Geyer über seinen EM-Start
- Norbert Ockenga
- vor 1 Tag
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Marc Geyer erzählt, wie er sich auf die Eisspeedway-WM in Varkaus vorbereitet und was er von seinem zweiten Rennen der Saison erwartet.
Es war alles ein bisschen turbulent. Doch inzwischen hat Marc Geyer seine Vorbereitung auf die Eisspeedway-EM in Varkaus am kommenden Sonnabend in Angriff genommen: Der Hesse trainiert seit Aschermittwoch auf einem zugefrorenen See im Lintharju-Gebiet bei Sounenjoki, auf dem Mikko Jetsonen eine Bahn geschoben hat.
Der Tausendsassa des finnischen Eisspeedway, der auch Klubmitglied im Veranstalterverein von Varkaus ist, steht auf seiner Heimbahn zwar nicht selbst am Band – hat aber für Geyer und Franz Mayerbrüchler, neben Luca Bauer der dritte Deutsche im Feld, in der Karnevalswoche optimale Trainingsbedingungen für einen Zwischenstopp auf dem weiteren Weg hoch nach Varkaus geschaffen.

Geyer nutzt nicht nur die Trainingsbahn von Jetsonen – sondern auch die kundigen Mechanikerhände von Timo Kankkunen. „Der checkt mein Bike noch gründlich durch.“
Das ist auch nötig, denn in den Tagen zwischen dem offenen Rennen in St. Johann und der EM hat Geyer gleich zwei Motoren abschreiben müssen: Der beste ging in Österreich wegen einer schadhaften Zylinderkopfdichtung über den Deister, der Ersatzmotor erlitt einen Ventilschaden. „Also haben wir den Ersatzmotor, den ich bis dahin 30.000 Kilometer kreuz und quer durch Europa mitgeschleppt hatte, in mein Einsatzmotorrad gebaut.“ Denn sein Tuner Robert Ritter hatte Geyer nach der Schadensmeldung aus St. Johann spontan beschieden, er könne aus Altersgründen ab sofort nicht mehr an den Motoren arbeiten.
Nachts schlafe ich selten mehr als vier Stunden, und mein Biorhythmus ist komplett durcheinander. – Marc Geyer
Geyer reist nur mit einer Maschine nach Varkaus, ausgerüstet mit dem Trainingsmotor und mit einem Getriebe von Max Niedermaier. „Andrej Diviš kommt mit zwei Motorrädern“, weiß er. Und der würde ihm notfalls eines ausleihen. Denn seit Geyer Andrej Diviš und Lukáš Hutla vor Jahren von Schweden durch Dänemark bis zum Horst-Dohm-Stadion in Berlin am Seil abgeschleppt hat, ist der Sunnyboy mit den Tschechen besonders gut befreundet.
Sonderlich hohe Erwartungen hätte er nicht an seine EM-Teilnahme, gesteht Geyer: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich den Startplatz kriege.“ Er hätte zwar 10 Kilogramm abgenommen, liege aber immer noch deutlich über dem Idealgewicht für einen Eisspeedwayfahrer. Zudem leide er immer noch unter den Folgen der Trennung von seiner Freundin, mit der er sieben Jahre lang zusammen war. „Nachts schlafe ich selten mehr als vier Stunden, weil meine Gedanken sich im Kreis drehen, und mein Biorhythmus ist seitdem komplett durcheinander.“
In die Brüche gegangen sei die Beziehung, als Geyer mit Norick Blödorn beim Speedwayrennen in Dohren war. Denn Geyer ist ein Förderer des Schleswig-Holsteiners, hat den sogar nach dessen Schulzeit kurz in seiner eigenen Firma für Kälte- und Klimatechnik angestellt und ihm drei Motoren bauen lassen. „Und wenn er zu weiter entfernten Rennen in Europa gefahren ist, dann habe ich Norick auch schon Mal als Mechaniker begleitet.“

Denn Geyer stammt aus einer ausgemachten Bahnsportfamilie: Seine Verwandten haben nicht nur bei den Eisspeedwayrennen in Erfurt und sogar den WM-Läufen am Frankfurter Ratsweg mit in der Organisation gearbeitet. Seine Tante Brigitte war auch lange Jahre Redaktionsleiterin bei der deutschen Bibel „Bahnsport aktuell“, hat dort die Einsätze der Freien Mitarbeiter koordiniert und die Inhalte der wichtigsten deutschen Bahnsportzeitschrift über Jahrzehnte maßgeblich mit gestaltet. Sie hat auch ein Kind mit Jarmo Hirvasoja. Deswegen bezeichnet Geyer den Exweltmeister und Schräglagenkönig auch als „meinen Onkel“.
Und wer solch’ einen Onkel hat, der kann kaum anders, als selbst auch Eisspeedway zu fahren. „Ich habe mit dem Sport begonnen, um zu verhindern, dass er komplett verschwindet“, blickt Geyer zurück. „Ich hatte mir ein Mal vorgenommen, nach Russland zum Trainieren zu gehen, wie alle Anderen das seinerzeit auch gemacht hätten. Aber dann kamen Corona und der Krieg dazwischen.“
Dabei hätte er eigentlich seine eigene Firma vor allem deswegen gegründet, „um mir selbst freigeben zu können, wenn ich Eisspeedway fahren möchte. Als Angestellter geht das nicht so ohne Weiteres. Da musst du sechs Wochen vorher einen Urlaubsantrag ausfüllen – und hoffen, dass der Chef das auch alles so mitmacht.“ Und sein damaliger Chef hätte ihm zu verstehen gegeben, dass die vielen Fehlzeiten auf Dauer nicht tolerabel seien.
Dennoch hätte er auch als sein eigener Chef nie ein langes Trainingslager absolvieren können. Was sich vor allem darin niederschlage, dass es bei ihm nie so richtig „Klick“ gemacht hätte: „Man muss ein Mal den Bogen raus haben, wie man wirklich schnell Eisspeedway fährt und was das Motorrad dafür verlangt. Aber dazu muss man viel fahren und trainieren, bis man das ein Mal verstanden hat. Und so weit bin ich noch nicht gekommen.“
So hätte es auch in diesem Winter nur zu einem Einsatz in St. Johann gereicht. In Tschechien mussten die an sich geplanten Rennen und Trainings auf zugefrorenen Seen wegen Tauwetters wieder abgesagt werden. Nur Lukáš Hutla hätte ein Mal sein Material einfahren können. „Wenn da mehr gegangen wäre, hätte ich das als Erster erfahren“, verweist der Hobbygleitschirmflieger auf seine Tschechei-Seilschaft, entstanden aus der abenteuerlichen Fahrt als Abschleppdienst, nachdem Diviš der Motor seines Renntransporters geplatzt war.
In St. Johann litt er nicht nur unter zwei Motorproblemen, sondern hatte auch ein Mal keine Sicht, weil das Visier angelaufen und festgefroren sei. „Danach habe ich von Visier auf Brille gewechselt, und es war besser. Aber zufrieden bin ich nicht, wie’s in St. Johann gelaufen ist.“
Geyer weiß: „Eigentlich hätte Christoph Kirchner einen deutschen Startplatz in der EM verdient. Aber ich bin natürlich dankbar, dass ich ihn bekommen habe – und freue mich auch aufs Rennen. Erwartungen habe ich aber keine. Ich möchte nicht einfach nur das Feld auffüllen, möglichst nicht Letzter werden.“



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