top of page

Ostfriesland sucht den Superstar

Der plötzliche Rücktritt von Ben Iken hat auch für den MC Norden weitreichende Folgen.


Lars Skupień schaut sich suchend um. „Hast Du einen Edding?“ Dabei ist der Blondschopf im Fahrerlager vom Motodrom Halbemond umringt von einer ganzen Kinderschar. Das Rennen um den Störtebeker-Superpokal ist zwar schon lange aus. Doch bei Skupień und seiner Boxennachbarin Celina Liebmann herrscht immer noch ein Riesenandrang. Beide ragen aus je einem Knäuel Kinder heraus.


Den ganzen Nachmittag schon toben Kinder durchs Fahrerlager. „Kennst Du“, erkundigt sich einer der Jungs, „den Fahrer Julius Ruschmeier?“ Als die Frage bejaht wird, stapft er stolz wie Bolle zum Imbiss am Vereinsheim. Denn genau dort holt sein Freund Ruschmeier gerade seine Rennwurst.


Die auffällig hohe Anzahl von Kindern, die am Pfingstsonntag im Riesenstadion an der Nordsee waren, verteilt sich maßgeblich auf zwei Schulklassen. „Wir haben Julius vorher angeboten: ‚Wir laden die ganze Klasse ein, dann kannst Du denen Mal zeigen, was Du machst – und kannst. Die Hälfte seiner Schulklasse war auch da.“ Ein ganz ähnliches Muster hat Meik Lüders, der Macher von Halbemond, auch mit den Schulkameraden von 50-Kubikjunior Herko Habben gefahren: „Auch dessen Mitschülern haben wir Freikarten angeboten Von Herko war fast die ganze Klasse inklusive der Lehrer hier.“


Habben macht am Ende in der Schnapsglasklasse den vierten Platz. Die Strahlkraft der beiden Schulkinder im Sattel ist ein Beweis dafür, wie wichtig regionale Identifikationsfiguren sind. Der zweite: Ben Iken. Der Marienhafer ist neben Lars Skupień, dem Westfalen aus der Nähe von Unna, als großer Favorit in den Pfingsklassiker gegangen. Und dass ein regionaler Fahrer Siegchancen hat – das hat immerhin 4.800 Zuschauer ins Motodrom gelockt. Zu einem Rennen ohne internationale Spitzenfahrer; auch die absolute deutsche Spitze ist nicht am Start.


Fast die ganze Klasse und die Lehrer von Herko Habben waren da. – Meik Lüders

Damit ist das Pfingstrennen nicht nur erfolgreicher als die meisten anderen offenen Speedwayrennen und sogar die Bundesligapartien. Und man muss diese Zahl auch übergreifend in Relation setzen. Es gibt in der Region Ostfriesland zwei weitere sportliche Großmächte, die auf vergleichsweise hohem Niveau Zuschauer anziehen: Die Fußballer von Kickers Emden in der Regionalliga Nord und die Handballer des OHV Aurich, die schon Mal in der Zweiten Bundesliga standen, aber regelmäßig in die Insolvenz müssen und nun wieder in der Dritten Liga Staffel Nordwest spielen. „Zu Kickers Emden kommen im Schnitt 2.400 Zuschauer pro Heimspiel“, weiß Wolf-Rüdiger Saathoff, bei der dortigen größten Lokalzeitung „Ostfriesische Nachrichten“ Sportredakteur. „Und beim OHV sind das ein bisschen weniger; das dürften im Schnitt 1.400 bis 1.500 Zuschauer sein.“


Damit ist das Speedwayrennen in Halbemond vor den Toren der Küstenstadt Norden klar das größte Sportereignis in ganz Ostfriesland.


Meik Lüders erklärt Herko Habben das Driftfesthalten. Foto: Archiv Tina Habben
Meik Lüders erklärt Herko Habben das Driftfesthalten. Foto: Archiv Tina Habben

Der Andrang zu Pfingsten ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit Corona nur eine Richtung kennt: Von Jahr zu Jahr kommen mehr Zuschauer. Dieses Jahr feierte eine Partei gar ihren Junggesellinnenabschied in jenem Stadion, in dem Egon Müller 1983 Weltmeister wurde. Und seit ein Radweg an der K203, die direkt an der Arena entlang führt, fertiggestellt wurde, parken erstaunlich viele Räder am Stadion.


Radeln ist in Ostfriesland ohnehin beliebt. Und für den Renntag im Motodrom lohnt es sich doppelt. Denn die Verkaufsbuden bieten auch jenes Mixgetränk an, das früher in den Discos wie „Dieling“ in Aurich über das „Allotria“ bis zum legendären „Meta“ in Norddeich Kult war: Charly. Also Korn mit Cola im reinhauenden Gemisch 1,5 zu 2. Und zwar zu vernünftigen Preisen.


Auch das gilt es zu differenzieren: Die Veranstaltung ist keineswegs zu einem It-Event für Partyfreudige verkommen. Der weit überwiegende Teil der Zuschauer interessiert sich für den Sport. Im Gegensatz zu anderen Motorsportveranstaltungen: Beim 24-Stundenrennen auf dem Nürburgring etwa ist der Charakter der Veranstaltung längst gekippt, hin zu Vatertagstourern, die den Motorsport nur als Ausrede für einen auf vier Tage ausgedehnten Trinkausflug nutzen und die echte Racer in der Eifel in die Minderheit verdrängt haben.


Die Stimmung nach dem Sieg von Ben Iken im Sechserfinale am Pfingstsonntag beweist genau das: Es geht dem Gros der Fans nicht ums Feiern oder ein reines Spektakel wie etwa den Formel E-Besuchern von Berlin – sondern um einen konkreten regionalen Bezug zu einem Sportler, mit dem sie mitfiebern können.


Iken hat diese Rolle bis zu seinem überraschenden Rückzug perfekt ausgefüllt. Er stand allen Medien in der Vorberichterstattung Rede und Antwort. Vor allem „Radio Ostfriesland“ aus Leer hatte ihn regelmäßig als Studiogast, der „Ostfriesische Kurier“ aus Norden berichtete in seitenlangen Geschichten über seinen Saisonstart und Hintergrundthemen. Iken hat sich medial besser verkauft als alle deutschen Fahrer, in der DM oder international vor ihm waren. Auch sein Auftreten und seine Infrastruktur sowie sein Umgang mit Sponsoren und Werbepartnern war besser.


Doch nun hat der Marienhafer Lokalmatador aufgehört. Und die Lücke, die er reißt, tut auch dem MC Norden weh.


Die Geschichte des Traditionsvereins zeigt: Regionaler Bezug und damit einhergehende offensive lokalkoloristische Pressearbeit haben schon immer Zuschauer gezogen. Franz Arens, der Strippenzieher und Visionär hinter dem Riesenstadion auf dem platten Land an der Küste, hat schon vor mehr als 40 Jahren Jupp Kroner – den Vater von Tobias – und den Werlter Jan Käter kurzerhand für seine Öffentlichkeitsarbeit eingebürgert, obwohl beide aus dem benachbarten Emsland stammen, nicht aus Ostfriesland. Und als der MC Norden in den Neunzigern sowohl die Bundes- als auch die übergeordnete Superliga beschickt hat, da hat Arens fein darauf geachtet, beide Teams mit regionalen Fahrern zu bestücken.


Die Gebrüder Ralf und Michael Strack hat er auf beide Ligen verteilt. Sie stammen aus Westoverledingen im Landkreis Leer. Jörg Jansen fuhr in der Bundesliga, er ist der Onkel von Ben Iken und wohnt in Osteel, direkt an der Bundesstraße zwischen Georgsheil und Norden, von der aus die K203 zum Stadion abgeht. Und für die Superliga hat Arens Carsten Zywczock bekniend reaktiviert. Dessen Eltern betrieben damals in Tannenhausen, vor den Toren Aurichs, ein Antiquitätengeschäft.


Die klare Ostfriesland-Achse ging Hand in Hand mit internationalen Stars im echten Exotenstatus, vor allem Australier. Die sollten die Ligamannschaften nicht nur sportlich tragen, sondern auch internationales Flair ins Ostfriesland der Neunziger bringen, das oft recht piefig war. Craig Boyce, Shane Parker und Jason Lyons, aber auch US-Weltmeister Sam Ermolenko gehörten zum Superligakader, der weiland noch gar sehr junge Ryan Sullivan in seiner ersten Europasaison zum Bundesligaaufgebot.


Durch eine geschickte Pressearbeit hat der MC Norden all’ diese Fahrer regelmäßig in allen Lokalmedien gehalten, auch die ausländischen Klubfahrer – und so ein dauerhaft schwelendes Interesse geschaffen, das schon in den Neunzigern bis zu 4.000 Zuschauer zu den Ligarennen zu Ostern und Pfingsten lockte.


Auch andere Vereine nutzen den Lokalkolorit, allen voran der MSC Cloppenburg, der in Lukas Fienhage, den Gebüdern Jonny und Carl Wynant und nun auch Toptalent Levi Fittkau ähnlich erfolgreich auf Eigengewächse setzt. Es fällt auf: Überall, wo dieses Prinzip funktioniert, wirkt es auch gleichzeitig jener Überalterung beim Publikum entgegen, das andernorts den Bahnsport kennzeichnet. In Cloppenburg, Dohren oder Norden sind auffällig viele junge Leute, darunter viele Mädchen und junge Frauen, auf den Rängen.


Ben Iken hat für den MC Norden den nächsten Schritt geschafft.


Darum ist sein Hopplahopprücktritt für den Traditionsverein auch so tragisch. Der MC Norden braucht dringend eine neue Identifikationsfigur, um die Vormachtstellung bei Sportveranstaltungen in Ostfriesland halten zu können. Denn anders als Kickers Emden oder der OHV Aurich, finanziert sich der MCN nicht zum Großteil über Sponsoren – sondern nur zum Teil.


Deswegen sucht Ostfriesland den nächsten Superstar. Ist es Julius Ruschmeier aus Osteel, der schon 125 Kubik fährt? Oder Herko Habben? Oder doch Elyas Dirksen aus Emden, der in Sönke Petersen einen prominenten Trainer hat, aber bislang eher beim MSC Moorwinkelsdamm angedockt ist?

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page