Wackelt Weber?
- Norbert Ockenga
- vor 4 Stunden
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Warum Hans Weber seinen Einsatz bei der Team-WM plötzlich hinterfragt und was das fürs Team Deutschland bedeutet.
Plötzlich plagen ihn Bedenken. „Das muss ich mir noch überlegen“, sagt Hans Weber zu seinem an sich als sicher angenommenen Einsatz bei der Team-WM in Heerenveen. „Das kommt auf die Rahmenbedingungen an.“
Weber gilt zusammen mit Max Niedermaier eigentlich als fixes Gespann für die im Paarmodus ausgetragene WM, bislang schien nur die Rolle des Ersatzfahrers noch offen. Gerät jetzt das ganze Konstrukt ins Wanken?
Der Eishans nimmt Anstoß an zwei Dingen: einer neuen Helmregel vom Veranstalter, dem Motorradweltverband FIM – und einer zusätzlichen Lizenz, die man nur fürs Eisspeedway der Nationen lösen soll, natürlich gegen Überweisung.
Der Hintergrund: In der WM muss man Helme fahren, die bei der FIM offiziell homologiert worden sind. Da dieser Zulassungsprozess teuer ist, steigen auch die Preise für die Kopfschütze. Und bisher verwendete knitterfreie Hüte dürfen bei WM-Prädikatsläufen nicht mehr benutzt werden. Deswegen musste sich Weber für die WM-Qualifikation in Örnsköldsvik sogar einen Helm von Niclas Svensson leihen, um überhaupt in Schweden fahren zu müssen. „Dabei habe ich genügend Helme, sogar noch neue. Und ich fahre ohnehin nur hochwertige Helme.“
Ich bin sehr nationalstolz. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. – Hans Weber
Weber meint: „Das ist für mich eine reine Geldmacherei. Ich finde das eine Frechheit. Es ist ein Witz mit Anlauf.“ Vor allem setz er die Investition in Relation zur passiven Sicherheit im Thialf-Eisstadion: „Helm ist restlos überteuert. Auf der anderen Seite wird von uns Fahrern seit Jahren wegen der Streckenbegrenzung in Holland angemerkt, dass die Ballen dort zu hart sind.“ Denn die bestehen aus gepresste Sägespänen – in Inzell dagegen aus Stahlwolle, in die man viel weicher hineinfällt.
Über Heerenveen weiß Weber: „Da detonierst du rein wie in eine Betonmauer. Man tut da rum, dass sich die Jungs neue Helme organisieren sollen – aber tut nichts an der Bahn an sich.“ Und genau da ist der Eishans ein gebranntes Kind: 2019 hat er sich im Thialf den vierten Halswirbel gebrochen, 2022 wurde er mit Gehirnerschütterung Vizeweltmeister, obwohl er danach wie ein Zombie durchs Fahrerlager irrte und bis heute an weite Teile des Renntages keine Erinnerungen mehr hat. Und im vergangenen Jahr zerfetzte ein Sturz von Martin Posch, für den Weber als Mechaniker dabei war, einen Zapfen im Lenkerkopf, der für Belastungen von bis zu drei Tonnen ausgelegt ist.

Weber überlegt sich nun eine Risikoabwägung. „Weil mir das Sicherheitsrisiko in Holland zu hoch ist. Wenn ich mir da einen Tag Gefahr sparen kann, tue ich das“, betont er – sagt aber auch: „Es geht mir ums Prinzip. Ich bin ein Prinzipmensch.“
Klingt kryptisch, ist aber vor allem eines: hin- und hergerissen. „Ich würde schon starten, ich würde es mir aber auch gern sparen. Das kommt drauf an, wer die Team-WM fahren könnte. Ich will keinen hängenlassen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir andere Jungs haben, die auch die Team-WM fahren könnten.“
Das würde realistischer Weise bedeuten: An die Seite von Max Niedermaier müsste dessen gleichnamiger Vetter oder Christoph Kirchner rücken. Doch der bisherige Saisonverlauf zeigt: Weber ist nicht nur schneller als die beiden Nachrücker, die zusammen mit Franz Mayerbüchler noch um die Planstelle des Ersatzfahrers buhlen – sondern auch als Max Niedermaier d.Ä.
Und: Niedermaier d.Ä. als typischer Außenfahrer würde sich mit Weber, der innen sowohl die Kurve kratzen als auch auf rauen Rillen fahren kann, optimal ergänzen. Das Duo könnte, wenn die Absprachen stimmen und man sich in den Kurven konsequent richtig gestaffelt auf der Bahn positioniert, perfekt als Paar fahren. Diese Sicherheit auf der Innenbahn und den Rillen fehlt den beiden Alternativen, aufgrund ihres Erfahrungsdefizits, noch.

Anhand des bisherigen Saisonverlaufs lässt sich hochrechnen: Wenn Weber/Niedermaier nominiert und richtig geführt werden, wenn sie als Paar harmonieren – dann können sie zu zweit raumgreifender agieren als das finnische Paar Heikki Huusko/Max Koivula, wo Huusko immer ein Reiter auf der Kanonenkugel ist. Dann wären wohl nur die Schweden außer Reichweite.
Andererseits muss Team Deutschland aufpassen, nicht von den Niederländern attackiert zu werden. Denn die Kombi aus Jasper Iwema/Sebastian Reitsma wird in Leon Kramer durch einen dritten Fahrer ergänzt, der aus den Oranjes ein extrem homogenes Team macht.
Ohne Weber sind die Niederländer an den Deutschen vorbei, die Deutschen könnten dann sogar den Tschechen anheim fallen und am Ende nur Fünfter werden. Mit Weber/Niedermaier ist dagegen von Silber bis Rang 4 realistisch alles möglich.
Weber wiegelt zwar ab, er komme aus einem Mannschaftssport, als ehemaliger Eishockeyspieler, und wisse, wie sehr sich eine gut als Einheit harmonierende Mannschaft aufbauen und -schaukeln könne; da sei auch mit den drei auf einer Wellenlänge schwingenden Niedermaier d.Ä., Kirchner und Niedermaier d.J. möglich.
Doch ein echtes Team kann auch mit Einzelcharakteren geformt werden, wenn die Führung stimmt. Bestes Beispiel: der FC Bayern rund um den ebenso wuschelköpfigen wie kantigen Paul Breitner.
Nüchtern betrachtet, gehört Weber zu den Zutaten des Rezepts für ein wiedererstarkendes Eisspeedway-Deutschland. Fährt er also? „Das muss ich mir noch überlegen. Das kommt auf die Rahmenbedingungen an. Wenn man sich zusammensetzt und sagt: ‚Wir machen wirklich ein Team‘ – dann wäre mir das auch das zusätzliche Risiko wert, das ich mir sonst sparen würde. Denn ich bin auch ein sehr nationalstolzer Mensch. Es würde mir viel bedeuten, für Deutschland zu fahren. Aber die Voraussetzungen müssen auch passen, sonst ist es die zusätzliche Gefahr in Heerenveen am Ende nicht wert.“



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