Von Krücken und Gehstützen
- Norbert Ockenga
- vor 6 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Martin Haarahiltunen gewährt weitere Einblicke in seinen Gesundheitsstand.
Der kleingewachsene Mann humpelt auf Krücken durchs Fahrerlager. Immer wieder. Kreuz und quer. Dabei setzt er ein gequältes Lächeln auf. Und die Blässe, die er im Antlitz trägt, offenbart sofort: Es geht ihm nicht gut.
Martin Haarahiltunen nickt. „Ich muss mich bewegen. Denn ich merke, dass das Blut nicht mehr aus Fuß und Bein nach oben zurückfließt.“ Um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen, hat er den Stützverband abgenommen und hoppelt nun über die weichen Matten im Bauch des Thialf-Eisstadions. An Krücken.
Oder, wie einst ein schlauer Arzt in einem Oldenburger Krankenhaus wissen ließ: „An Unterarmgehstützen. Denn Krücken sind die Menschen, die dazwischen laufen.“
Seinen blassen Teint führt der Schwede nicht allein darauf zurück, dass das Blut unten bleibe und er sich im Kopf folglich müde und duselig fühle. „Ich merke auch, dass die Wirkung des Morphium nachlässt. Vielleicht sehe ich deswegen ein bisschen mitgenommen auf.“
Ich bin in den Tagen nach der OP permanent eingeschlafen. – Martin Haarahiltunen
Dann holt der vierfache Weltmeister mit einer der beiden Gehstützen zu einem imaginären Schlag aus. „Shit“, flucht er. „I so, so wanted to ride“ – unbedingt hätte er doch fahren wollen an diesem Doppelschlagwochende aus Einzel- und Team-WM-Entscheidung in Heerenveen.

Der Bruch eines seiner beiden Schienbeinkopfknochens ist aufwändig verschraubt worden. Schon direkt nach der OP sei eigentlich klargeworden, dass es mit einem Einsatz in Holland nichts werde. Zumal er auch noch einen Tag länger als avisiert in der auf Knochenbrücke spezialisierten Universitätsklinik in Umea geblieben war.
Die Verletzung sei aufgetreten, als nach dem Sturz im Finale von Inzell das eigene Motorrad auf ihm gelandet sei. „Man hat auf dem Oberschenkel, ganz knapp oberhalb des Knies, einen kreisrunden blauen Fleck gesehen. Da kann man sofort erkennen: Dort ist das seitliche Ende des Lenkers mit voller Wucht draufgeschlagen“, verrät Haarahiltunen. „Und dieser Aufprall muss das ganze Knie so weit und hart runtergedrückt haben, dass dadurch der Schienbeinknopf von oben zusammengepresst und gesplittert ist.“
Die Einsicht, dass es mit Einsätzen in Südfriesland nichts werde, sei langsam eingesickert. Denn Haarahiltunen ist als Vollblutmotorsportler ehrgeizig und ungeduldig zugleich. „Aber in den Tagen nach der Operation war ich so fertig, dass ich permanent eingeschlafen bin und dann auch lange tief und fest geschlafen habe“, gesteht er. „Egal zu welcher Tageszeit. Ich konnte deswegen nicht Mal ans Telefon gehen. Die Schmerzen und die Operation haben mich echt mitgenommen und ausgelaugt.“

Und zwar schon auf der Rückreise von Inzell, die er im Van per Autobahn und Fähre zurückgelegt hat. Als die Schmerzmittel abgeklungen seien, hätte er im Auto bereits arge Schmerzen gespürt. „Wir haben in Schweden eine Notfallnummer; wenn wir die anrufen, können wir die Kamera vom Handy an die Stelle hinhalten, an der es wehtut – und so legt man über die medzinische Hotline gleich fest, wo man am besten zur Behandlung hingeschickt wird. Ich habe die Frau, die ich in der Leitung hatte, gebeten, das Krankenhaus, wo ich hin sollte, genau zu instruieren, damit ich keine Zeit verliere. Die meinte, ich wollte mich in der Notaufnahme vordrängeln – dabei hatte ich nur so furchtbare Schmerzen, dass ich nicht noch Zeit mit Vorreden verlieren wollte, sondern die Ärzte gleich wissen, wonach sie schauen müssen. Wir haben uns richtig am Telefon gestritten, irgendwann hab’ ich einfach aufgelegt.“ Der Vorfall zeigt, wie schwer die Schmerzen wirklich gewesen sein müssen, ist solch’ eine kurze Zündschnur doch typisch, wenn die Symptome zu arg sind. „Kurz drauf hat sie wieder angerufen; sie hat sich bei mir entschuldigt, dass sie mich falsch verstanden hätte; ich habe mich bei ihr entschuldigt, danach war alles bereinigt.“
Nach einer Zweistoppstrategie in verschiedenen Kliniken vermittelte der schwedische Verband SVEMO Haarahiltunen zu den Experten in Umea. Die Schrauben und Streben, die aufwändig dort in den Unterschenkel, drapiert wurden, sollen drinbleiben. Deswegen seien sie aus Titan.
Im Pressezentrum vom Thialf machte sofort ein Gerücht die Runde: Vor einem Jahr hätte Haarahiltunen schon Mal von Rücktrittsgedanken gesprochen, weil er Motivationsprobleme hätte; also werde er jetzt doch auf jeden Falls aufhören.
Darauf angesprochen, schaut der Ingenieur aus Örnsköldsvik wie die Kuh wenn’s donnert: „Ich habe nicht gesagt, dass ich jetzt aufhören möchte. Und ich denke auch nicht darüber nach. Das sind alles alte Geschichten.“



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