Zündende Idee
- Norbert Ockenga
- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Wie eine relativ junge Technik Bartosz Zmarzlik ratlos macht.
Bartosz Zmarzlik ortet Handlungsbedarf. Eigentlich war der Stetinner nur mit einer Maßgabe in den letzten Grand Prix in Riga gegangen: Schadensbegrenzung zu betreiben – und dann in der kurzen Sommerpause seinen Tuner Ryszard Kowalski in Türpitz im Südwesten Polens zu konsultieren.
Denn Zmarzlik schon seit drei Grands Prix das Gefühl, dass seine Motoren der Leistung der Ash-tech-Aggregate hinterherhinken. Brady Kurtz und Robert Lambert sind in der Tat meistens schneller als der Pole, und beide fahren Aggregate des englischen Tuners, der in Polen ansässig ist – in Lochau.
Zmarzlik kann nur dann gegenhalten, wenn er vom Start weg vorne ist und die Hintermänner über aggressive Defensivarbeit in Schach halten kann. Doch aus eigener Kraft überholen – das gelingt ihm seit einiger Zeit schon nicht mehr. Geht er an irgendwem vorbei, dann hat der einen Fehler gemacht.
Ashley Holloway hat seinen Motoren schon im vergangenen Jahr eine andere Bauweise verpasst; inzwischen gibt es davon eine zweite Ausbaustufe. Der Brillenträger nutzt dabei die Möglichkeiten der digitalen Zündbox von Brian Karger perfekt aus.
Ich habe mich noch nie so schnell auf einem Motorrad gefühlt wie jetzt – Robert Lambert
Die digitale Zündung lässt sich per Laptop auf einen sogenannten „halben Zündfunken“ hin programmieren. Man kann die Zündung also bewusst abschwächen – was einem bei glatten Bahnen unweigerlich sofort einen Vorteil ermöglicht, die Kraft auf den Boden zu bringen.
Zwar verwenden auch Fahrer anderer Tuner die sogenannte „Karger-Box“. Aber ein technischer Kniff von Holloway sorgt dafür, dass die digitale Zündung bei seinen Motoren präziser umgesetzt wird. Der Hintergrund: Das Zündungssignal braucht einen Abnehmer. Ash-tech nimmt im Zylinderkopf vom Nockenwellen-Kettenrad das Signal ab. Dazu hat er das Innenleben der Motoren neu konstruiert.

Die anderen Tuner verwenden noch einen klassische Zündabnehmer unten im Kurbelgeäuse. Der besteht aus Zündanlage, Stator und Rotor und ist wie ein abgebrochener Imbusschlüssel mit dem Seitenzapfen der Kurbelwelle verbunden. Bei dieser ruckeligen ist auch immer ein bisschen Spiel drin – sodass der Zündzeitpunkt nicht verlässlich und auf den Punkt reproduziert wird. Die Leistungsabgabe und -charakteristik der Holloway’schen Motoren mit Karger-Boxen ist also präziser und konstanter.
Die Box wiegt 1,3 Kilogramm, sie treibt deswegen den Schwerpunkt des Motors samt seiner Peripherie nach oben und verändert auch das Gierverhalten des Motorrades beim Drifteinleiten oder Geradelangmachen. Doch eine herkömmliche Zündung, sowohl von PVL als auch von Selettra, haben immer wieder Abweichungen vom Zündzeitpunkt provoziert. Und sie lassen sich nicht so genau programmieren wie die Karger-Boxen. Die kann man auf Knopfdruck in Schritten von zwei Grad plus oder minus verstellen, theoretisch kann der Fahrer da sogar noch selbst runterfingern, wenn er beim ersten Befahren der Bahn merkt, dass die glatter oder tiefer ist als erwartet.

Zudem bietet die Karger-Box noch eine Funktion wie eine Startautomatik: Man kann die optimale Startdrehzahl – zirka 11.300/min – vorab so eingeben, dass ein sanfter Begrenzer den Motor automatisch in diesem Bereich hält, ohne dass der Fahrer sein Handgelenk dazu bemühen muss. Der kann sich dann ganz auf die Abläufe von Kupplung und Gewichtsverteilung konzentrieren.
Man erkennt auf den ersten Blick, ob es sich um einen Ash-tech- oder einen anderen Motor mit Karger-Box handelt: Bei einem Ash-tech kommt das Zündkabel oben aus dem Zylinderkopf; der Zündungsdeckel links und der Steuerdeckel unten sind weg. Dort befindet sich inzwischen nur noch eine 15 Millimeter große Aluplatte vor der Ölpumpe.
Guiseppe Marzotto, der Mann hinter den Motoren mit den Initialen GM, hat mittlerweile auch neue Gehäuse auf Kiel gelegt, bei denen der Zündabnehmer ins Kurbelgehäuse reinkommt und die eine präzisere Umsetzung des Zündzeitpunkts gewähren sollen. Aber die Tuner haben das Potenzial dieser Neuerung noch nicht gehoben; sie setzen noch auf die althergebrachte Kombination aus Karger-Box und unterem Zündabnehmer mit drei Einzelteilen – oder gar auf eine klassische Zündung.
Zmarzlik mag sich mit der digitalen Zündung nicht anfreunden. Ihn stört vor allem das veränderte Fahrverhalten des Motorrads wegen des höheren Schwerpunkts.
Seit diesem Jahr hat er das Gefühl, er müsse mit deutlich mehr Aggressivität fahren. Das führt mittelbar dazu, dass er in den Kurven mehr kleine Fehler macht. Deswegen bringt er nicht mehr den Schwung zusammen wie in den vergangenen Jahren – jenen Schwung, den er braucht, um entweder außen rum Fahrt aufzubauen oder kurzfristige Linienwechsel einleiten und schnell genug stehen zu können.
Genau das schaffen derzeit Kurtz und Lambert. Kurtz hat seine erklärte Lieblingslinie: in einer spektakulären Diagonalen aus den Kurve rausschießen und dann auf die äußere Spur einschwenken. Und Lambert strahlte nach dem vorletzten Grand Prix sogar: „Ich habe mich noch nie so schnell auf einem Motorrad gefühlt wie in den vergangenen Wochen.“
Kein Wunder: Ash-tech hat für seine quasi-Werksfahrer Kurtz und Lambert eine neue Ausbaustufe mit mehr Präzision bei der Zündfunkenabnahme nachgeschoben. Die normalen Kunden von Ash-tec haben diese kleine Modifikation im Innenleben, die es erst seit diesem Frühsommer gibt, noch nicht.
Zmarzlik dagegen hat bereits ein Mal vier Motoren zu einem außerplanmäßigen Service – außerhalb des normalen Revisionsturnus – bei seinem Tuner in Türpitz abgeliefert. Auch für nach Riga hatte er einen Termin vereinbart. In Riga, so lautete sein internere Fahrplan, wollte er deswegen eigentlich nur so wenig WM-Punkte wie möglich auf Kurtz und Lambert verlieren. Der Angriff auf weitere Grand Prix-Siege sollte erst wieder mit frisch gemachten aufgerüsteten Motoren erfolgen – ab dem nun nächsten Lauf in Vojens.
Doch dann haben die beiden direkten Gegner im Titelrennen in Riga dem Weltmeister in die Hände gespielt, indem sie ihre eigenen Möglichkeiten nicht genutzt haben. Der Sieg von Zmarzlik in Riga war deswegen womöglich das, was man im Fußball ein Sechspunktespiel nennen würde. Denn damit hat er seinen Verfolgern bei jener Veranstaltung wichtige WM-Punkte abgenommen, von der er selbst nie damit gerechnet hätte – und Kurtz wie auch Lambert bei nur noch zwei ausstehenden Großen Preisen in Vojens und Thorn mit dann seinerseits weiterentwickelten Kowalksi-Motoren gehörig unter Zugzwang gesetzt.



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