Der heimliche Held von Mühldorf
- Norbert Ockenga
- vor 2 Stunden
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Warum Louis Tebbe in Mühldorf mindestens so viel Eindruck hinterließ wie der neue Deutsche Langbahnmeister Erik Riss.
Nur ganz kurz durchfährt ein Zucken seinen Körper, wie ein Blitzschlag. Danach hat Louis Tebbe sich direkt nach dem Start zu Lauf 2 in Mühldorf schon wieder im Griff – er wartet neben seiner defekten Maschine in aller Ruhe im Innenfeld, bis die vier Runden um sind. Wie sehr der erste Ärger an ihm genagt hat – das hat nur mitbekommen, wer zufällig beim Ausfall direkt nach Hochschnellen des Startbands auf den 21-Jährigen aus Dohren im Emsland geachtet hat.
Wie etwa sein Vater Jörg. Der steht äußerlich ungerührt auf jenem Bereich der Naturtribüne, der nur vom Fahrerlager aus erreichbar ist, und fixiert den Sohnemann fast die gesamte Renndistanz über. Nur aus dem Augenwinkel verfolgt Papa Jörg den Heat, in Gedanken ist er bei der kaputten Maschine.

Es ist seine Maschine, sein Nummer 1-Motorrad, das er Sohn Louis fürs Finale der Langbahn-DM geliehen hat, weil er selbst nicht fahren kann. Nach einem Sturz beim offenen Rennen in Hechthausen unweit des Alten Landes hat er sich ein Schlüsselbein und das zugehörige Schulterblatt gebrochen. „Eigentlich hätte ich dieses Jahr noch etwa 20 Rennen fahren wollen“, sagt Jörg Tebbe, als er in Räuberzivil im Mühldorfer Fahrerlager steht. „Jetzt betreue ich hier die norddeutschen Fahrer. Und fürs nächste Jahr habe ich mir so eine Art Abschiedstournee vorgenommen: etwa sieben Rennen auf all’ den Bahnen, wo ich im Verein bin oder immer besonders gern gefahren bin.“ Die Verletzung hat seine Pläne im Geiste schon über den Haufen geworfen: „Mal sehen, ob das jetzt noch so bleibt.“
In Mühldorf ist das Aus vom Vater das Glück vom Sohn, denn Louis darf sich nun in den Sattel jenes Motorrads schwingen, das sonst der Vater fährt. „Der Motor hat eine andere Nockenwelle, einen ganz anderen Kopf und Titanventile“, verrät Louis. „Das merkst du beim Fahren sofort.“
Der Motor hat eine andere Nockenwelle, einen ganz anderen Kopf und Titanventile. – Louis Tebbe
Zwar bezieht der Tebbe-Clan alle seine Motoren von William Mattijssen aus den Niederlanden, doch die Nummer 1-Maschine von Vater Jörg ist quasi ein „Tebbe Special“. Deswegen wirft sich Jörg Tebbe auch sofort auf sie, als Louis sie nach dem Ausfall beim Start ins Fahrerlager zurückgeschoben hat – und stellt fest: „Am Gangrad vom ersten Gang ist ein Zahn rausgebrochen; das Rad saß schon auf der Getriebewelle fest.“
Deswegen dauert die Reparatur auch so lange, dass Louis Tebbe einen Lauf mit dem Nummer 2-Motorrad absolvieren muss. Das ist ebenfalls aus dem Stall von Vater Jörg, aber nicht mit einem ganz so scharfen Motor ausstaffiert.
Auch mit dem holt Tebbe jr. sich Rang 3. Im Laufe des Mühldorfer Nachmittags kristallisiert sich heraus: Erik Riss ist eine Nasenlänge voraus, dahinter liegen Daniel Spiller, Martin Smolinski, Lukas Fienhage und Stephan Katt gleichauf – und dann duelliert sich Tebbe mit Dominik Werkstetter um den Status des schärfsten Verfolgers der „Big Five“, um im Südafrika-Safarijargon zu schreiben.

Besonders auffällig: wie Tebbe die Gebrüder Wachs aus seiner Quasi-Nachbarschaft in Werlte sicher in Schach und hinter sich hielt. Timo Wachs ist immerhin in Vechta im vergangenen Jahr U23-Weltmeister geworden.
Dabei ist Tebbe noch B-Lizenzler. Das Feld der DM wird seit einiger Zeit mit je einem B-Lizenzfahrer aus dem Norden und dem Süden aufgefüllt, um den jeweils Besten aus NBM und SBM eine Chance zu geben, sich im Umfeld der ersten Liga weiterzuentwickeln. Der 17-jährige Jeremias Ramus aus Blieskastel, der mit einem Motorrad von Robert Grichtmaier samt eines älteren Robert-Barth-Motors unterwegs ist, und Louis Tebbe sind 2026 in Mühldorf diese B-Lizenzler. Auch Tom Hansen aus Schleswig-Holstein ist mit seiner B-Lizenz im DM-Feld von Mühldorf dabei, allerdings als Nachrücker für den verletzten Jörg Tebbe.

Louis Tebbe etabliert sich klar als der beste B-Lizenzler. Das hat sich vorab bereits abgezeichnet: Am Samstagnachmittag wurde sein Name von Insidern, die schon beim Aufbau in Mühldorf waren, als Favoritenschreck geraunt, am Sonntagmorgen war er Zweitschnellster im Training.
In den Vorläufen selbst verpasst er letztlich um einen Punkt den Einzug ins Finale, das dann wegen Regens nicht mehr gefahren wurde. Doch Louis Tebbe – der noch im Sommer 2025 beim Rennen in Osnabrück sehr schwer gestürzt war – ist dennoch der heimliche Gewinner des Langbahn-DM-Renntages von Mühldorf.

Wie er selbst seine Leistung einschätzt und wie seine weiteren Planungen sind – das seht Ihr im zweiten Kapitel dieses Videos vom Renntag in Mühldorf:
Übrigens ist nicht nur Louis Tebbe in Mühldorf gefahren – sondern auch seine jüngere Schwester Lenja. Die war im Feld der B-Lizenz zunächst nur Reservistin, ist dann aber nachgerückt, nachdem der aus Rostock stammende Mühldorfer Klubfahrer Johannes Vagt nach einem Sturz ins Altöttinger Krankenhaus gebracht werden musste.

Lenja Tebbe hatte erst am Tag zuvor beim Damenweltcup des Speedway in Kroatien in der 250-Kubikklasse den dritten Rang belegt. Danach war die ganze Familie in gut fünf Stunden hoch nach Mühldorf gefahren – und schon am Samstagabend gegen 23 Uhr am Inn angekommen.



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