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Darauf kommt's Freitag wirklich an

Was alles funktionieren muss, damit man im Halbfinale der Team-WM weiter kommt – und warum Deutschland ein Wagnis eingeht.


Noch geht was. Wer an den nächsten beiden Tagen Speedway auf Weltniveau erleben möchte, kann in Landshut auch auf den letzten Drücker noch Karten an der Tageskasse kaufen. „Für Samstag sind alle Sitzplätze restlos ausverkauft, es gibt aber noch Stehplätze“, berichtet Gerald Simbeck, der Chef vom AC Landshut. „Für Samstag sind bislang 6.800 Karten verkauft, für Freitag 4.500.“


Also: Wer die Deutschen im Kampf um den Einzug ins Team-WM-Finale von Warschau unterstützen möchte, kann das am Tag der Arbeit der Abendkasse noch umsetzen – für 65 Euro auf einem Sitz- oder 45 Euro auf einem Stehplatz. Und wer den Auftakt der Einzel-WM an der Ellermühle gucken möchte, kann an der Kasse noch Stehplätze für 56 Euro kaufen.


Vor allem der Freitagabend wird sich lohnen. Denn das deutsche Quintett kämpft gegen die Engländer um den Finaleinzug, und nur eine Nation kommt weiter. Die Team-WM im Four Team Tournament-Format findet alle drei Jahre statt, dazwischen steht jeweils das Speedway der Nationen an – also die aufwändigere Paar-WM. Beim Paarfahren sind die Herausforderungen sowohl fahrerisch als auch mannschaftlich höher als bei dem Einzelfahren mit einer Addition der Länderpunkte.


Freitag beschränkt sich das taktische Element darauf, wie oft der fünfte Mann eingewechselt wird. Das ist bis zu sechs Mal möglich: fünf normale Einsätze, dazu einen als taktische Reserve, wenn die eigene Mannschaft einen Rückstand von mindestens sechs Punkten eingehandelt hat. Man muss also als Teammanager sehr genau schauen, ob man bei einem Rückstand von fünf Punkten ein Ergebnis opfert, um so eine weitere Einwechslung des fünften Mannes – im deutschen Kader ist es Kai Huckenbeck – zu provozieren und zu ermöglichen.


Die Mannschafts-WM fand zuletzt 2023 in Breslau statt. Dort waren die Deutschen falsch aufgestellt: Man hatte vergessen, Lukas Fienhage in den erweiterten Kader der ersten 10 zu schreiben, obwohl der damals noch in Polen fahrende Norddeutsche eigentlich eingeplant war. Und man hatte das Team konventionell aufgestellt, mit dem schwächsten Fahrer auf der 5 und mithin ohne Möglichkeit zu taktischen Einwechslungen.


Bartosz Zmarzlik, hier in Lauf 7 im Vorjahr, greift erst Samstag ins Geschehen ein. Foto: Michael Eder
Bartosz Zmarzlik, hier in Lauf 7 im Vorjahr, greift erst Samstag ins Geschehen ein. Foto: Michael Eder

Damals wie heute waren Sascha Dörner und Mathias Bartz Teammanager. Für Landshut haben sie ihre Truppen jetzt genau so aufgestellt wie es ihnen 2023 in Breslau die Tschechen vorgemacht und sie so aus dem Wettbewerb gekegelt haben. Doch auch die Ukrainer und wiederum die Tschechen haben ihre stärksten Leute auf die Reserveposition gesetzt: Marko Lewischin und Jan Kvěch. Lediglich die von Verletzungssorgen gebeutelten Briten kommen mit der traditionellen Variante daher: Junior Will Cairns wird keine Einsätze kriegen, wenn das nicht unbedingt nötig ist.


Aber schon der Erste Sturm der Briten ist stark genug, den Deutschen einzuheizen. Denen fehlt Erik Riss bitter. Sodass sie sogar die Tschechen fürchten müssen: Kvěch wird so oft wie möglich fahren. Sein Prager Ligateamkollege Adam Bubba Bednář, der seit diesem Winter von der englischen Legende John Davis mit betreut und gefördert wird, ist in bestechender Frühform und gilt als eines der besten Talente Europas. Und Daniel Klima hat sich enorm gemausert, seit er in der Zweiten Britischen Liga für Plymouth fährt und dort in der Grafschaft Devon regelmäßig fett punktet. Adam Nejezchleba ist als 17-jähriger Emporkömmling aus der Achtelliterklasse die Schwachstelle – die konsequent für Kvěch wird Platz machen müssen.


Kvěch und Huckenbeck sind im vergangenen Jahr beide aus der EInzel-WM geflogen. Doch Kvěch hat dabei deutlich besser ausgesehen als der gebürtige Wuppertaler, der seit seinem vierten Lebensjahr im Emsland zuhause ist. Das Duell der beiden Ex-Grand Prixler wird mit entscheidend sein, ob Deutschland die Tschechen in Schach halten kann. Und darauf, wie der sehr wankelmütig Vaclav Milík jr. zurande kommt.


Die Ukraine haben Marko Lewischin als Käpt’n auf der Ersatzbank. Die Osteuropäer, die allesamt vorm Krieg geflohen sind und in Polen fahren, stehen als Mannschaft erstmals in einem Halbfinale der Team-WM. Und ihr U21-Fahrer Nasar Partnitski ist heuer auch erstmals in der Einzel-WM dabei, nachdem Tai Woffinden seiner Dauerwildcard im Winter zurückgegeben hat. Parnitski und Lewischin fuhren im vergangenen Jahr bei der Paar-WM zusammen für die Ukraine, Stanislaw Melnitschuk gehörte schon 2012 zum Aufgebot, als der Ex-UdSSR-Staat auf der Heimbahn in Rinne die Paar-EM gewonnen hat. Melnitschuk ist über seinen Zenit bereits hinaus, Roman Kapustin international nicht auf demselben Level – sodass die Ukraine zwei Schwachstellen hat. Das ist eine zu viel, um über die Taktik kompensiert werden zu können.


Realistisch ist ein Zweikampf zwischen England und Deutschland, mit Tschechen, die nach den Hacken schnappen. Die Deutschen haben Huckenbeck nicht nur als Nummer 5 nominiert, sondern auch als Kapitän. Das ist gewagt. Denn Huckenbeck ist eher ein Eigenbrötler als ein Teamplayer, der die Truppe mitreißen kann. Die Engländer sind mannschaftlich geschlossener. Aber im Format der aufaddierten Einzelresultate ist das weniger entscheidend als ob alle Fahrer an dem Tag auf den Punkt ihre Leistung bringen.

 
 
 

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