Auf dem Weg zur Triple Crown
Der MC Güstrow kann eine Bilanz schaffen, die man sonst nur aus dem Autorennsport kennt.
Mit Statistiken ist das so eine Sache. Auf den ersten Blick haben Tyler Haupt und Hannah Grunwald beim Finale der Zweiten Bundesliga in Landshut jeweils 10 Punkte geholt – und sind damit vermeintlich gleich stark unterwegs gewesen auf dem Weg zum Titel ihres MC Güstrow.
Doch auf der Bahn und in der Analyse ergibt sich ein völlig anderes Bild. Haupt ist meist vom Start weg vorn oder überholt klar leichtere Gegner. Grunwald zeigt sich deutlich kämpferischer. Ein Mal hält sie sich sogar mehr als eine halbe Heatdistanz lang vor Norick Blödorn – dem Cloppenburger Hecht im Zweitligakarpfenteich an der Ellermühle. Und wenn die 19-Jährige aus Parchim hinten liegt, dann zeigt sie sich in ihren Verfolgungsfahrten auffällig angriffs- bis rauflustig, verpasst sowohl gegen Jonny Wynant als auch gegen Martin Smolinski nur knapp die Chance auf jeweils den zweiten Rang.
In diese Bilanz muss man einen zweiten Faktor einfließen lassen: die Landshut-Erfahrung. Sowohl Haupt als auch Grunwald zählten 2026 zum Drittligakader des AC Landshut fürs polnische Ligagefüge, der am Ende Zweiter in der Landesliga wurde. Haupt kam regelmäßig zum Einsatz – Grunwald schaute meist von der Ersatzbank zu. „Ich habe nur einen einzigen Heat gefahren“, bilanziert sie am Tag des Zweitligafinals. „Denn es war schwer, mich reinzubringen, weil die meisten Rennen so eng waren.“
Vom Erfahrungsdefizit an der Ellermühle hat man am Freitagabend nichts gemerkt, sodass Grunwald netto für Güstrow die zweitbeste Fahrerin auf dem Weg zum Titel war – hinter Junior Magnus Rau, der ungeschlagen blieb. Für Teammanager Ralf Peters zählt ihr Lauf gegen Blödorn denn auch zu „einigen klasse Highlights“, wie er mit zwei Tagen Abstand resümiert. Genau wie „Tyler mit Laufsiegen und Smoli und Erik Pudel mit seiner Erfahrung – und unser kleiner Magnus.“
Dessen, also Magnus Raus, Maximum auf der Reserveposition ist der bilanzielle Grundstein zum Sieg. Doch hinter den Kulissen gab es noch viel mehr, beteuert Peters: „Wir haben super ins Rennengefunden und uns gegenseitig mit Tipps für die Linienwahl in beiden Kurven geholfen – weil es nicht ganz einfach zu fahren war.“
Tatsächlich zeigte sich die Bahn in Landshut in einem kniffligen Zustand, da sie nach der Regen- und Schlammschlacht vom polnischen Drittligahalbfinale noch Narben aufwies – und zwar in beiden Kurven an unterschiedlichen Stellen. In der ersten Ecke brachen auf höhe des ersten Drittels Platten raus. In der Zielkurve warf sie am Eingang innen Rillen, welche die Maschinen immer wieder aufstellten, dazu gab es eine Platte etwa am Scheitelpunkt und je länger der Abend dauerte auch eine Rille am Ausgang, deren Kanten beim Bahndienst nie restlos abgeschliffen werden könnten. Landshut präsentierte sich zum Endlauf der Zweiten Liga von seiner anspruchsvollsten und kniffligsten Seite – und neben Junior Rau, der meist vom Start weg schon alles klar machte, und dem nach einem Fehlstart völlig unbeeindruckten Blödorn war Grunwald diejenige, die damit konstant am besten klarkam und die Rillen sogar am effektivsten als Schrittmacher nutzen konnte.

Für Güstrow ist der Titel in der Zweiten Liga bereits der zweite Gesamtsieg innerhalb einer Woche: Am Wochenende zuvor hatten die Mecklenburger in einem bemerkenswerten Fernduell die Liga Nord für sich entschieden. Zwar gewann Moorwinkelsdamm dank einer clever und kompromisslos ausgespielten Taktik mit zwei Reservefahrern – Celina Liebmann und Jan Öltjenbruns – alle taktischen Vorteile aus. Doch bei Wolfslake setzte sich vor allem der Bayer Thomas Konrad derart stark in Szene, dass er mit seinen 13 Punkten die Heimmannschaft immer auf Schlagdistanz zu den Friesen hielt. Dank 14 Punkten von Mika Frehse und 13 von Liebmann gewann Moorwinkelsdamm zwar in und vor Wolfslake. Doch Konrad und die Güstrower Leihgabe Erik Pudel schrieben je 13 Punkte – und stahlen die Friesischen Löwen damit gleichzeitig so viele Laufpunkte, dass der Liga Nord-Gesamtsieg für Güstrow am Tag drauf in Brokstedt nur noch Formsache war.
Auch in Brokstedt blieb Magnus Rau ungeschlagen – fuhr dort allerdings auf einer offenen Halblitermaschine, nicht auf einer 500R wie in Landshut am Freitag danach. In Erik Pudel hatte Güstrow einen zweiten Vertreter jenes Kaders in seinen Reihen, der auch in Landshut eine Liga höher gewinnen sollte. An der A7 bei Bad Bramstedt wurde MeckPom-Rivale Teterow zum ärgsten Gegner, Mika Frehse und Bruno Preibisch holten für die Bergirngstädter je 11 Punkte. Doch das reichte nicht, um Güstrow gefährlich werden oder die Titelentscheidung über die Laufpunkte noch spannend machen zu können: Güstrow holten den großen Tot vor den punktgleichen Friesen aus Moorwinkelsdamm und den entthronten Meistern auf Meißen.
In der Zweiten Liga drückten die Güstrower dem Finale in Landshut gleich ihren Stempel auf und wussten auf alle Offensiven der Verfolger aus Olching postwendend eine Antwort, wurden mit drei Matchpunkten Vorsprung Meister. „Wir sind wirklich stolz auf unsere junge Truppe“, strahlt Peters. „Und das noch in unserer Debütsaison in der Zweiten Liga. Am Ende zeigt sich, dass sich gute Klubarbeit auszeichnet.“
Am neunten Oktober können die Güstrower im eigenen Stadion der Saison die Krone aufsetzen – und deutsche Bahnsportgeschichte schreiben. Dann gastiert die Wölfe aus Wittstock in Güstrow. Setzt das Heimteam sich hoch durch, so ist der MC Güstrow der erste Verein der Geschichte, der alle drei deutschen Speedwayligen gewonnen haben wird.



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