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Trauer um Dirk Müller

Exweltmeister Egon Müller trauert um seinen einzigen Sohn. Und die tiefe Betroffenheit ergreift auch all’ diejenigen, die Dirk Müller noch selbst erlebt haben.


Es ist ein Bild, das schlagartig vor dem inneren Auge wieder auftaucht. Der Morgen vor einem Speedwayrennen in Schleswig-Holstein. War es Heide? Oder Albersdorf? Oder gar Brokstedt? Irgendwo dort oben, im Frühstücksraum einer kleinen Pension, geht ein junger Mann mit schulterlangen schwarzen Haaren federnden Schritts zum Büfett, gießt sich einen O-Saft ein, trinkt das erste Glas auf ex – und schüttelt sich, begleitet von einem lautstarken Seufzer.


Dirk Müller hat sofort die Lacher auf seiner Seite.


Es muss irgendwann in den frühen Neunzigern gewesen sein, unterwegs noch als ganz junger Journalist und mit derselben Ehrfurcht vor Dirk gesegnet wie vor dessen Vater Egon Müller. Ort und Zeit verschwimmen, das Bild an sich hat sich klar eingegraben und irgendwo im Unterbewusstsein konserviert. Und im Lichte der Mitteilung von Egon Müller am Dienstagabend hat es sich scharf wieder aus dem Gedächtnis vors innere Auge gebrannt.


Denn: Dirk Müller ist tot. Der Sohn vom ehemaligen Speedway- und mehrfachen Langbahnweltmeister Egon Müller starb am 29. Juni an den Folgen einer Lungenembolie.


Dirk Müller war das einzige Kind von Egon Müller und seiner ersten Ehefrau Christel. Die beiden waren 1965 zusammengekommen, als sie sich bei Cliquentreffen in einem alten Haus in Kiel-Garden kennengelernt hatten. Kurze Zeit später zogen sie in Kiel-Elmschenhagen zusammen, da waren sie beide noch 17 Jahre alt. Weil sie nicht verheiratet waren, mussten sie mehrfach die Wohnung wechseln.


Das unfreiwillige Nomadentum wollten sie durch eine Hochzeit beenden. Doch das ging wegen der Minderjährigkeit auch nicht; selbst das 18. Lebensjahr langte nicht. Als beide 18 waren, wurde Christel Müller mit Dirk schwanger, weitere drei Monate später konnte geheiratet werden.


Klein-Dirk bekommt mit 10 seine erste Mini-Rennmaschine, die der Vater nach eigenen Plänen für den Filius hat in Auftrag geben lassen. Mit 12 folgen erste Bahnrennen, bald gibt es eine Sonderlizenz für den Jugendlichen, damit der früher als üblich im Feld der B-Lizenzler mitfahren darf.


Es ist so unglaublich schwer zu verstehen, wenn das einzige Kind nie mehr wiederkommt. – Egon Müller

Dabei entwickelt Dirk Müller eine Eigenheit, die Vater Egon schon früh auffällt: „Er ließ immer alle vor – und überholte sie dann.“ Auf die Frage nach dem Warum hätte sein Sohn ihm geantwortet: „Ich möchte die Gegner überholen, damit sie auch wirklich sehen, dass ich der bessere Fahrer bin – nicht nur der bessere Starter.“


In der B-Lizenz wird Dirk Müller bald zu einem der Besten in Feldern, die damals gespickt sind vor allem mit Norddeutschen und besonders vielen Schleswig-Holsteinern, die alle ihrem Idol Egon Müller nacheifern. Doch zwei Jahre nach dem Coup von Halbemond, als Egon Müller überraschend Speedwayweltmeister wird, endet die Laufbahn von Sohn Dirk.


Ausgerechnet in Scheeßel. Auf jener Bahn also, auf der Vater Egon 1974 seinen ersten Langbahn-WM-Titel geholt hat. Am 28. Juli 1985 ist Vater Egon im WM-Qualirennen dabei, sein Sohn Dirk im Rahmenrennen der B-Lizenz. Dort fädelt er in einem Heat im Pulk am Hinterrad seines Vordermannes ein, stürzt – und wird vom Hinterherfahrenden überrollt.


Der trifft ihn mit dem Motorblock voll am Helm.


Dirk Müller überlebt nur, weil er einen verstärkten Helm trägt. Doch er ist sofort bewusstlos und bleibt neun Tage lang im Koma. Vater Egon bricht seinen WM-Qualifikationsdurchgang ab. Mutter Christel bleibt im Hotel neben dem Spital, Egon bringt abends die Maschinen zurück nach Kiel, kehrt dann aber auch wieder zurück in die Zevener Geest und wartet voller Bangen neun Tage lang, ehe Dirk wieder zu sich kommt.



Der Unfall beendet die Karriere von Dirk Müller mit 17 Jahren. Doch sein Markenzeichen – lange Haare, weiche, fast schon sanfte Gesichtszüge, durchdringendes Lachen und eine helle, von Fröhlichkeit und viel Humor geprägte Stimme – bleibt dem Bahnsport dennoch lange erhalten: Denn er arbeitet viele Jahre als engster Mechaniker und Motorbauer seines Vaters. Gemeinsam präparieren sie Motoren auch für andere Fahrer, und Dirk unterstützt Egon bis ins Erwachsenenalter im Hintergrund des Rennsports.


Am 29. Juni ist Dirk Müller im Alter von 58 Jahren an einer Lungenembolie verstorben.


Egon Müller ist ein Mann, der oft falsch verstanden wird. Dem man nachsagt, ein harter Hund zu sein. Dessen Redseligkeit ihm oft als dauerhaft gute Laune, manchmal auch als Aufdringlichkeit ausgelegt wird. Doch wer schon Mal enger mit Egon Müller zu tun hatte, der kennt auch die andere Seite des bislang einzigen deutschen Weltstars im Bahnsport. Es ist eine weiche, nachdenkliche und herzliche Seite, geprägt auch von Tief- und Hintersinn, von Loyalität und Einsatzbereitschaft für all’ diejenigen, die sich sein Vertrauen verdient haben.


Wer diesen anderen Egon Müller kennenlernen durfte, der wundert sich nicht, dass er fast drei Wochen gebraucht hat, die Tragödie auch öffentlich zu machen. „Es ist so unglaublich schwer zu verstehen, wenn das geliebte einzige Kind niemals wiederkommt“, trauert er. „Wir weinen um Dirk.“

 
 
 

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