Lambert und die wilden Männer
- Norbert Ockenga
- vor 3 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Robert Lambert ist in der Britischen Meisterschaft überlegen. Doch die wahren Geschichten von Manchester schreiben Andere.
Robert Lambert hat viel zu knabbern. Beim Finale der Britischen Speedwaymeisterschaft in Manchester fühlt er sich gleich an zwei Fronten an Zeiten erinnert, die ihm schwer zugesetzt haben – und die noch gar nicht so lange her sind. Einige Gedanken schweifen in den Winter, andere sogar nur bis zum Grand Prix in Schweden. Sie kreisen um seine Eltern – und um das Rennformat.
Denn: Seine Eltern sehen als Gäste, wie Robert Lambert in absolut dominanter Manier die ersten fünf Heats gewinnt. Das allein ist schon nicht selbstverständlich: Nach der Hochzeit im Herbst herrschte zwischen beiden Generationen zunächst Funkstille, weil die englischen Eltern nicht akzeptieren mochten, dass der Sohn sein Leben nunmehr vollständig nach Polen verlegt.
Die Eiszeit ist vorbei, und seitdem blüht Lambert auch auf der Bahn wieder auf. Nur hinter vorgehaltener Hand hat er gestanden, wie sehr ihn das familiäre Hin und Her zermürbt hat. Jetzt, wo alle Gewitterwolken verzogen sind, kann Lambert sein volles Potenzial wieder abrufen.
Doch selbst die Anwesenheit der Eltern und das Maximum in den Vorläufen beruhigen an diesem Abend in Manchester seine Nerven nicht. „Wenn du alle fünf Läufe gewinnst und es dann auf den Finaldurchgang hinausläuft, kannst du ihn trotzdem verlieren. Das haben wir in Målilla gesehen“, sagt er später.
Diesmal passiert ihm das nicht. Lambert macht aus einem perfekten Vorlaufabend einen perfekten Abschluss. Er wird zum dritten Mal Britischer Meister – 2018, 2025 und jetzt 2026. Und er verteidigt seinen Titel. Aber die Geschichte dieses Abends ist größer als die Zahl auf seinem Pokal.
Sie beginnt mit einem 16-Jährigen, der sich in seinem ersten British Final plötzlich bis in den letzten Lauf des Abends hineinfährt. Und sie endet mit einem 38-Jährigen, der nach Monaten voller Verletzungspech, persönlichen Schicksalsschlägen und einer praktisch verlorenen Saison plötzlich wieder ganz oben auf dem Podium steht.
Robert Lambert ist im Moment der beste Fahrer der Welt – Charles Wright
Dazwischen liegt ein Finale, das wesentlich taktischer verläuft, als es die nackten Ergebnisse vermuten lassen.
Lambert macht gleich im ersten Lauf klar, dass er nicht gekommen ist, um sich den Titel irgendwie zu erzittern.
Heat 1: Lambert gewinnt vor Cooper Rushen, Anders Rowe und Ace Pijper – in 61,12 Sekunden. Rushen hängt sich dabei zunächst an den späteren Champion. Der 16-Jährige fährt in seinem ersten Erwachsenen-Britenfinale nicht auf Ehrfurcht. Er fährt Rennen.
Dann beginnt Lambert, seinen Abend systematisch aufzubauen. Heat 8: wieder drei Punkte. Heat 12: wieder drei. Heat 16: wieder drei. Und Heat 20 wird schließlich zum Vorlaufendspiel mit Adam Ellis, Charles Wright und Leon Flint neben ihm.
Wieder gewinnt Lambert. „Heute ist einer dieser Tage, an denen du gewinnen musst“, sagt er. „Ich bin hergekommen und jeder dachte, ich hätte schon gewonnen, bevor ich überhaupt ein Rad bewegt habe.“
Genau darin steckt seine eigentliche Leistung. Nicht im Maximum allein. Sondern darin, dass er sich von der Erwartung nicht auffressen lässt. „Die anderen sind alle hinter dem ersten Platz her. Und ich kann beim Setup Fehler machen. Dadurch kann so ein Meeting manchmal schwieriger sein als ein Grand Prix.“
Während Lambert vorne sein eigenes Programm abspult, entsteht hinter ihm die zweite Geschichte des Abends. Cooper Rushen fährt nicht einfach nur ordentlich. Er qualifiziert sich. Der frischgebackene Britische U21-Meister kommt zunächst auf 2, 2, 3, 1, 2 – zehn Punkte. Das reicht für den Einzug ins Halbfinale. Dort trifft er auf Leon Flint, Dan Thompson und Anders Rowe.
Und gewinnt.
Damit steht dieser 16-Jährige tatsächlich im letzten Lauf des britischen Finales.
Schon vor dem Finale hatte er gesagt, er wolle die Sache vor allem als Lernkurve begreifen. „Es ist ziemlich verrückt und ich hatte das ehrlich gesagt nicht erwartet. Es ist ein großartiges Rennen, und ich werde einfach die Erfahrung genießen.“

Jetzt ist aus der Erfahrung plötzlich ein Finale geworden. Neben ihm stehen Lambert, Wright und Flint – drei Fahrer mit zusammen fünf britischen Meistertiteln.
Für Lambert wird die letzte Entscheidung schon getroffen, bevor das Band hochgeht. Er hat nach seinem Maximum erste Wahl des Startplatzes. Das klingt nach einem Vorteil. Lambert empfindet es eher als Falle. „Manchmal ist es gefährlich, als Erster wählen zu dürfen“, sagt er. „Es ist schwer zu wissen, was du nehmen sollst.“
Die Bahn verändert sich im Laufe des Abends. Früh funktionieren bestimmte Startplätze, später kommt Gate 2 besser. Lambert hat deshalb keine mathematische Lösung, sondern muss sich festlegen. Er entscheidet sich für Gate 4. „Ich musste einfach daran glauben, dass ich es schaffen kann.“
Und genau das tut er. Lambert kommt gut aus dem Start. Aber er gewinnt den Lauf nicht einfach vom Band weg. Leon Flint ist der Mann, der zunächst am längsten im Gefecht bleibt. Flint erwischt den Start gut und versucht, die Linie zu halten. Lambert bleibt außen, lässt die Maschine laufen und arbeitet sich nach vorne. Auf der Gegengeraden der ersten Runde kommt der entscheidende Moment. Lambert geht an Flint vorbei. Danach kann er sich absetzen.
Der Champion beschreibt den entscheidenden Augenblick später selbst ziemlich bildhaft: Er sei praktisch auf gleicher Höhe in die erste Kurve gekommen, hätte die Maschine in den Dreck geschickt, versucht, den Schwung aus der Kurve mitzunehmen – und genau das hätte funktioniert.
In 61,37 Sekunden – der schnellsten Zeit des gesamten Finals. Lambert ist durch.
Hinter ihm beginnt aber erst der Kampf um die übrigen Plätze. Charles Wright fährt an diesem Abend nicht nur um eine Medaille. Er fährt um seine Rückkehr in den Grand Prix. Der 38-Jährige hat ein Jahr zum Vergessen hinter sich. Eine schwere Schulterverletzung setzt ihn monatelang außer Gefecht. Seit März ist er weitgehend nicht auf dem Motorrad. Dazu kommt der Tod seines Vaters Martin im Mai.
Und jetzt steht Wright im wichtigsten Lauf der britischen Saison. Er weiß genau, dass Platz 2 reicht. Denn der Zweite bekommt die Wildcard für den britischen Grand Prix 2027. „Ich wusste, dass ich im Finale mindestens Zweiter werden musste, um die Wildcard zu bekommen“, erklärt Wright.
Das verändert seinen letzten Lauf. Lambert ist weg. Flint ist das Ziel. Wright wartet nicht lange. Er geht innen an Flint vorbei und schiebt sich auf Platz zwei. Damit ist seine Mission erledigt: „Es ist großartig. Es war persönlich ein hartes Jahr und auch wegen der Verletzung. Ich bin einfach richtig glücklich – wirklich richtig glücklich.“
Dann sagt er den bemerkenswertesten Satz des ganzen Abends: „Robert Lambert ist Weltklasse. Im Moment ist er wahrscheinlich der beste Fahrer der Welt, wenn man sich anschaut, wie er fährt.“
Leon Flint fährt derweil sein bislang bestes British Final. Das Entscheidende daran ist weniger die Bronzemedaille als die Art, wie er sie erreicht. Nach drei Läufen steht Flint bei neun Punkten. Drei Siege. Er sieht aus wie ein Kandidat für ganz oben. Dann aber kommen nur noch ein Punkt und ein Nuller. Aus der perfekten Ausgangslage wird ein Zittern um den Einzug in die Entscheidung. Doch Flint kommt zurück. Im Halbfinale wird er Zweiter hinter Rushen und steht damit im Finale.
Dort reicht es gegen Lambert und Wright nicht ganz. Aber Platz drei ist trotzdem der größte Erfolg seiner bisherigen British-Final-Karriere. „Alle sagen, dass ich in den vergangenen zwei Jahren einen ordentlichen Schritt gemacht habe. Jeder fragt mich, was ich verändert habe. Ehrlich gesagt: nichts.“ Der Unterschied liege woanders. „Ich habe jetzt eine großartige Gruppe von Sponsoren im Rücken. Ich fahre nicht mehr Rennen, um Rechnungen und irgendwelche Sachen bezahlen zu können. Ich bin nur noch hier, um Motorrad zu fahren.“
Diese geänderte Grundvoraussetzung hätte seine ganze Psyche verändert: „In den vergangenen Jahren hatte ich manchmal das Gefühl, nur mitzufahren. Jetzt habe ich das Gefühl: Ich komme hierher, um Rennen zu fahren. Ich komme hierher, um zu gewinnen.“
Und dann ist da noch Rushen. Er steht im letzten Lauf und ist damit bereits der eigentliche Überraschungsfahrer des Abends. Sein Weg dorthin sei sauber dokumentiert: Heat 1: 2 Punkte. Heat 6: 2. Heat 10: 3. Heat 14: 1. Heat 18: 2. Zehn Punkte also. Dann das Halbfinale: Sieg. Dann das Finale – Vierter.
Der 16-Jährige kommt damit in seinem ersten „British Final“ weiter als etliche etablierte Namen. Die offizielle Bilanz nennt seine Leistung „sensational“. Er gewinnt den Halbfinallauf gegen Flint, Thompson und Rowe. Das ist eine Ansage.
Seine Entwicklung hatte sich bereits mit dem Britischen U21-Titel angekündigt. Jetzt setzt er sie gegen die komplette britische Spitze fort. Aus der Lernkurve wird plötzlich eine Karrierekurve.
Für Lambert ist der Titel deshalb wertvoller, als es sein dritter Pokal zunächst vermuten lässt. Denn Lambert erlebt in Manchester jene Situation, die einem Fahrer im Grand Prix jederzeit passieren kann: Alle erwarten den Sieg. Jeder Gegner weiß, dass er den Favoriten schlagen muss. Ein kleiner Fehler im Setup, ein schlechter Start, eine falsche Entscheidung – und fünf gewonnene Vorläufe sind plötzlich wertlos. „Es ist gut, in dieser Position zu sein und zu wissen, wie man mit so einer Umgebung umgeht. Das wird mir später in den Grands Prix helfen“, sagt Lambert. „Zwei Titel in Folge zu gewinnen und meinen Namen zum dritten Mal auf die Trophäe zu bekommen – das ist ein großartiges Gefühl.“
Lambert gewinnt den Titel. Wright gelingt die Rückkehr. Flint erlangt die Gewissheit, dass er inzwischen zu den Leuten gehört, die um große Siege kämpfen. Und Rushen gewinnt etwas, das sich noch gar nicht in einer Medaille ausdrücken lässt: die Gewissheit, dass er bei den Großen nicht nur dabei ist. Er gehört schon zu ihnen.
Lambert bringt es am Ende auf den Punkt: „Es ist unglaublich. Meine Eltern und Freunde waren hier. Die britischen Fans unterstützen mich immer so sehr. Ihre Reaktion zu hören, war etwas ganz Besonderes.“
Für die britische Szene ist aber die vierte Geschichte diejenige, über die man in einigen Jahren am längsten spricht: Cooper Rushen ist 16. Und er steht schon im Finale.



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