Danish Invasion
Die Night of the Fights in Cloppenburg wird zu Festspielen in Rot und Weiß.
Selten hat man auf der Fahrerlagerkurve so viele Köpfe im Takt schütteln sehen wie am Sonnabend in Cloppenburg. Gleich zu Beginn der Night of the Fights sorgt eine Schiedsrichterentscheidung für Verwunderung bis Unverständnis bei Fahrer und Mechanikern.
Das Spektakel in der Museumsdorfstadt beginnt mit zwei Knalleffekten. In Lauf 1 übernimmt Paco Castagna die Führung, doch nach zwei Runden reißen ihm gleich beide Ketten an seiner Maschine. Eine davon drischt wie eine Peitsche auf einen Unterschenkel, der Italiener zieht sich eine blutende Platzwunde zu, ehe er auch noch vom dichtauf folgenden Damian Ratajczak gerammt wird. Castagna kann unter Schmerzen den Abend beenden, spielt aber keine große Rolle mehr.
In Lauf 2 wird Beau Bailey seiner Favoritenrolle gerecht. Der 16-jährige Hänfling aus Australien geht vom Start weg in Front, wird aber in der zweiten Kurve von Martin Smolinski rittlings gerammt und abgeräumt. Trotz klarer Schuldfrage lässt Schiri Matze Stucke, ein ehemaliger Rennfahrer und Funktionär aus Lüdinghausen, alle vier Fahrer zum Neustart wieder zu.
Bailey muss daraufhin auf seine Ersatzmaschine wechseln. Deren Motorcharakteristik passt nicht zur ganz besonderer Cloppenburger Bahn. Es dauert bis zu einem neuerlichen Maschinenwechsel nach drei Vorläufen, ehe Bailey sich so wieder in Szene setzen kann, wie man das von ihm erwartet hat. Doch mehr als das Semifinale ist für den Aussie nicht mehr drin.
Die außergewöhnliche Kulanz, die Stucke für Smolinski hat walten lassen, setzt den Ton für weitere Schiedsrichterentscheidungen. Auch Mikkel Bech wird nach einem Sturz in Heat 10, den er selbst verursacht hat, für den Wiederholungslauf zugelassen, was gleich das nächste kollektive Kopfschütteln auf der Fahrertribüne auslöst. Doch Stucke muss nun seiner gleich zu Beginn eingeschlagenen Linie treu bleiben – und tut das auch.
In Sachen Bech hat die Entscheidung deutlich mehr Tragweite als bei Smolinski. Der Bayer spielt im Kampf um den Gesamtsieg nie eine Rolle. Ein Mal kommt er beim Start nicht gut genug weg, nach aufwändigen Arbeiten an der Kupplung klappt beim nächsten Heat der Holeshot, dafür wird er aber im Verlaufe der drei Runden durchgereicht.

Bech dagegen ist einer derjenigen, die sich perfekt auf die ungewöhnlichen Bahnverhältnisse im Nordwesten einstellen können. Der neu aufgebrachte Belag teilt sich bald in vier Bereiche mit unterschiedlichem Haftbeiwert auf: Ganz innen guckt schon früh der Teer der Tragschicht durch, daneben bildet sich außen eine schmale Griffkante; neben diesem Kissen blitzt etwa auf Zweidrittelbreite wieder eine breite Teerglatz durch, und ganz außen sammelt sich loses Material.
Dieser doppelte „Blue Groove“, also die blaue Linie, macht das Fahren knifflig. Weil es am Nachmittag bewölkt und windig ist und während des Rennens immer wieder kurze Nieselschauer über dem Emstekerfeld niedergehen, heizt sich der blanke Asphalt nicht so sehr auf, dass die Reifen dort auf hohe Temperatur kommen. Wer die Griffkanten erwischt, kriegt plötzlich Schwung. Und je länger der Abend dauert, desto schmaler wird das Kissen ganz außen. Schon vor dem dritten Vorrundenblock muss man ganz raus bis auf Tuchfühlung mit dem AIrfence fahren. Und gleichzeitig wegen des Blue Groove den Luftdruck bis deutlich unter das für schlauchlose Reifen eigentliche Mindestmaß von 0,6 bar absenken.
Der erzwungene ganz weite Weg außen rum erhöht die Sturzgefahr. Bech kommt genau auf einem Übergang zu Fall, reißt sich dabei die hintere Kette ab und muss die Maschine wieder richten lassen. Und gegen Ende der Vorrunde ist der äußere Griffbereich so schmal, dass der Weg im Vergleich zu den innen Fahrenden zu weit ist – vorausgesetzt, die haben den Luftdruck für die innere Spur richtig getroffen und die anderen Setupparameter passend gemacht.
Weil auch die Fahrer der mittleren beiden Startplätze meist auf blankem Asphalt starten, verschieben sich die äußeren Bedingungen im Laufe des Abends radikal. Das große Kontingent der Dänen schafft es am besten, die Bahn richtig zu lesen und die Motorräder entsprechend anzupassen.
Allen voran Bech, der gleich zu Beginn das Zepter in die Hand nimmt. Tom Brennan ist so lange sein härtester Gegner, bis Mads Hansen zum Ende der Vorläufe nicht mehr von innen, sondern von außen und innen starten kann. Prompt schlägt Hansen den bis dato unbesiegten Bech. Parallel dazu erstarken Bailey und Smolinski, retten sich mit einem Laufsiegenin die Halbfinals – und vergrößern so den Kreis der potenziellen Sieganwärter weiter.
In den Halbfinals setzten sich in Bech, Hansen und Benjamin Basso drei Dänen durch. Im Finale führt Bech seine dominante Vorstellung fort und gewinnt vor Basso, Brennan und Hansen.



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