Noch’n Sieg für den Vielfahrer
- Norbert Ockenga
- vor 6 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
James Shanes fährt in seinem Comebackjahr so oft es geht, um wieder in Schuss zu kommen – so auch am Sonnabend in Werlte. Am Sonntag vorm Allstar-Game im Emsland ging er noch in Sussex an den Start.
Noch bevor die ersten Motoren zum Leben erwachen, liegt eine feine Staubschicht über der Grasbahn von Shipley. Die Sonne brennt bereits am frühen Vormittag erbarmungslos auf das Oval in den South Downs. Es ist einer jener Sommertage, an denen selbst das Gras seine Farbe verliert. Jeder Schritt wirbelt trockene Erde auf, jeder Windstoß trägt den Staub über Fahrerlager und Zuschauerwälle.
Wer an diesem Sonntag das GTSA Sussex Super gewinnen will, muss nicht nur seine Gegner schlagen – sondern vor allem die Bedingungen.
Schon im Training wird deutlich, dass dieser Renntag kein gewöhnlicher werden würde. Die GTSA-Offiziellen beobachten die Strecke aufmerksam. Wasserwagen sind ununterbrochen unterwegs, um die Ideallinie feucht zu halten. Kaum ist ein Abschnitt bewässert, trocknet ihn die gleißende Julisonne wieder aus.
Die Organisatoren stehen vor einem Dilemma: Wird zu wenig gewässert, verschwindet die Strecke in Staubwolken. Wird zu viel Wasser aufgebracht, drohen rutschige Passagen. Ein schmaler Grat, auf dem sich der gesamte Renntag bewegen wird.
Die Entscheidung fällt früh – und sie ist ungewöhnlich. Aus Sicherheitsgründen wird das Rennprogramm gekürzt. Statt des gewohnten Formats erhalten die Soloklassen lediglich zwei Vorläufe, bevor das Finale gestartet wird. Niemand diskutiert ernsthaft darüber. Wer an diesem Tag in Shipley unterwegs ist, erkennt sofort, warum diese Maßnahme notwendig ist. Hinter jedem Motorrad steigt eine dichte Staubfahne auf, die den nachfolgenden Fahrern zeitweise nahezu jede Sicht nimmt.
Gerade auf einer schnellen Grasbahn ist Sicht jedoch oft der entscheidende Sicherheitsfaktor. Wer den Vordermann nicht mehr erkennen kann, fährt im wahrsten Sinne des Wortes ins Ungewisse.
Während viele Fahrer sich zunächst mühsam einen dabei abbrechen, sich an die heiklen Verhältnisse anzupassen, scheint einer mit ihnen überhaupt keine Probleme zu haben: James Shanes.

Der mehrfache British Masters-Champion und zweimalige Grasbahneuropameister wirkt an diesem Tag beinahe unantastbar. Schon in den Vorläufen fährt er mit ungewöhnlicher Ruhe. Keine unnötigen Risiken, keine spektakulären Manöver – stattdessen perfekte Starts, saubere Linien und eine beeindruckende Maschinenkontrolle. Während andere Fahrer nach Grip suchen oder mit der eingeschränkten Sicht kämpfen, wirkt Shanes, als hätte er die Bedingungen längst akzeptiert und sich ihnen angepasst.
Das Finale bestätigt diesen Eindruck.
Als das Startband hochschnellt, bringt Shanes seine 500er nahezu perfekt auf Zug. Bereits nach wenigen Metern übernimmt er die Führung. Hinter ihm versuchen Mickie Simpson und Cameron Taylor den Anschluss zu halten, doch jeder Angriff endet in der aufgewirbelten Staubwolke des Spitzenreiters. Wer einmal einige Meter zurückliegt, verliert in den braunen Schleiern wertvolle Sicht – und damit auch die Möglichkeit, eine andere Linie zu wählen oder den entscheidenden Angriff vorzubereiten.
So entwickelt sich das Rennen weniger zu einem spektakulären Schlagabtausch als zu einer Demonstration fahrerischer Präzision.
Während Shanes an der Spitze Runde um Runde kontrolliert abspult, liefern sich dahinter Simpson und Taylor einen intensiven Kampf um die verbleibenden Podestplätze. Simpson behält schließlich die Oberhand und wird Zweiter. Cameron Taylor krönt seinen ohnehin erfolgreichen Tag mit Rang drei, nachdem er zuvor bereits die South Eastern Centre Championship der 350-ccm-Klasse gewonnen hatte.
Will Thurlby erreicht Rang vier vor Jake Breeze. Dahinter komplettieren Mark Headling, Luke Tuck und Dan Miller das Finale. Jordan Derrick und Dan Simmons sammeln in den Vorläufen wichtige Meisterschaftspunkte, verpassen jedoch den ganz großen Wurf.
Dass James Shanes den Siegerpokal entgegennehmen darf, überrascht im Fahrerlager kaum jemanden. Vielmehr bestätigt das Rennen, warum der Engländer seit Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten des britischen Grasbahnsports gehört. Seine Stärke liegt nicht allein in seiner Geschwindigkeit. Es ist vor allem seine Fähigkeit, Rennen zu lesen, Bedingungen einzuschätzen und Fehler konsequent zu vermeiden. Eigenschaften, die an einem Tag wie diesem mehr zählen als pure Motorleistung.
Dabei endet seine Arbeit noch lange nicht mit dem Erfolg. Später gewinnt Shanes auch das Finale der Unlimited-Solos und sichert sich damit zusätzlich die traditionsreiche E.W.-Preece-Memorial-Trophy. Zwei Finals, zwei Siege – ein perfekter Renntag.
Bemerkenswert bleibt jedoch nicht nur die Leistung des Siegers, sondern vor allem die des Veranstalters.
Die GTSA stand während des gesamten Tages unter erheblichem Druck. Immer wieder rückten Helfer mit Wasserwagen aus, kontrollierten den Zustand der Bahn und passten den Zeitplan an. Statt starr am ursprünglichen Ablauf festzuhalten, entschieden sich die Verantwortlichen bewusst für Flexibilität. Das verkürzte Programm sorgte zwar dafür, dass die Fahrer weniger Rennkilometer absolvieren konnten, reduzierte aber zugleich das Sicherheitsrisiko erheblich.
Videos aus dem Fahrerlager und Onboard-Aufnahmen zeigen eindrucksvoll, wie außergewöhnlich die Bedingungen tatsächlich waren. Schon wenige Sekunden nach dem Start verschlucken dichte Staubwolken die Motorräder beinahe vollständig. Für Zuschauer mögen diese Bilder spektakulär wirken. Für die Fahrer bedeuteten sie höchste Konzentration und permanentes Vertrauen in das eigene Gefühl für Maschine und Strecke.
So bleibt das Sussex Super 2026 nicht als Rennen der spektakulären Überholmanöver in Erinnerung, sondern als Veranstaltung, bei der Erfahrung, Anpassungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein den Unterschied machten. Und als jener Sommertag, an dem die größte Herausforderung nicht der Gegner auf der Nachbarbahn war, sondern die Natur selbst.
Mitten in dieser flimmernden Hitze setzte James Shanes schließlich das deutlichste Ausrufezeichen des Tages. Während Staub und Sonne alle an ihre Grenzen brachten, blieb einer unbeirrt auf Kurs – und verließ Shipley mit zwei Pokalen und einer weiteren eindrucksvollen Demonstration seiner Klasse.
Am Samstag wird Shanes beim Grasbahnklassiker in Werlte im Emsland an den Start gehen – als einer von vielen Topstars in der I-Soloklasse, die eigentlich nur das Rahmenprogramm für den EM-Challenger der Seitenwagen bildet, aber derart stark besetzt ist, dass sie ohne Weiteres als Hauptrennen durchgehen könnte.



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