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Heimvorteil in der Fremde

Als die Bahnbedingungen zuerst vielfältig und dann knifflig werden, übernehmen drei Australier das Zepter bei einem höchst turbulenten Grand Prix in Manchester.


Der erste Elfmeter sah aus wie der berühmte von Uli Hoeneß 1976 damals in den Nachthimmel von Belgrad statt ins EM-Tor: Brady Kurz versemmelt am Freitagnachmittag die große Chance, bis auf zwei Punkte an Tabellenführer Bartosz Zmarzlik ranzukommen.


Am Trainingsnachmittag, der erstmals in diesem Jahr in ein „Sprint“ genanntes Zusatzrennen um maximal vier WM-Punkte mündet, scheiden Zmarzlik in der ersten und Kacper Woryna, der aktuelle Tabellenzweite, in der zweiten Runde der KO-Phase aus. Brady Kurtz dagegen schafft es ins Finale.


Gewönne er dieses, reduzierte er seinen Rückstand, den er sich in Landshut und Prag mit mittelprächtigen Vorstellungen eingehandelt hat, drastisch.


Doch stattdessen rauscht der Australier bei seinem Heimrennen im National Speedway Stadium von Manchester ins Startband, wird disqualifiziert – und nimmt lediglich einen WM-Zähler mit.


Kurtz knirscht: „Ich war einfach zu übermütig. Manchmal will man zu viel – und dann macht man blöde, vermeidbare Fehler.“


Es wird nicht die einzige vergebene Chance des Australiers bleiben. Kurtz hätte Manchester als neuer Tabellenführer verlassen können. Doch stattdessen liegt er vor dem zweiten England-Rennen immer noch einen Punkt hinter Zmarzlik – obwohl der Stettiner nach einem Sturz im Finale disqualifiziert wird.


Manchmal will man zu viel, und dann macht man blöde Fehler. – Brady Kurtz

Das Ergebnis spiegelt wider, dass es für die England-Profis immer noch einen veritablen Heimvorteil gibt: Drei Australier, die als England-Legionäre auf der Insel übersommern, landen am Ende auf den ersten drei Plätzen. Als vor den Hoffnungsläufen der Regen einsetzt, kommt jene Ortskenntnis zum Tragen, über die nur England-Ligisten verfügen: Die Bahn wird innen schmierig, auf den äußeren zwei Meter dagegen ausnehmend schmierig.


Zmarzlik, der sich direkt fürs Finale qualifiziert hat, möchte diesen bekannten Effekt vom äußeren Startplatz nutzen. Doch Max Fricke weiß: Man kann von ganz innen mit Überschuss in die erste Ecke reinschießen, sich dann weit nach außen tragen – und kommt dann schneller am Scheitelpunkt an der außen Startende.


Genau das macht Fricke. Dadurch fährt er Zmarzlik vor. Der ist zu schnell, um überhaupt in einen Drift zu kommen, weil er genau dieses Manöver von Fricke aus dem Augenwinkel erkannt hat und verhindern möchte. Weil er nicht driften kann, sondern im Langbahnstil in die Kurve kommt, kriegt er besagte Kurve nicht, stürzt hinter Fricke – und wird ausgeschlossen.


Als Fricke sich dann zum Neustart umschaut, realisiert er: „Es war ziemlich cool, da mit drei Australiern rauszufahren und zu wissen, dass auch drei Aussies auf dem Treppchen stehen würden. Wir sind alle zusammen aufgewachsen, wir sind eine Generation – das war ein ganz besonderes Gefühl für mich.“


Max Fricke gewinnt als Ex-Ace den Freitags-Grand Prix von Belle Vue. Foto: FIM
Max Fricke gewinnt als Ex-Ace den Freitags-Grand Prix von Belle Vue. Foto: FIM

Fricke hat schlechter in den Abend gefunden als Kurtz und Jack Holder, nach einem letzten Platz im ersten Heat dann aber alle weiteren Läufe gewonnen. „Ich bin ein bisschen verkrampft gewesen im ersten Lauf. Danach bin ich etwas lockerer geworden – und habe auch einige Änderungen an der Maschine vorgenommen, die sich alle ausgezahlt haben.“


Unter den Fahrern, die von den Australiern wegen mangelnder Ortskenntnis ausgeschaltet worden sind, befinden sich auch Anders Thomsen und Kacper Woryna. Thomsen hat zwei Läufe gewonnen, dann aber nicht mehr zupacken können, als die Bahn in den letzten beiden Durchgängen jeweils fünf verschiedenen Linien pro Heat zugelassen hat. Im wilden Raufhändel und Getümmel haben die Erfahreneren die Oberhand – auch gegen Woryna, der im Bemühen, die schnellste Bahn zu erwischen, sogar Leon Madsen von der Maschine gefegt hat.


Im Wiederholungslauf rast Fricke erneut von innen mit Überschuss auf die äußere Spur – direkt vor Kurtz, der vom weißen Startplatz gekommen und deswegen mit weniger Tempo in die erste Kurve reingestochen ist. Danach okkupiert Fricke die Außenlinie so konsequent, dass Kurtz keinen Hebel zum Überholen ansetzen kann – und hinter seinem Landsmann Zweiter wird. „Hier zu gewinnen, ist es etwas ganz Besonderes“, strahlt Fricke. „Ich kenne die Bahn sehr gut, weil ich lange Jahre für Belle Vue gefahren bin. Das hat sich heute ausgezahlt.“


In der WM führt Zmarzlik nun mit 46 Punkten vor Kurtz mit 45 und Holder mit 41; Landshut-Sieger Woryna fällt mit 35 auf Rang 4 vor Robert Lambert und Max Fricke zurück.

 
 
 

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