakel des Bahnsports statt.


Und dann gibt’s da ja noch was: Skijöring. Neben klassischem Eisspeedway und der aus dem Sommer importierten Version von Speedway auf Eis ist Skijöring die dritte Wintersporsparte im Bahnsport – und gleichzeitig die exotischste: Erwachsene Männer oder Frauen lassen sich auf Skiern stehend von Speedwaymotorrädern an einer Art Abschleppseil über eine zugefrorene Ovalpiste ziehen.


An diesem Sonntag kann man das ganz besondere Spektakel in Steingaden bewundern – auf einer Bahn, auf der auch schon echte Eisspeedwaygeschichte geschrieben wurde. Der MSC Steingaden ist berühmt dafür, dass Michael Lang – WM-Dritter von 1993 – sein Vereinsmitglied und Aushängeschild ist. Neben Michl Lang gehört auch Reini Greisel, als Edelamateur WM-Teilnehmer der vergangenen Saison, dem MSC Steingaden an.


Doch echte Eisspeedwayrennen können auf der 322 Meter langen Bahn im Allgäu nicht mehr gefahren werden: Man braucht dazu eine Eisdicke von mindestens 20 Zentimetern – und die kann auf einer Natureisbahn nur aufwachsen, wenn man zuvor wochenlang konstanten Kahlfrost hat. Das kam seit 2017, dem letzten Eisspeedwayrennen in Steingaden, wegen der wärmer werdenden Winter nicht mehr vor.


Also besinnt sich der MSC Steingaden auf seine zweite Tradition: Skijöring. Eigentlich heißt es Skikjøring, denn der skurrile Sport stammt aus Norwegen. „Kjøring“ heißt bei den Wikingern „fahren“. Die Lappen aus dem hohen Norden, am Nordkap, haben bereits vor der Motorisierung Sikjöring-Rennen hinter Rentieren oder Pferden gefahren. Über St. Moritz kam der Sport nach Mitteleuropa, auch nach Bayern, zuerst noch hinter galoppierenden Pferden. In der DDR, aber auch in der UdSSR gab es verschiedene Bezirks- und nationale Meisterschaften.


Doch schon in den Achtzigern und Neunzigern hat sich in Deutschland offenbar „Skikjöring“ eingebürgert, jedenfalls erschien der Begriff auch seinerzeit schon in den Berichten im Fachorgan „Bahnsport aktuell“ über die winterlichen Spektakel in Steingaden und Ruhpolding.


So sieht es aus, wenn sich in Steingaden sechs Speedwayfahrer mit ihren Skiläufern im Schlepptau auf die schnelle Reise machen. Foto: MSC Steingaden
So sieht es aus, wenn sich in Steingaden sechs Speedwayfahrer mit ihren Skiläufern im Schlepptau auf die schnelle Reise machen. Foto: MSC Steingaden

Die Biathlonhochburg im Chiemgau ist lange Jahre das Epizentrum des Skijöring in Deutsclhland. Seit 1931 fanden dort – unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg – alljährlich die Deutschen Meisterschaften statt. Inzwischen ist Steingaden die einzige Bahn in Deutschland, auf der regelmäßig Skijöring gefahren wird – mit jeweils acht bis 10 Speedwaymaschinen, aber auch vielen Motocrossern und einem urigen Gespannprototypen von Sonja Mössmer/Marina Pollinger. Das Monstrum der beiden Damen steht auf Breitreifen mit Minispikes, die aussehen wie von der Schweden-Rallye aus der Rallye-WM.


Auch Karts mit Spikereifen sowie eine Autokategorie mit kleinen Buggys bereichern das Programm. Sie sehen aus wie geschrumpelte Challenger aus der Rallye Dakar, nur mit kürzeren Federbeinen, also kauern sie sich tief auf die weiße Bahn.


Hinter dem Mössmer’schen Urviech und den Buggys hängen keine Skifahrer – aber in einer Seitenwagenklasse für Motocrossgespanne sehr wohl. Unter den Beiwagen finden sich historische Schmankerl, auch die Speedwaymotorräder haben geschichtsträchtigen Wert: Sie werden noch von stehenden Motoren angetrieben, nicht von den heutzutage üblichen schräg gekippt im Rahmen eingehängten „Laydowns“.


Die Speedwayklasse ist die leistungsstärkste und damit auch attraktivste. Gefahren wird dabei ohne Spikes. Das Zusammenspiel von Motorrad- und Skifahrer wird damit noch heikler und intensiver als bei der Version mit Nägeln im Reifen, die es auch gibt. Die Skifahrer stehen dabei übrigens auf alpinen Ski wie bei Abfahrt und Slalom verwendet, nicht auf den längeren und schmaleren Langlaufbrettern. Die alpine Variante bietet festeren Halt, weil der Skistiefel vorn und hinten fix eingespannt ist – beim Langlauf arbeitet man dagegen übers Sprunggelenk mit einem losen Haxen. Eine weitere Besonderheit: Die Läufe werden im Sechserspeedway ausgetragen, also mit sechs statt wie im Speedway üblich vier Mann pro Heat am Band – sodass sich inklusive der abzuschleppenden Skifahrer in jedem Lauf 12 Sportler auf der Bahn tummeln.


Dass die Veranstaltung am 18. Januar in Steingaden auch wirklich stattfinden kann, ist erst am Mittwochabend endgültig bestätigt worden: Die Wetterlage lässt die eisige Angelegenheit verlässlich zu. Weil die Natureisbahn eine gewisse Kurzfristigkeit und Flexibilität nötig macht, ist auch erst am heutigen Donnerstag Einschreibeschluss.


Skijöring ist zwar ein besonderes Spektakel – aber keineswegs so abseitig wie man auf den ersten Blick denken mag. Selbst Martin Smolinski hat sich mit seinem Speedwaymotorrad schon als Zugmaschine für einen Skiläufer probiert.


Klingt alles so, als müsse man am Sonntag unbedingt nach Steingaden.



 
 
 

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