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Der Störenfried von der Bank

Der dritte und letzte Lauf der Polnischen Einzelmeisterschaft nimmt einen turbulenten Verlauf – weil sich der Bahnreservist tolldreist einmischt.


Maciej Janowski bleibt die große Wundertüte des polnischen Speedway. Kein Fahrer schwankt so sehr zwischen Weltklasse und Kreisklasse wie der Mann, dem sie einst den Spitznamen „Magic“ gegeben haben – der Zauberer.


Meistens fragt man sich inzwischen, wie Janowski je zu dieser Ehre hat kommen können. Denn auf internationalem Parkett sind seine Vorstellungen meistens blutleer. Doch in der Polnischen Meisterschaft hat der Breslauer gerade wieder gezeigt, dass er mehr ist als die Summe seiner Grand Prix-Enttäuschungen.


Er hat den letzten Lauf nicht gewonnen. Er hat nicht einmal den Finaldurchgang dominiert. Bartosz Zmarzlik fährt als Erster über die Ziellinie und gewinnt den dritten und letzten Lauf der polnischen Meisterschaft.


Und trotzdem ist Janowski polnischer Meister. Zum vierten Mal.


Der Unterschied beträgt am Ende genau einen Punkt: 36:35 gegen Zmarzlik. Kacper Woryna, der als Führender der Gesamtwertung nach Ostrowo kommt, fällt noch auf Rang 3 zurück und beendet die Meisterschaft mit 33 Punkten.


Doch diese Zahlen erzählen nur einen Bruchteil dessen, was sich in diesem letzten IMP-Finale abspielt. Denn zwischen Janowski und seinem vierten Titel liegen ein kontroverser Ausschluss Zmarzliks, ein schwerer Sturz von Patryk Dudek, ein kollabierender Gesamtführender, ein Reservefahrer, der plötzlich um den Titel mitfährt – und ein letzter Lauf, in dem ein 22-Jähriger den amtierenden Weltmeister beinahe in ein Stechen mit Janowski zwingt.


Vor der dritten und entscheidenden Veranstaltung ist Kacper Woryna der Mann mit der besten Ausgangslage. 26 Punkte hat der Lubliner nach Thorn und Bromberg auf dem Konto. Vier Punkte dahinter liegen Janowski und Dudek mit jeweils 22. Zmarzlik steht bei 20.

Sechs Punkte trennen den Führenden vom amtierenden Weltmeister. Gleichzeitig ist klar: In einem System, in dem alle drei Veranstaltungen zählen und jeder einzelne Laufpunkt in die Gesamtwertung eingeht, kann ein einziger Ausfall die komplette Rangordnung zerstören.


Für solche Tage lohnt es sich, diesen Sport zu betreiben. – Maciej Janowski

Genau das passiert. Und zwar sofort. Im zweiten Lauf stehen Piotr Pawlicki, Krzysztof Buczkowski, Dudek und Zmarzlik am Band. Titelverteidiger Dudek kommt gut weg und führt zunächst. Auf der Gegengeraden baut Zmarzlik Geschwindigkeit auf. Er versucht, auf der Innenseite in die zweite Kurve hineinzustechen. Doch der Versuch ist extrem knapp. Zu knapp. Zmarzlik trifft Dudek. Der Meister rutscht weg und schlägt mit hoher Geschwindigkeit in die Airfence ein. Die Maschine wird nach vorne geschleudert, Dudek gerät unter den Luftfangzaun.


Sofort kommen Rettungswagen auf die Bahn. Zmarzlik wird für die Wiederholung ausgeschlossen. Dudek kann nicht weiterfahren. Damit verliert die Meisterschaft innerhalb weniger Sekunden einen ihrer vier aussichtsreichsten Kandidaten.


Und Zmarzlik verliert einen Punkt, der später über Gold oder Silber entscheidet. Zmarzlik steht nach seinem Ausschluss bei null Punkten. Für einen Fahrer, der vor dem letzten Abend sechs Punkte hinter dem Führenden liegt, sieht das zunächst nach einem Totalschaden aus.


Doch Zmarzlik fährt danach noch vier Mal. Und er gewinnt vier Mal. Damit beendet er zwar die Vorrunde mit 15 Punkten – mehr als jeder andere Fahrer. Nur: Der Nuller aus Lauf 2 bleibt stehen.


Zmarzlik weiß, dass er jetzt Hilfe braucht. Selbst ein Sieg im Finale garantiert ihm nicht automatisch die Meisterschaft. Er muss Janowski mindestens zwei Plätze abnehmen, um überhaupt ein Stechen zu erzwingen.


Janowski erlebt einen Abend, der eigentlich ganz anders hätte aussehen können. Er startet mit einem Sieg. Dann gewinnt er wieder. Danach bricht sich seine obligatorische Krise wieder ihre Bahn. Janowskis jüngester Ausrutscher: Er fährt gegen Zmarzlik, Woryna und Paweł Sitek – und kommt als Letzter ins Ziel. Null Punkte.


Aber Janowski reagiert – mit zwei Siegen. Damit steht er nach den fünf Vorläufen ebenfalls bei 12 Punkten. Und das ist entscheidend.


Denn damit stehen genau die beiden Männer direkt im Finale, die die Meisterschaft unter sich ausmachen: Janowski und Zmarzlik. Krawczyk und Maksymilian Pawełczak kommen ebenfalls auf 12 Punkte, müssen aber den Umweg über den Hoffnungslauf nehmen.

Jakub Krawczyk ist an diesem Abend zunächst gar nicht als regulärer Starter vorgesehen. Er ist erster Reservefahrer.


Sein Saisonverlauf gibt auch keinen Anlass zu der Annahme, dass ausgerechnet er an diesem Abend eine Hauptrolle spielen wird. Seine bisherige Saisonbilanz ist durchwachsen; in der zweiten Liga kommt er auf einen Average von nur rund 1,30 Punkten pro Lauf.

Dann stürzt Dudek. Krawczyk bekommt seine Chance. Und plötzlich ist alles anders. Er fährt nur vier Vorläufe – aber er gewinnt drei davon. Das reicht für den Hoffnungslauf.

Und dort krempelt Krawczyk den ganzen Meisterschaftskampf fast um. Maksymilian Pawełczak, Jakub Krawczyk, Dominik Kubera und Mateusz Cierniak kämpfen um die letzten Finalplätze. Pawełczak gewinnt. Krawczyk wird Zweiter. „Es ist unglaublich, was heute passiert ist. Ich bin selbst geschockt“, sagt er später. Er hättee es noch nie gemocht, als Reservefahrer bereitstehen zu müssen, weil man den ganzen Abend in Bereitschaft sei und nie wisse, ob man überhaupt zum Einsatz kämme. „Wir dachten, wir würden uns die Veranstaltung von der Tribüne aus anschauen – und jetzt fahren wir mit einem Pokal nach Hause.“

Krawczyk fährt um Bronze. Und beinahe um die polnische Meisterschaft. Das Duell lautet zwar Zmarzlik gegen Janowski – aber Krawczyk wird zum entscheidenden Mann.

Im letzten Lauf stehen: Bartosz Zmarzlik, Maciej Janowski, Jakub Krawczyk und Maksymilian Pawełczak. Jetzt ist die Rechnung brutal einfach. Wenn Zmarzlik gewinnt und Janowski nur Dritter oder Vierter wird, kippt der Titel. Wenn Janowski Zweiter wird, reicht es für Gold. Wenn Krawczyk zwischen Zmarzlik und Janowski schiebt, kann sich das Szenario noch einmal verschieben.


Das Band geht hoch. Zmarzlik startet am besten. Er fährt vorne weg. Janowski ist zunächst dahinter. Pawełczak liegt zwischen den beiden. Für Zmarzlik sieht es plötzlich so aus, als würde die Rechnung aufgehen. Er gewinnt. Aber Janowski beginnt, Pawełczak auseinanderzunehmen. Und dann kommt der entscheidende Überholvorgang. Janowski geht an Pawełczak vorbei – Zweiter.


Maciej Janowski ist wieder Polnischer Meister. Foto: FIM
Maciej Janowski ist wieder Polnischer Meister. Foto: FIM

Damit hat Zmarzlik zwar den Lauf gewonnen – aber Janowski bleibt in der Gesamtwertung vorne. Der Titel ist eigentlich schon gesichert. Eigentlich. Denn Krawczyk hat noch nicht aufgegeben. Der Ostrowier fährt zunächst hinten. Im der dritten Runde geht Krawczyk an Pawełczak vorbei. Und jetzt sieht er Janowski. Der Abstand ist nicht riesig. Krawczyk setzt nach, wieder und wieder.


Wenn Krawczyk an Janowski vorbeikommt, steht Janowski nur noch auf Rang drei. Dann hätte Zmarzlik genügend Punkte aufgeholt, um die Meisterschaft auszugleichen. Es käme zum Stechen zwischen Janowski und Zmarzlik. Und Krawczyk geht tatsächlich bis zur Ziellinie auf Janowski los. Der Ostrowier kommt heran. Er versucht es. Janowski hält dagegen. Krawczyk bleibt Dritter. Janowski rettet Rang 2.


Und mit diesem zweiten Platz rettet er den Titel. „Ich bin sehr glücklich. Ehrlich gesagt habe ich erst vor nicht allzu langer Zeit erfahren, dass ich Zweiter in der Gesamtwertung bin. Ich konnte es kaum glauben“, erzählt er nach dem Rennen. Die ersten beiden Runden seien schließlich nicht nach Wunsch verlaufen.


In Ostrowo hätte dagegen sofort das Material funktioniert: „Mein Motorrad war von Anfang an schnell und ich habe mich großartig gefühlt. Mein Team hat in den vergangenen Wochen und überhaupt seit Beginn dieser Saison großartige Arbeit geleistet.“


Und dann wird Janowski emotional. Denn er weiß, wie knapp das alles war. „Für solche Tage lohnt es sich, diesen Sport zu betreiben“, sagt er aufgewühlt.


Es ist sein vierter Titel. Damit schiebt sich Janowski in der Ewigen Bestenliste weiter nach oben. In der historischen Wertung liegen vor ihm inzwischen nur noch Tomasz Gollob und Jerzy Szczakiel.


Der tragische dieses Abends aber ist Bartosz Zmarzlik. Er ist der beste Fahrer der Veranstaltung, gewinnt nach seinem Ausschluss jeden einzelnen seiner verbleibenden Läufe. Er gewinnt auch den letzten Lauf. Er steht am Ende bei 15 Punkten. Und trotzdem verliert er die Meisterschaft. Um nur einen Punkt. „Ein Punkt hat gefehlt, aber es ist nichts passiert. Ich denke weiterhin, dass wir gemeinsam mit den Jungs einen tollen Wettbewerb geschaffen haben und dass es heute in Ostrowo wirklich super war.“


Doch als die Sprache auf Dudek kommt, verändert sich seine Tonlage. Der Weltmeister ringt sichtbar um Worte. „Das war und ist vor allem eine schlechte Situation. Ich kann nur ‚Entschuldigung‘ sagen. Aber es war keinerlei Boshaftigkeit oder Absicht dabei.“ Mehr bekommt er zunächst kaum heraus: Das ist der emotionale Schatten über seinem Sieg.

Noch härter trifft es Kacper Woryna. Er kommt als Führender nach Ostrowo. Doch dort fährt Woryna: 0 – 2 – 2 – 2 – 1. Sieben Punkte. Das ist der schwächste Auftritt der vier Titelkandidaten – und er kostet ihn Gold. Aber immerhin rettet er Bronze. Für Woryna ist es trotzdem ein historischer Erfolg: Es ist sein erster IMP-Medaillengewinn überhaupt. Und die Familiengeschichte macht ihn noch spezieller: Sein Großvater Antoni hatte genau 60 Jahre zuvor den polnischen Meistertitel gewonnen.


Auch Maksymilian Pawełczak gehört zu den großen Siegern des Abends. Er gewinnt seinen ersten Lauf. Dann fährt er: 3 – 2 – 3 – 2 – 2 und kommt auf zwölf Punkte. Damit steht er direkt im Hoffnungslauf. Er gewinnt diesen Lauf sogar und zieht als Erster in den Endlauf ein. Dort ist er lange der Mann zwischen Zmarzlik und Janowski.


Pawełczak wird Vierter des Finals und beendet den Turniertag mit 12 Punkten plus drei aus dem Hoffnungslauf, also 15 Zählern im Gesamtranking – in der offiziellen Wertung wird er mit 12+3 geführt. Für einen Fahrer, der vor der Saison nicht zu den etablierten Namen der absoluten Spitze gehört, ist das ein weiterer deutlicher Hinweis darauf, wie stark die nächste polnische Generation nachdrückt.


Und dann ist da noch Kuberas Motorschaden.


Auch Dominik Kubera fährt lange um die Finalplätze mit. Er gewinnt Lauf 5. Er gewinnt Lauf 12. Kubera kommt auf zehn Punkte und sieht nach 19 Läufen wie ein sicherer Kandidat für den Hoffnungslauf aus. Dann Lauf 19. Janowski führt. Pawełczak folgt. Krawczyk ist Dritter. Kubera ist Vierter, aber auf Schlagdistanz. Und dann passiert es: Kuberas Motorrad bleibt stehen. Damit verpasst er den Finaleinzug auf die denkbar bitterste Art.


Krawczyk nutzt genau diese Chance. Und mischt sich anschließend um den Tagessieg und den Meisterschaftsendstand ein.

 
 
 

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