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„Ich hatte immer glattes Eis“

Wie die Entscheidung im Roloef-Thijs-Pokal gefallen ist.


Das Fahrerlager ist schon halb leer, als Sebastian Reitsma mit seinem Pokal zurück in seinen Verschlag gestapft kommt. Der Niederländer hält stolz seine Trophäe in die Höhe: Zum zweiten Mal in Folge hat er gerade den Roloef-Thijs-Pokal gewonnen.


Die Entscheidung läuft nach diversen Verwicklungen und Stürzen auf einen Handlungsstrang zu, der an eine Zeitreise erinnert: Wie im Vorjahr, sind Reitsma und Melvin Björk am Ende die einzigen realistischen Sieganwärter. Und wie 2025, gewinnt der 19-Jährige aus der Nähe von Leeuwarden den prestigeträchtigen Titel – während Björklin stürzt.


Doch der entscheidende Heat und der ganze Abend sind nur vermeintlich ein Spiegelbild des Vorjahres. Denn während Reitsma stur seine ganz eigene Linie fährt, orientiert sich der Schwede über alle Läufe hinweg auf eine andere Fahrspur – als Reitsma, aber auch als er selbst im Vorjahr.


Reitsma kommt mit einem beinahe unveränderten Motorrad in die Thialf-Eishalle. „Wir haben nach Inzell nur eine andere Düse eingebaut, sonst nichts an der Maschine angefasst“, berichtet er. „Auch während des ganzen Rennabends nicht.“


Björklin hingegen vertraut nach einer verkorksten Saison in Schweden auf eine andere Technik. „Das Motorrad ist immer noch die frühere Maschine von Luca Bauer. Aber ich habe über den Sommer Einiges an der Technik verändert – und nichts davon hat funktioniert. Wir haben es mit einem anderen Vergaser probiert – aber den nie zum Laufen gebracht. Dann kamen die Resultate nicht, und irgendwann wird man verunsichert und verrennt sich“, verrät er. „Ab dem Nordischen Finale habe ich dann einen neuen Motor von Joachim Kugelmann bekommen – und mit dem lief es dann auf Anhieb besser.“


Niemand fährt derzeit derart konsequent und präzise so weit innen wie Sebastian Reitsma. Foto: FIM
Niemand fährt derzeit derart konsequent und präzise so weit innen wie Sebastian Reitsma. Foto: FIM

Beim Finale der Nordischen Meisterschaft ist Björklin aber gestürzt und hat sich eine üble Gehirnerschütterung zugezogen, die ihm eine kurze Zwangspause aufgenötigt hat. In Heerenveen ist er erstmals wieder voll auf der Höhe – und der Kugelmann-Motor weiterhin im Bauer’schen Rahmen.


Allerdings fährt er schon ab seinem ersten Einsatz weiter in der Mitte als im vergangenen Jahr – während Reitsma mit Formel 1-mäßiger Präzision Runde um Runde nur weniger als einen Zentimeter am Innenstrich entlang kratzt. „Ich habe gewusst, dass nur ich diese Linie fahren kann“, rapportiert Reitsma hinterher. „Ich bin nun Mal so ein Innentyp – das liegt mir am besten. Auch wenn man dafür ziemlich viel Kraft braucht, um die Maschine dort halten zu können.“


Die Taktik geht auf: „Ich hatte den ganzen Abend immer über glattes Eis“, weil alle anderen weiter außen gefahren sind. Und dort warf die Bahn schon früh ziemliche Rillen. Die umschiffte Reitsma ganz innen – während Björklin sich in die Rillen wagte und sich sein Motorrad dort immer wieder aufbäumte. „Ich habe im Training auch versucht, ganz innen zu fahren“, gesteht er. „Aber dort habe ich mich nicht so wohl gefühlt wie etwas weiter draußen.“


Das Tempo von Reitsma kann keiner halten. Selbst wenn der Niederländer längst nicht alle Starts gewinnt, so zieht er doch immer wieder innen an den Rivalen vorbei. Unwiderstehlich – und unheimlich mitreißend.


Der Abend läuft auf einen Dreikampf zwischen Reitsma, Björklin und Arttu Lehtinen aus Finnland hinaus. Lehtinen zeigt sich draufgängerisch und versatil bei der Linienwahl, hat aber auf dem brüchigen Eis immer wieder Wackler, Hakler und Aufsteiger drin. Fast alle kann er abfangen. Nur den letzten nicht: Im Finale wirft ihn seine Maschine brüsk ab, Lehtinen muss bis in die Nacht hinein in der Obhut der Rennärzte bleiben.


Im Wiederholungslauf würgt zunächst Paul Cooper seinen Motor ab. Dann schnappt sich Reitsma in der ersten Kurve Björklin. Der versucht, Anschluss zu halten – stürzt dabei aber in der vorletzten Runde auch noch. „Wie der Sturz passiert ist“, knirscht er, „weiß ich schon gar nicht mehr. Ich bin einfach runtergefallen.“

Reitsma geht verwaist durchs Ziel – wo schon kurz vor Schluss eine Woge der Begeisterung über dem Niederländer zusammenschwappt.


In der Ruhe des sich leerenden Fahrerlagers kommt Fedde de Boer vom Chassisbauer Tibo zur Aufwartung vorbei – und lobt seinen Kunden: „Er ist so jung – und dabei doch schon so unglaublich reif. Er sieht einfach alles und macht dann alles richtig.“

 
 
 

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