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Warschauer Takt

Wer das Team-WM-Finale besucht, sollte mindestens einen Tag dranhängen. Denn Warschau hat viel mehr zu bieten als nur das größe Speedwayrennen des Jahres. Reisetipps mit Fotos von Heike Kleene.


Es sind immer solche Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. In Warschau etwa in dem Geschlängelt vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Da nämlich steht, ein bisschen versteckt, etwas ganz Besonderes.


Wer an einem deutschen Flughafen mit Flüssigkeiten – Getränken, Kosmetika oder zu vielen Medikamenten – auffällig wird, kann sich auf was gefasst machen: „SiewissendochdassSedasnichmitanBordnehemdürfn;schmeißenSedasdarein.Sofort“


Doch statt des Schlunds einer Mülltonne wartet am Chopin-Flughafen von Warschau – eine Packstation. Samt Kartons, Klebeband und Portoautomat. Zumindest am „Fast Track“, dort ganz rechts an der Wand des Teminalgebäudes. Dort kann man seine überschüssigen Flüssigkeiten aufgeben, damit sie einem nach Hause zugestellt werden – statt dass Uniformierte sie mit betont strenger Miene einfach in einen Papierkorb wegkübeln.


Es ist ein Beispiel von vielen, das zeigt, warum es in Warschau – und höchst womöglich in ganz Polen – so viel besser vorangeht als in einem Land weiter westlich.


Gegenüber der Sigismundsäule wacht der Mond auf der anderen Weichsel-Seite übers Stadion. Foto: Heike Kleene
Gegenüber der Sigismundsäule wacht der Mond auf der anderen Weichsel-Seite übers Stadion. Foto: Heike Kleene

Der Mond ist schon aufgegangen. Die Restsonne taucht den Schlossplatz in mildes Licht. Und die Sigismundsäule wirft einen langen Schatten. In der Ferne, auf einer Sichtachse zum Denkmal des Königs, der Warschau statt Krakau zur Hauptstadt Polens machte, sieht man die imposanten Umrisse des Nationalstadions. Es ist der Tag der Generalprobe, der Bahntest findet wie immer an der Weichsel in Form eines Testrennens statt.


Der Fluss führt auffällig wenig Wasser. Eine Folge des heißen Sommers. Das Bild erinnert an den Rhein, es sieht erschreckend aus – ist aber eine von nur ganz wenigen Parallelen zwischen den beiden Nachbarländern. Das Stadtbild in Warschau ist auffällig anders: Gaukler musizieren oder führen Artistik auf. Der Schlossplatz ist auch abends noch voller Menschen, nachdem sich tagsüber schon Touristenmassen über ihn und durch die engen Gassen hin zur Stadtmauer gewälzt haben, meist in geführten Gruppen. Man fühlt sich sicher – und willkommen geheißen als Gast.


Nicht nur in der Altstadt, die mit ihren vielen Teigtaschenläden sehr touristisch angehaucht ist. Sondern auch in der modernen Fußgängerzone, die man über die Straße Krakowskie Przedmieście erreicht. Dort herrscht kein Leerstand wie in vielen deutschen Innenstädten. Dafür bevölkern auffällig viele junge Leute die Cafés, Geschäfte und Bäckereien. Warschau ist eine Universitätsstadt, das Leben pulsiert selbst in den Semesterferien.


Norbert Ockenga lässt sich in der Altstadt aus einer Futterluke Pierogi servieren. Foto: Heike Kleene
Norbert Ockenga lässt sich in der Altstadt aus einer Futterluke Pierogi servieren. Foto: Heike Kleene

In der Woche vorm Team-WM-Finale haben die Schüler ihre letzte Ferienwoche, entsprechend wuselig ist es in der Innenstadt, weil viele noch auf eine Städtereise vorbeischauen. Längs der Straße „Krakauer Vorstadt“ stehen bereits Infotafeln zum Gedenken an den Jahrestag des Warschauer Aufstands von 1944. Informativ, aber nicht anklagend, halten die Polen die Erinnerung aufrecht – unterfüttert von rotweißen Fahnen und Flaggen an beinahe jeder Häuserfront.


Es ist ein Patriotismus, der sich am Sonnabend mit voller Wucht ins Nationalstadion fortsetzen wird.


Man kann die Stadt binnen eines Tages auf Schusters Rappen erkunden. Allerdings braucht man gutes Schuhwerk und eine gewisse Grundkondition: 20 Kilometer muss man schon erwandern, um von der Altstadt über die Stadtmauer, die Straße Freta mit der 1944 bombardierten Kathedrale und dann zurück ins ehemalige Zentrum zu gelangen. Wer sich die Wanderung gönnt, erlebt eine Stadt mit drei biografischen Kapiteln:


Altstadt

Das Warschau, das wiedergekommen ist


Poniatowski → Mickiewicz → Sigismundsäule → Altstadtmarkt → Meerjungfrau → Barbakan → St.-Hyazinth-Kirche → Skłodowska-Curie → Świętojańska.


Man glaubt, durch eine jahrhundertealte Stadt zu laufen – und entdeckt nach und nach, dass fast alles, was man sieht, nach 1944 neu geschaffen werden musste.


Neustart

Aus den Ruinen zurück ins Leben


Wessel-Palast → Kościelna → Neustadt von oben → Pamiętamy → Brunnenpark → Nachkriegswohnen → Wars Sawa Junior.


Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete nicht, Warschau in ein Freilichtmuseum zu verwandeln. Die Stadt rekonstruierte ihre Geschichte und baute gleichzeitig eine neue Gegenwart.


Kommunistisches Intermezzo

Die Stadt, die nicht mehr dieselbe sein wollte


Palast der Kultur → Obelisk → Warszawa Centralna → Warszawa Śródmieście → Straßenbahn vor der Hochhausstadt in der sozialistischen Gigantostraße ulica Marszałkowska.


Die sozialistische Epoche hat Warschau nicht nur politisch, sondern auch architektonisch geprägt. Nach dem Ende des Kalten Krieges1989 wurden diese Bauten nicht ausgelöscht – sie wurden Teil einer völlig neuen Stadt.


Die Altstadt ist ein Touristenzentrum, die Restaurants auf schnelle Abfertigung mit typisch polnischer Kost ausgelegt – aber trotzdem unbedingt sehenswert, allein schon wegen der vielen Feinheiten, mit denen die im Krieg zerbombten Häuser wieder aufgebaut und rekonstruiert wurden. Besonders spannend ist aber das Flanieren längs der ulica Marszałkowska, wo die Relikte des von der UdSSR übergestülpten Kommunismus zu sehen sind: eine riesig breite, schnurgerade Straße mit mittigen Straßenbahn in Nord-Südrichtung, der Kulturpalast und am Platz der Verfassung das geschichtsträchtige MDM-Hotel. Nur jenes Café, in dem Lech Wałęsa sich mit seinen Getreuen zu konspirativen Treffen einfand, wenn er nicht gerade am Epizentrum der Revolution in Danzig war, existiert nicht mehr.

Der Gang durch drei Epochen führt in eine florierende Gegenwart; in eine moderne, freundliche und sichere Stadt, in der das Stadion der Team-WM nur durch zwei von insgesamt neun Weichsel-Brücken von der eigentlichen Innenstadt entfernt liegt. Direkt gegenüber findet sich neben dem Kopernikus-Wissenschaftszentrum am westlichen Weichselufer im Stadtbezirk Powisle in der Nähe des Studentenviertels eine ehemalige Industriehalle, die heute ein angesagtes Restaurant- und Barzentrum für verschiedene Geschmäcker sowie eine Markthalle beherbergt.


Die Galerie mit Bildern von Fotografin Heike Kleene zeigt, wie der Stadtrundgang durch Warschau am Tag nach dem Team-WM am besten gelingt und was Ihr unbedingt mitnehmen müsst:



Der Spaziergang beginnt am altehrwürdigen Hotel Bristol an der Straße Krakowskie Przedmieście. Direkt daneben steht der Präsidentenpalast mit dem Reiterstandbild von Jósef Poniatowski, einem bedeutenden Fürsten aus der napoleonischen Zeit – sowie mit einem Mahnmal für die 2010 bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk umgekommenen Regierungsmitglieder inklusive Staatschef Lech Kaczyński. Daneben steht das Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, der spätbarocke Wessel-Palast, in dem Generalstaatsanwaltschaft ihren Sitz hat.


Von dort gelangt man zur Sigismundsäule und dem mächtigen roten Schloss sowie zur alten Stadtmauer aus Backstein. Vor der ehrt eine Bronzestatue am Plac Zamkowy den Architekten Jan Zachwatowicz – den Kopf hinter dem originalgetreuen Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg.


Vom Schlossplatz aus gelangt man durch enge Gassen und typischen Pirgo-Restaurants, teils mit Futterluken zur Selbstbedienung, zum Altstadtmarkt mit Meerjungfrau, dem trutzig-wehrhaften Wappen- und Symbolmotiv der Stadt, und einem historisch bunten Gebäudeensemble – und zum Stadtmauertor, dem Barbakan. Durch das betritt man die Freta – eine Straße, die am Geburtshaus der Wissenschaftlerin Maria Skłodowska-Curie vorbeiführt. Dort finden Paraden zu Ehren des Militärs statt.


Wenig später erreicht man die steinernen Bären auf der Kanonia – einem kleinen dreieckigen Platz unmittelbar vor der Johanneskirche in der Warschauer Altstadt. Zum Viertel gehört auch eine Wunschglocke aus dem 17. Jahrhundert.


Die Straße Świętojańska verbindet die Altstadt mit dem Marktplatz. Man sieht überall reich verzierte Straßenlaternen und Zäune mit Ornamenten, aber auch kleine Kunstwerke oberhalb der Straßenschilder. In jedem Supermarkt findet sich eine polnische Fleischtheke mit zahlreichen Sorten Kiełbasa, darunter myśliwska, leśna, chłopska und podwawelska. Die geräucherten Würste gehören zu den bekanntesten Bestandteilen der polnischen Küche.


Nach der Stärkung auf zum Denkmal des polnischen Primas Stefan Wyszyński. Wyszyński steht für den katholischen Widerstand gegen den Kommunismus. Sein Denkmal bringt deshalb bereits die nächste Epoche ins Spiel: Warschau war nicht nur eine zerstörte Stadt, sondern auch ein Zentrum des Widerstands gegen die kommunistische Herrschaft.


Das Thema wird Teil 2 des Spaziergangs. Vom Bristol aus in der Gegenrichtung. Dort beginnt zunächst das Univiertel mit einer Statue von Astronom Nikolaus Kopernikus vor dem Staszic-Palais als Sitz der Wissenschaftlichen Gesellschaft. Weiter geht es mit dem Großen Theater und der Nationaloper, dann rechts ab in die Fußgängerzone Chmielna-Straße. Dort lauert in einem Hinterhof ein Kleinod aus einer Zeit, als polnische Künstler ihre Visionen vom Warschau der Zukunft auf Postkarten malen sollte. Eine riesige Wandkollage fasst die markantesten Ideen zusammen.


In der Śródmieście, der Innenstadt, erinnern alte Wohnblocks im Plattenbaustil sowie eine riesige Verkehrsachse samt des innenliegenden Bahnhofs Warszawa Centralna und des monumentalen Bahnhof Warszawa Śródmieście an die UdSSR-Zeit. Die Sowjets haben den Polen nicht nur den Kommunismus beschert, sondern auch einen gewaltigen Kulturpalast, der in der Innenstadt steht und inzwischen von Hochhäusern in einen kapitalistischen Konflikt verwickelt wird.


Die riesige Straße mit Straßenbahn führt raus zum Plac Konstytucji, wo sich das Marszałkowska Dzielnica Mieszkaniowa befindet – ein Wohnviertel, das die Sowjets für die Warschauer nach ihrem Gusto gebaut haben.






 
 
 

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